Tod auf dem Scheiterhaufen

Jan Hus wird am 6. Juli 1415 als Ketzer in Konstanz verbrannt, weil er Missstände in der Kirche anprangerte. Bis heute gilt er als Kämpfer für die Gewissensfreiheit

 

P.M. History - August 2015

 

Von Mauritius Much

 

Der Tag der Entscheidung beginnt mit einer Demütigung: Streng bewacht von Soldaten muss der böhmische Priester Jan Hus vor den Toren des Konstanzer Münsters warten. Es ist der Morgen des 6. Juli 1415, und im Inneren der großen Kathedrale feiern die 600 Teilnehmer des Konzils die Heilige Messe. Kardinäle, Erzbischöfe und andere kirchliche Würdenträger haben sich in der Stadt am Bodensee versammelt. Sie wollen die Spaltung der abendländischen Christenheit überwinden, die seit 37 Jahren anhält und mitunter zu drei Päpsten gleichzeitig führt. Heute jedoch fällen sie das Urteil über den Prediger Jan Hus, der die Kirche von Grund auf verändern will.


Seit November sitzt der Priester in Haft. Er gilt als Ketzer, seine Ideen als Häresie. So einer darf nach dem Urteil der Kleriker nicht mehr an der Messe teilnehmen. Er muss draußen warten wie ein Ausgestoßener. So lange, bis ihn der Erzbischof von Riga nach dem Gottesdienst in die Kathedrale bringen lässt. Dort muss er auf ein Podest in der Mitte des Kirchenschiffs steigen – damit jeder ihn sehen kann. Die Anklageschrift wird verlesen: 30 Punkte sind es insgesamt. Immer wieder protestiert Hus lautstark, will die Vorwürfe entkräften. Dann ist es so weit: Der italienische ­Bischof von Concordia verkündet das Urteil. Es ist hart, grausam, tödlich: Ja, Hus ist ein Ketzer. Seine Ideen sind Irrlehren, seine Schriften werden verbrannt – und ihm selbst droht nun der Scheiterhaufen. 


Seit dem Hochmittelalter steht auf Ketzerei der Tod durch das Feuer. Doch das Konzil bietet dem Priester an, sein Leben zu schonen. Wenn er dafür seine Thesen widerruft und ihnen für immer abschwört. Es ist still im Kirchenschiff, als Jan Hus zu sprechen beginnt. Mit lauter Stimme sagt er: „Ich will nicht lügen angesichts Gottes noch gegen mein Gewissen und die Wahrheit handeln … Ich kann auch die vielen Menschen nicht enttäuschen, denen ich gepredigt habe. Ich will nicht wider­rufen!“


Ein Raunen geht durch die Menge. König Sigismund I., der mächtigste weltliche Herrscher jener Zeit und Teilnehmer des Konzils, hat wie so viele mit einem Widerruf gerechnet. Nun steht fest: Jan Hus ist verloren.


Doch wer ihn kennt, kann nicht überrascht sein. Standhaftigkeit ist ein wesentlicher Zug des böhmischen Kirchenmannes. Um das Jahr 1370 geboren, will er schon als Schüler Priester werden. Dieses Ziel verfolgt er an der Universität Prag stetig weiter, bis er es erreicht: Noch während seines Theologiestudiums wird er um das Jahr 1400 zum Priester geweiht. Allerdings ändern sich im Lauf der Zeit seine Motive: Versprach er sich als junger, mittelloser Mann durch das Priestertum ein sicheres Einkommen und hohes Ansehen, so sieht er jetzt seine Berufung darin.


Denn im Jahr 1398 hat er ein Erweckungserlebnis. Er liest die Schriften eines englischen Theologen und was er liest, berührt ihn und verändert sein Denken über den Glauben und die Kirche. Er verehrt den Autor John Wyclif, der etwa von 1330 bis 1384 lebte. Enthusiastisch schreibt Hus an den Rand der Texte: „Lieber Wyclif, Gott gebe Dir das himmlische Königreich.“ An einer anderer Stelle hält Hus fest: „O Wyclif, nicht nur einem verdrehst Du den Kopf.“ Die Vorlesungen des Oxforder Doktors sollten Hus’ eigene Lehre und sein ganzes weiteres Leben beeinflussen. „Bei Wyclif hatte Hus die Wahrheit entdeckt, an der er bis zu seinem Tod festhalten sollte“, sagt sein Biograf Peter Hilsch, Historiker an der Universität Tübingen.


Wie Wyclif stellt sich auch Hus die Kirche als eine Einheit der Auserwählten vor: Sie ist nicht hierarchisch wie der römisch-katholische Klerus mit dem Papst an der Spitze und unter ihm die Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe, Pfarrer und Priester. Stattdessen ist sie eine Gemeinschaft von Gläubigen. Ihr: einziges Haupt: Jesus Christus. Ihr einziger Leitfaden: die Heilige Schrift. „Für Wyclif und Hus“, sagt Peter Hilsch,  „ist die Bibel schlicht die Wahrheit und das Fundament des Glaubens.“


Ob er zu Hus’ Kirche der Prädestinierten gehört oder verdammt ist, dessen kann sich kein Mensch zu Lebzeiten sicher sein. Allerdings sind gute Taten und ein Leben ohne Sünden Anzeichen dafür, ein Auserwählter zu sein. Das gilt besonders für die Geistlichen. Ihre Aufgabe ist es, das Evangelium zu verkünden. Wie einst die Apostel Jesu sollen sie arm, keusch und demütig sein. Keinesfalls dürfen sie mit Frauen schlafen, sich Alkohol oder Glücksspiel hingeben oder habgierig sein. Überhaupt lehnt Hus den weltlichen Besitz des Klerus ab und wendet sich entschieden gegen Kauf und Verkauf kirchlicher Ämter. Auch den Ablasshandel verurteilt er, eine übliche Praxis der damaligen Zeit: Bußfertige Gläubige können den Strafen, die sie nach ihrem Tod im Jenseits zu erwarten haben, schon zu Lebzeiten durch einen Ablass entgehen. Dafür müssen sie nach der Beichte eine Pilgerfahrt machen, sich an einem Kreuzzug beteiligen – oder sich freikaufen. 


Vor seinem Erweckungserlebnis durch die Traktate von John Wyclif liebte Hus selbst das leichte Leben: Er aß und trank mit Genuss und feierte Karneval. Zudem soll erl exzessiv Schach gespielt haben, das Duell am Brett seiner geistlichen Arbeit vorgezogen haben. Das alles unterlässt er nach seiner Erweckung durch Wyclif. Ein lasterhaftes Leben können ihm seine Ankläger später nicht vorwerfen.


Seit er im Jahr 1402 Prediger der Bethlehemskapelle in der Prager Altstadt wird, nimmt er seine Aufgabe als Seelsorger sehr ernst. Die Gläubigen wachsen ihm ans Herz – ob arm oder reich, ob Handwerker oder Gelehrter. Mit vielen verbinden ihn Freundschaften, die auch nach seiner Flucht aus Prag 1412 nicht abreißen. Selbst im Gefängnis in Konstanz schreibt er einigen noch Briefe.


Dass Hus von der Kanzel der Bethlehemskapelle herab gegen die Missstände in der Kirche und die Zügellosigkeit ihrer Vertreter wettert, ist im Spätmittelalter nichts Ungewöhnliches.

 

Es ist eine krisenhafte Zeit: Die Pest sucht ­Europa zwischen 1348 und 1450 in mehreren Wellen heim. Die Bevölkerung des Kontinents schrumpft um die Hälfte. Auch Hungersnöte, Regenfälle und Missernten tragen dazu bei. Viele interpretieren dies als Strafe Gottes. So richtet der Herr die sündigen einfachen Menschen, aber auch den Klerus.


Jan Hus’ Kritik an der Lasterhaftigkeit der Geistlichen findet nicht nur die Zustimmung des einfachen Volkes. Sogar Königin Sophie soll seine Predigten besucht haben. Denn Hus erreicht die Herzen der Menschen mit seiner Redegabe. „Wahrscheinlich hatte er wegen seiner Fähigkeit, die Missstände in der Kirche klar und deutlich zu benennen, eine so große Resonanz“, sagt Peter Hilsch. „Zudem predigte er nicht auf Lateinisch, sondern in der Landessprache Tschechisch, sodass die einfachen Menschen ihn gut verstehen konnten.“ Kein Wunder, dass die Bethlehemskapelle mit bis zu 3000 Menschen, die im Gotteshaus stehen müssen, regelmäßig bis zum Bersten gefüllt ist. Dabei predigt Hus viel und mit großer Freude: zweimal an jedem Sonntag sowie ein- bis zweimal pro Woche – in der Fastenzeit und im Advent sogar täglich.


Solange seine Attacken allgemeiner Natur sind, stößt er selbst beim böhmischen Klerus auf offene Ohren. Gefährlich wird es erst, als sich seine Vorwürfe immer konkreter gegen bestimmte Kirchenmänner richten und er beginnt, Wyclifs Lehren öffentlich zu vertreten. Denn der Engländer gilt als Ketzer. Schon 1377 hatte der damalige Papst Gregor XI. manche Thesen des Oxforder Reformers als Gotteslästerung geschmäht. 1408 spricht der Prager Erzbischof ein Machtwort. Fortan darf in Böhmen nicht mehr gegen den Klerus gepredigt werden. Doch Hus lässt sich nicht den Mund verbieten. Der Erzbischof schließt ihn daraufhin aus der Gemeinschaft der Gläubigen aus. 1410 darf Hus keine Gottesdienste mehr feiern und nicht mehr predigen.


Der Konflikt schaukelt sich bis zum Jahr 1412 immer weiter hoch, keine Seite will nachgeben: Der prinzipientreue Hus ist von seiner Sache genauso überzeugt wie seine Gegner. „Nach damaligen Verständnis der katholischen Kirche war das, was Hus verkündete, Ketzerei“, sagt der Historiker Franz ­Machilek, der seit Jahrzehnten über den Böhmen forscht. „Denn er stellte nicht nur den Papst, sondern die gesamte kirchliche Hierarchie infrage.“ Das sieht Hus anders, weshalb er bei der Kurie in Rom Klage einreicht. Doch die wendet sich gegen ihn, eröffnet ihrerseits ein Verfahren gegen ihn wegen der Verbreitung häretischer Irrlehren.

 

Hus wird nach Rom vorgeladen. Doch der böhmische Priester erscheint nicht. Stattdessen predigt er unverdrossen weiter, seine Angriffe gegen den Klerus nehmen an Schärfe zu. Die Gläubigen scharen sich um ihn. Ursprünglich ist die böhmische Reformbewegung, die bereits Ende des 14. Jahrhunderts entstand, auf die Theologen der Universität Prag beschränkt. Hus ist anfangs nur ein Teil von ihr. Doch nach 1408 wird er zur Führungsfigur der Bewegung, die stetig wächst. Zunächst schließen sich ihm viele Menschen in Prag an. Dann breiten sich seine Lehren in ganz Böhmen aus. Hus predigt überwiegend in seiner Muttersprache und treibt die Übersetzung der Bibel ins Tschechische voran. Bis heute wird er in Tschechien als Nationalheld gefeiert.


Zunächst stützt auch König Wenzel IV. den umstürzlerischen Hus und seine Bewegung. Doch dann lässt der Herrscher ihn fallen, aus politischen Gründen. Hus ist ab sofort in Prag nicht mehr sicher und flieht im Oktober 1412 aufs Land. Weil er nicht in Rom erschienen ist, wird die Exkommunikation gegen ihn verschärft: Nun werden seine Anhänger und überhaupt alle Menschen, die mit ihm Kontakt haben, ebenfalls aus der Kirche ausgeschlossen.


Nach zwei Jahren, in denen Jan Hus sich an verschiedenen Orten in Böhmen versteckt hält, bietet sich ein Ausweg an: Im Jahr 1414 macht ihm der römisch-deutsche König Sigismund das Angebot, sich vor dem Konzil von Kon­stanz zu rechtfertigen. Gleichzeitig verspricht er Hus freies Geleit. So kann der böhmische Priester sicher nach Kon­stanz reisen und sich dort aufhalten. Hus weiß, dass das Konzil ihn möglicherweise als Ketzer verurteilt, dass ihm der Scheiterhaufen droht. Aber er sehnt sich unbändig nach seiner Tätigkeit als Prediger. So hofft er, auch wenn das naiv erscheint, dass man ihm auf dem Konzil recht gibt. Dass er seine Flucht beenden und endlich wieder das tun kann, was ihm das Liebste ist – in der Bethlehemkapelle zu seiner Gemeinde sprechen.  


Doch noch bevor König Sigismund an Weihnachten 1414 in Konstanz eintrifft, sitzt Hus dort schon in Haft. Seine Gegner in der Kurie haben die Gelegenheit sogleich ­genutzt, den Ketzer dingfest zu machen. Sie missachten das Versprechen auf freies Geleit. Sigismund protestiert zwar heftig gegen den Bruch seines Versprechens an Hus. Er gibt dann aber nach. Und so kommt es, dass Jan Hus zum Tode verurteilt wird.

 

Nachdem er im Konstanzer Münster am Vormittag des 6. Juli 1415 seine Lehren nicht widerruft, setzen ihm die Bischöfe eine Papiermütze auf, bemalt mit drei Teufeln und beschrieben mit den Worten: „Dieser ist ein Erzketzer.“ Soldaten führen ihn aus der Stadt. Hus kommt an einem Friedhof vorbei, auf dem zur Stunde seine Schriften verbrannt werden.


Auf einer Wiese vor den Toren der Stadt binden Soldaten den Prediger mit Stricken an einen Pfahl. Schichten Holz und Stroh um ihn auf. Entzünden eine Fackel, werfen sie ins Stroh. Das Feuer frisst sich hinein, Flammen züngeln hoch. Hus, so heißt es, ruft laut: „In der Wahrheit des Evangeliums, die ich geschrieben, gelehrt und gepredigt habe, will ich heute fröhlich sterben!“


Dass er sich weigert, seine Lehren abzuschwören, hat nicht nur mit Standhaftigkeit zu tun. Er denkt auch an das Schicksal seiner Mitstreiter. „Ein Widerruf hätte nicht nur sein Lebenswerk, sondern auch seine Anhänger in Böhmen diskreditiert“, sagt Franz Machilek. So bekommt die Bewegung immer stärkeren Zulauf: 1419 bricht in Böhmen die hussitische Revolution aus, der Auftakt zu den Hussitenkriegen.


Jan Hus wird zum Märtyrer: „Erst da Hus tot war, wurden seine Gedanken eigentlich lebendig“, sagt der Historiker Leopold von Ranke im 19. Jahrhundert. Noch 600 Jahre nach seinem Tod ist der böhmische Prediger unvergessen: Für die Protestanten ist er der erste Märtyrer der Reformation. „Wir sind alle Hussiten!“, soll Martin Luther ausgerufen haben, als er Hus’ Hauptwerk „De ecclesia“ liest und viele Gemeinsamkeiten mit seinen Thesen entdeckt. In der katholischen Kirche hingegen ist der „Ketzer“ bis heute nicht rehabilitiert.

 

Mauritius Much hält Jan Hus für einen Erneuerer, der nicht nur Missstände in der Kirche anprangerte. Er verteidigte seine Lehre bis zum Feuertod: Deshalb lebe er noch heute weiter.