Nicht ganz koscher

 

Im österreichischen Alpendorf Serfaus sind sich die Hoteliers uneinig: Die einen verdienen mit jüdischen Gästen gutes Geld, die anderen lassen keine Juden ins Haus. Zu Besuch in einem Ort, der uns Sorgen macht.

 

Süddeutsche Zeitung Magazin / 5. November 2010

 

Von Mauritius Much

Es ist zehn Minuten nach Mitternacht, als Leonard Norten* die »Wellness-Residenz Schalber« betritt. Er macht Urlaub und will sich ein Zimmer des Fünf-Sterne-Hotels in Serfaus in Tirol anschauen. Sein Schwager begleitet ihn an diesem Sommerabend, die beiden Männer tragen weiße Hemden, schwarze Anzughosen und kreisförmige Kappen auf dem Hinterkopf – Kippas, die Juden zum Beten aufsetzen, orthodoxe Juden auch im Alltag.

Am Empfang steht Sebastian Lehmann, der Nachtportier. Er ist späten Besuch gewohnt, täglich bekommt er deshalb eine Liste mit drei bezugsfertigen Zimmern, die er an unangemeldete Gäste vergeben kann. Als er die Männer zum Fahrstuhl führt, um ihnen eines der Zimmer zu zeigen, stellt sich der Barchef in den Weg: »Raus. Der Chef sagt, die müssen raus«, sagt er bestimmt. Dann läutet das Telefon an der Rezeption. Vom Handy aus meldet sich Alois Schalber, der Hotelchef. Er hat das Hotel genau in dem Moment verlassen, als die beiden orthodoxen Juden es betraten. »Sind die jetzt draußen?«, schreit er wütend, »ich will hier keine Juden haben.«

Leonard Norten, 26, und sein Schwager werden aufgefordert, das Hotel zu verlassen. Sie ziehen fassungslos ab. Norten ist in Österreich geboren, als er zwei Jahre alt war, zogen seine Eltern nach Antwerpen. Viele seiner Verwandten wurden nach Auschwitz deportiert. Für Sebastian Lehmann, den Nachtportier, hat der Vorfall ein Nachspiel. Am nächsten Tag wird ihm gekündigt.

Es ist nicht das erste Mal, dass jüdische Gäste in Serfaus abgewiesen werden. Im Frühjahr 2009 wollte ein fünffacher jüdischer Familienvater eine Ferienwohnung im »Haus Sonnenhof« buchen. Er erhielt eine Antwort-E-Mail von der Besitzerin: Man wolle »nach schlechter Erfahrung vom August 2008 keine jüdischen Gäste mehr beherbergen«. Daraufhin verzichtete er auf einen Urlaub in Serfaus. In solch einem »rassistischen Nest« wolle er seine Ferien nicht verbringen, sagte er der Tiroler Tageszeitung. Medien aus der ganzen Welt berichteten über den Fall.

Sein Dorf ein rassistisches Nest? »Ich kann als Gemeinde sagen, wir haben überhaupt keine Probleme mit den orthodoxen Juden«, widerspricht Paul Greiter, seit sieben Monaten Bürgermeister von Serfaus. Den Vorfall vom vergangenen Jahr möchte er nicht mehr kommentieren. Vom Rauswurf der beiden orthodoxen Juden aus Antwerpen und der Entlassung des Nachtportiers in der »Wellness-Residenz Schalber« höre er zum ersten Mal. »Also ich denke absolut, dass das Einzelfälle sind«, sagt er. Und er verweist darauf, wie gern die orthodoxen Gäste in seinem Ort Urlaub machen.

In der Tat, Serfaus ist sehr beliebt bei orthodoxen Juden. Vor vier Jahren vereinbarten die Besitzer des Hotels »Alte Schmiede« mit dem israelischen Reiseveranstalter Tour Olam, das Hotel für zwei Monate im Sommer komplett auf die Wünsche der jüdischen Gäste umzustellen. Das hat sich herumgesprochen: Sommer für Sommer schlendern immer mehr Gäste mit Kippa oder schwarzen Hüten durch das Dorf am Fuße der Berge der Samnaungruppe. Im Nachbarort Fiss wird jeden Sommer ein Gebetsraum eingerichtet, Supermärkte bieten koschere Produkte an. Menachem Schechter, ein Rabbi aus Haifa, wohnt die beiden Sommermonate in der »Alten Schmiede« und achtet darauf, dass dort das Essen koscher zubereitet wird: Die Küche des Hotels wird so umgestaltet, dass es zwei getrennte Bereiche für die Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen gibt. Am Freitag, vor dem Sabbat, werden die Bewegungsmelder für das Licht, die Händetrockner in den Toiletten und der Fahrstuhl abgestellt, die Schiebetüren am Eingang bleiben offen, am Sabbat dürfen orthodoxe Juden keine elektrischen Geräte bedienen. In der Hochsaison wohnen bis zu 120 orthodoxe Juden gleichzeitig im Hotel »Alte Schmiede«. »Wir nehmen sie sehr gern auf. Sie sind total aufgeschlossen«, sagt Sonja Purtscher, die Juniorchefin. Hat der Bürgermeister also recht und es handelt sich wirklich nur um Einzelfälle, die den sonst harmonischen Umgang mit den orthodoxen Juden im Ort ein wenig trüben?

Am Tresen der »Dorfschenke« sitzen einige Männer und trinken Trumer Pils: »Ob Israeli oder Holländer, ich freue mich wirklich über jeden Touristen, jeder Gast ist willkommen in Serfaus«, sagt ein Mitarbeiter einer Baufirma, er ist um die vierzig. Auf dem Barhocker neben ihm meint ein junger Hoteliersohn, Mitte zwanzig, mit breitem Grinsen: »Die würd ich nie bei uns im Hotel aufnehmen.« Ein paar Straßen weiter erzählt eine Hoteliersfrau, dass sie von einigen Einheimischen dumm angeredet wird, wenn sie abends ausgeht – nur weil sie Juden aufnimmt: »Sie zerreißen sich das Maul über uns und erzählen Sachen über die jüdisch-orthodoxen Gäste, die gar nicht stimmen.« Angeblich würden sie Betttücher zerschneiden. Oder sie ruinierten das Inventar, machten die Fußböden kaputt oder zerstörten die Herdplatten. »Komisch«, sagt Sonja Purtscher, die Juniorchefin der »Alten Schmiede«, »zu uns kommen orthodoxe Juden schon den fünften Sommer. Bei uns ist noch nie etwas passiert.«

Trotzdem haben manche Hoteliers ihre Methoden entwickelt, um die unerwünschten Gäste frühzeitig zu erkennen und abzulehnen. »Das ist ganz einfach«, sagt eine Wirtin, die orthodoxen Juden könnten beispielsweise nie am Samstag anreisen, wegen der Sabbatruhe. Wenn sie freitags oder sonntags einchecken möchten, sei das also ein erster Hinweis. Zudem wollten sie auch immer einen eigenen Kühlschrank im Zimmer haben, für ihre koscheren Speisen. »Wenn man das alles bei der Buchung merkt, kann man schon sehr sicher sein, dass es ein Jude ist.« Die »Wellness-Residenz Schalber« setzt bei Buchungsanfragen ganz darauf, jüdisch-orthodoxe Gäste an ihren Nachnamen zu erkennen. So jedenfalls hat es der Nachtportier Sebastian Lehmann gelernt. Außerdem solle man orthodoxe Juden »mit Fingerspitzengefühl« abweisen, wenn sie an der Rezeption nach einem Zimmer verlangten, bekam er vom Personalchef zu hören. Als Lehmann entgegnete, dass er jüdische Gäste nicht aus dem Hotel werfen würde, weil es diskriminierend sei, meinte der Personalchef: »Ich bin kein Rassist, will aber diese Leute hier auch nicht haben.«

Offiziell klingt das ganz anders. Entrüstet weist der Personalchef alle Anschuldigungen zurück. Er bestreitet, dass Lehmann entlassen wurde, weil er die orthodoxen Gäste ins Hotel ließ und ihnen ein Zimmer zeigen wollte. Vielmehr sei er nicht in der Lage gewesen, eine einfache Dienstanweisung zu befolgen: »Der Nachtportier ist der einzige Mitarbeiter an der Rezeption nach 23 Uhr und hat seinen Dienstplatz nicht zu verlassen.«

Die Dienstanweisung, die der Personalchef anspricht, gibt es tatsächlich – allerdings erst seit dem Tag, an dem Sebastian Lehmann gekündigt wurde. Darin heißt es, ab 23 Uhr seien nur noch Hotelgäste im Hotel erwünscht. Damit kann kein Nachtportier mehr neue Gäste aufnehmen. Und es ist sichergestellt, dass der Fall des orthodoxen Juden Leonard Norten ein Einzelfall bleibt – wenn auch nicht der einzige in Serfaus.

 


*Name von der Redaktion geändert.

 


 

 

»Ist ja wie in München«, dachte sich Mauritius Much , 32, als er in Serfaus ankam. Das Dorf mit rund tausend Einwohnern leistet sich eine U-Bahn mit vier Stationen. Damit werden die Touristenscharen schneller durch den Ort transportiert. An der Mittelstation der Seilbahn gibt es eine Wasserspielwelt und Erlebniswege nach Ideen eines Kinderbuchautors. Manch einer im Dorf kommt sich schon vor wie in Disneyland.