Tief im Süden

Im Januar 1616 suchen niederländische Seefahrer vor Feuerland eine neue Passage in den Pazifik. Sie entdecken dabei die Spitze von Südamerika: Kap Hoorn.

 

P.M. History - Februar 2017

 

Von Mauritius Much

 

Wasser. Wasser. Und nichts als Wasser. Vor zehn Tagen ist der niederländische Dreimaster "Eendracht" im argentinischen Patagonien aufgebrochen und segelt seitdem nach Süden. Die 87 Mann an Bord des Schiffes werden immer unruhiger. Ihnen setzt die Kälte immer mehr zu, je weiter sie in die subpolare Zone vordringen. Und es ist kein Land in Sicht. Einige Seeleute murren, sie zweiferln an ihrer Mission, einen neuen Weg in den Pazifik zu finden. 


„Land in Sicht!“, brüllt plötzlich ein Seemann. Die Männer an Bord umarmen sich und jubeln, auch wenn an diesem Nachmittag des 23. Januar 1616 erst nur „kleine Inseln und Felsbrocken“ zu erkennen sind, wie es im Reisejournal heißt. Expeditionsleiter Jacob Le Maire ändert den Kurs nach Ost-Südost. In der Nacht macht er kein Auge zu. Die Aufregung bringt ihn um den Schlaf. Wird das unbekannte Land einen Durchlass auf die andere Seite des Kontinents bieten? Eine Art Kanal? Oder kann man es umsegeln, und so in den Pazifik vorstoßen. Das nämlich war das große Ziel der Expedition: „Wir sollten versuchen, auf einem anderen Weg in die Südsee zu gelangen als durch die Magellanstraße“, so das Logbuch.

 

Denn die Magellanstraße darf nicht jedes Schiff passieren. Und schon gar nicht kostenlos. 

 

Seitdem der Portugiese Ferdinand Magellan diese Passage zwischen dem südamerikanischen Kontinent und Feuerland 1520 entdeckt hat, ist sie die einzige schiffbare Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik. Und die niederländische Ostindienkompanie hat sicht 1602 ein Monopol über sie gesichert - wie auch über die Route um das Kap der guten Hoffnung im Süden Afrikas. Wer diese Wasserstraßen ohne ihre Genehmigung nutzen und von einem Ozean in den nächsten wechseln will, der muss sich auf harte Strafen im nächsten Hafen gefasst machen.

 

Die Suche nach einer Alternativroute hatte Isaac Le Maire geplant, der Vater von Jacob. In der Hafenstadt Hoorn sammelte er bei vermögenden Bürgern Geld ein, um zwei Schiffe, "Eendracht" und "Hoorn", mit 87 Mann Besatzung ausstatten zu können. Von der westfriesischen Insel Texel waren die Schiffe am 14. Juni 1615 aufgebrochen. Sie segeln an den Azoren, Madeira, den Kanaren und Kapverden vorbei. Als das westafrikanische Sierra Leone im September erreicht wird, ruderten Matrosen an Land und suchten exotische Zitronen. 


Von Sierra Leone aus haben die Schiffe den Atlantik überquert, laufen im Dezember in Puerto Deseado ein. In Patagonien fängt die Crew Seelöwen und Pinguine, um sie zu verspeisen. Dort machen die Seeleute auch die Schiffe flott, die bei der Atlantiküberquerung gelitten haben. Als sie die Planken der "Hoorn" mit Pech abdichten wollen, fängt das Schiff Feuer und brennt vollständig nieder. 22 Mann müssen auf die "Eendracht" umsteigen.

 

Jacob Le Maire steht am frühen Morgen des 24. Januar auf. Voller Euphorie geht er an Deck. Doch was er sieht, enttäuscht ihn bitter: Statt Inseln nur festes Land mit hohen Bergen voller Schnee. Ein durchgehender Kontinent, so ist es in den Karten eingezeichnet. Wo soll hier eine Durchfahrt sein?

 

Angestrengt hält er Ausschau. Dann brüllt er: „Kanal in Sicht!“ Die Crew stürmt zur Reling. Tatsächlich, eine Wasserstraße ist zu sehen – und dahinter hohe und gefährlich aussehenden Berge und Klippen.

 

Vorsichtig steuert der Kapitän die Einfahrt zum Kanal an. Mit dem Lot misst die Crew die Tiefe - nur nicht auf Grund laufen, das wäre in der abgelegenen Gegend eine Katastrophe. Ein Seemann wirft das Senkblei aus - er findet keinen Grund. Gut! „So segelten wir mit großer Freude durch diese herrliche Passage und dankten Gott, dass er uns … verliehen hatte, wonach wir so sehr verlangt hatten“, heißt es im Journal.

Die Ufer mit ihren Sandstränden sehen einladend aus. Eine frische Brise kommt auf, dann beginnt es zu regnen. Der Nordwind bringt die "Eendracht" gut voran. Am Nachmittag ist weit voraus am Horizont ein wenig Land zu sehen - aber viel Wasser. Die Wasserstraße ist durchfahren. An Bord brandet Jubel auf: „Wir haben eine Passage entdeckt, die noch niemand vor uns durchfahren hat!“


Der Dreimaster hält weiter Kurs Süd-Südwest – fast vier Tage lang. Irgendwann muss das Land Steuerbord doch zu Ende sein. Tagsüber ist es eiskalt. „Selbst der Teufel würde in dieser Hölle einfrieren“, soll Charles Darwin gut 200 Jahre später über diese Gegend gesagt haben. Dann zieht plötzlich ein Sturm auf. Das Schiff schaukelt in den mächtigen Wellen hin und her, Wasserfontänen ergießen sich über die Reling. Die Besatzung klammert sich an den Masten oder anderswo fest, um nicht über Bord zu gehen. Heftige Stürme und hoher Seegang sind typisch für die Südspitze von Südamerika. Wind und starke Strömungen können vorm Festland ungehindert zirkulieren. Das macht die Passage für Segelschiffe zu einer der gefährlichsten Routen auf der Welt. Bis heute sind dort 800 Boote gekentert, über 10.000 Menschen umgekommen.


Ganze 24 Stunden wütet der Sturm - doch die "Eendracht" kommt durch. Am Morgen des 29. Januar 1616 klart das Wetter endlich auf. Jetzt erkennt die Besatzung Inseln am Horizont. Der Kapitän Willem Schouten steuert das Schiff backbord an ihnen vorbei. Gegen Abend kommt plötzlich ein weiteres Eiland in Sicht. „Nach dem Mittag sahen wir Land …, sehr hoch und weiß von Schnee, und erblickten zwei hohe Berge“, heißt es im Reisejournal. Dahinter sieht die Crew nur noch Meer. Die Südspitze Südamerikas ist umfahren.

 

Jacob Le Maire ruft die Besatzung zu sich und verkündet feierlich: „Diese Landspitze nenne ich hiermit zu Ehren der Stadt Hoorn, die diese Expedition ausgerüstet hat, Kap Hoorn!“ Die Männer applaudieren, dann kehren sie ihrer harten Arbeit zurück.

 

Das Schiff segelt nun westlich. Bald entdeckt die Besatzung weitere Inseln, die heute Teile Tongas und Papua-Neuguineas sind, bevor sie über die Molukken nach Java gelangt. Dort lässt der Gouverneur der niederländischen Ostindienkompanie die Männer am 1. November 1616 gefangen nehmen und das Schiff beschlagnahmen. Denn er glaubt nicht, dass Le Maire eine neue Route entdeckt haben. Er wirft ihm vor, das Monopol der Kompanie gebrochen und die Magellan-Straße illegal passiert zu haben. Als Gefangener soll er in die Niederlande gebracht werden, stirbt aber unterwegs im Dezember 1616. Jahrelang kämpft sein Vater vor Gericht, bis die "Eendracht" freigegeben und Jacob Le Maire als Entdecker der Route um das Kap Hoorn anerkannt wird (gemeinsam mit Kapitän Schouten).

 

Schon bald wird sich die Route zu einer echten Alternative zur Magellan-Straße entwickeln: Mitte des 18. Jahrhunderts hat die neue Passage der alten sogar den Rang abgelaufen. Denn hier haben die Schiffe mehr Platz zum Manövrieren als in der engen Wasserstraße weiter nördlich.

 

Spätestens mit dem Bau des Panamakanals Anfang des 20. Jahrhunderts ist jedoch die Blüte von Kap Hoorn vorbei. Heute ist es dort so einsam wie Anfang des 17. Jahrhunderts.