Praxisseminar in Guantanamo

 

Die amerikanische Jurastudentin Sarah Lorr vertritt im Rahmen eines Seminars einen Guantánamo-Häftling. Sie hat große Hoffnung, dass ihr Mandant bald freikommt

 

Zeit Online / 15. April 2009

 

Von Mauritius Much

 

Ein bisschen stolz ist Sarah Lorr schon, als der Soldat sie ins Gefangenenlager eskortiert. Immerhin ist sie die erste Studentin in Guantánamo. Monatelang musste die 25-Jährige warten, bis das US-Justizministerium ihre Vergangenheit und ihr Umfeld sorgfältig ausgeleuchtet und ihr die Besuchserlaubnis für das Lager erteilt hatte. Dort darf sie ihren Mandanten, den Jemeniten Sanad al-Kazimi, in einem länglichen Betonschuppen namens Camp Echo treffen. Zusammen mit drei weiteren Jurastudenten vertritt sie ihn als Anwältin – im Rahmen eines Praxisseminars in Jura an der Fordham University in New York.

 

Durch mehrere Stacheldrahttore folgt sie der Eskorte zum Sicherheitscheckpoint. Dort sieht sich ein Wachposten jedes einzelne Blatt ihrer Anwaltsmappe an. Penibel untersucht er dann mitgebrachtes Trockenobst, Nüsse und Honig für Sarahs Mandanten. Erst nach zwanzig Minuten darf sie nach Camp Echo, wo al-Kazimi mit Fußfesseln an den Zellenboden gefesselt ist und auf sie wartet. Jetzt fühlt sie keinen Stolz mehr, das Lager ist nur noch bedrückend und schrecklich für sie. Gleichzeitig spürt sie mehr denn je, dass ihr Einsatz für die Gefangenen richtig ist. "Ich schäme mich für all das Unmenschliche, was meine Regierung hier anrichtet. Ich will dazu beitragen, dass diese Menschenrechtsverletzungen so schnell wie möglich aufhören."

 

Maximal ein Jahr wird Sarah Lorr noch nach Kuba zu Sanad al-Kazimi fliegen müssen. Dann will US-Präsident Barack Obama das Lager geschlossen haben. "Ich habe mich sehr darüber gefreut", erinnert sich Sarah. "Es ist ein sehr starkes Zeichen, dass er den Befehl gleich am ersten Tag im Amt unterzeichnet hat." Doch das Ende von Guantánamo muss noch lange nicht das Ende der Gefangenschaft für Sanad al-Kazimi und die restlichen rund 240 Häftlinge bedeuten. Denn selbst wenn das Lager geschlossen wird, ist nicht klar, ob al-Kazimi als freier Mann zu seiner Frau und den vier Kindern in den Jemen zurückkehren darf oder sich vor einem zivilen Gericht in den USA verantworten muss.

 

Das US-Verteidigungsministerium wirft ihm vor, ein Ausbildungslager von al-Qaida in Afghanistan besucht zu haben und sogar Osama bin Ladens Leibwächter gewesen zu sein. Letzteres bestreitet al-Kazimi, während er den Aufenthalt im Ausbildungscamp in den Verhören zugegeben hat. Im Januar 2003 wurde al-Kazimi in den Vereinigten Arabischen Emiraten verhaftet und nach Afghanistan gebracht. Acht Monate soll er im berüchtigten CIA-Geheimgefängnis "Prison of Darkness" in Kabul gefoltert worden sein, bevor er nach Guantánamo kam, sagt Professorin Martha Rayner, die das Praxisseminar von Sarah leitet und Sanad al-Kazimi seit fünf Jahren kennt.

 

Solange die Regierung Obama nicht konkretisiert, was mit den Guantánamo-Häftlingen passieren soll, lebt al-Kazimi weiter in Unsicherheit. Auch für Sarah und ihre drei Kommilitonen hat sich am Kampf für seine Freilassung seit  Obamas Amtsantritt nichts geändert: Sarah besucht ihren Klienten, schreibt seinen Angehörigen und hat Zugang zu den Geheimakten über ihren Mandanten. Ein anderes Teammitglied klagt bei der UNO gegen die Folter von Sanad al-Kazimi durch US-Behörden. Ein weiterer Student schreibt Petitionen und Einsprüche an das Justizministerium, um mehr Informationen über den Fall des Mandanten zu bekommen. Das vierte Teammitglied klagt vor zivilen US-Gerichten, dass ihr Mandant zu Unrecht und wegen unzulässiger Beweise, die man von ihm unter Folter bekam, festgehalten wird. Professorin Rayner berät die Gruppe und hat die Oberaufsicht.

 

Jeden Donnerstagmorgen nimmt das Team mit weiteren fünf Studenten, die einen zweiten Guantánamo-Häftling betreuen, am theoretischen Teil des Seminars von Martha Rayner teil. Dabei diskutieren sie die Auswirkungen der Politik Obamas auf ihre beiden Mandanten. Außerdem arbeiten sie sich in das komplexe internationale Recht ein. Im Kurs herrschte nach Obamas Wahlsieg große Euphorie. "Mittlerweile sind wir alle ein bisschen zurückhaltender geworden", sagt Sarah Lorr. Die Studenten haben schnell begriffen, dass mit dem Ende von Guantánamo ihre Mandanten noch lange nicht frei sind. "Trotzdem bin ich optimistisch, dass Sanad bald nach Hause darf", sagt Sarah Lorr.

 

Auch al-Kazimis Familie im Jemen ist voller Hoffnung, weiß Sarah aus regelmäßigen Telefonaten mit seinem Schwager. Den Optimismus von Familie und Anwältin teilt Sanad al-Kazimi hingegen nicht.  Er ist sehr vorsichtig, während er mit Sarah spricht. Er weiß von Obamas Ankündigung, doch er ist überhaupt nicht euphorisch."Er glaubt nicht mehr daran, dass ihm Gerechtigkeit widerfahren wird. Schon so oft wurde seine Hoffnung auf Freilassung enttäuscht", sagt Martha Rayner. Mehrmals hat der oberste US-Gerichtshof schon zugunsten der Gefangenen entschieden, doch noch immer ist er in Haft.

 

Als Sarah nachmittags Camp Echo verlässt, kann sie Sanads Skepsis verstehen: Das nahe blaue Meer und die Sandstrände der Karibikinsel sieht er gar nicht. Für ihn gibt es nur graue Gebäude, Staub und Stacheldraht. Jetzt spürt sie, wie einsam und hoffnungslos das Lager macht.