Mehr als nur ein Spiel

 

Wenn der FC Barcelona und Real Madrid aufeinandertreffen, geht es um viel mehr als den sportlichen Sieg. Das Duell führt den jahrhundertealten Konflikt zwischen Katalonien und dem spanischen Staat fort.

 

 

P.M. History - Oktober 2011

 

 

Von Mauritius Much

 


Um vom Messias zum Judas zu werden, braucht Luis Figo nur ein paar Augenblicke. So lange dauert es, bis der portugiesische Fußballstar im Sommer 2000 einen Vertrag bei Real Madrid unterschrieben hat. Doch damit begeht der Mittelfeldspieler in den Augen der Fans seines bisherigen Vereins, des FC Barcelona, einen unverzeihlichen Verrat. Er wechselt ausgerechnet zum Erzfeind des katalanischen Klubs in die spanische Hauptstadt.

 

Fünf Jahre spielte Luis Figo zuvor in Barcelona, gewann zwei spanische Meisterschaften, zwei spanische Pokale und einen Europapokal der Pokalsieger. Zwei Spielzeiten führte er seine Mannschaft sogar als Kapitän aufs Spielfeld – mit der gelb-rot gestreiften Binde in den Farben der Flagge Kataloniens. Er war das Idol der Katalanen. „Figo wurde von den Leuten vergöttert. Sein Name stand für den Verein … Dass er dann ausgerechnet zu Real Madrid wechselte, empfanden die Leute als einen Tritt in ihr empfindlichstes Körperteil“, sagte der mittlerweile verstorbene katalanische Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán 2002. Für ihn war Figos Wechsel so einschneidend, als ob die Jungfrau von Montserrat, das katalanische Nationalheiligtum, nach Madrid überliefe.

 

Als Figo sich dem Erzfeind anschließt, schlägt die bedingungslose Liebe der katalanischen Anhänger in blanken Hass um: Vor seinem ersten Spiel mit dem neuen Club in Barcelona im Oktober 2000 schalten katalanische Fans die Homepage www.antifigo.com, auf der jeder Vorschläge für die gemeinsten Schmäh-Plakate machen kann. Daraufhin finden sich überall im Stadion Plakate wie „Du warst ein König und kehrst als Sklave zurück“, auf anderen Spruchbändern wird Figo wahlweise als Judas, Verräter oder geldgierig bezeichnet. Bei jeder Ballberührung wird der Portugiese ausgepfiffen.

 

Bei seinem zweiten Spiel in Barcelona zwei Jahre später eskaliert die Wut der Fans. Als Figo Mitte der zweiten Halbzeit langsam zur Eckfahne trabt, fliegen Whiskey-Flaschen, Münzen, Feuerzeuge, Golfbälle – und der Kopf eines Spanferkels. Der Schiedsrichter schickt die Mannschaften für eine Viertelstunde in die Kabine, die Partie steht kurz vor dem Abbruch. Nach Wiederanpfiff müssen die Schilde von acht Polizisten Luis Figo schützen, als er seine Eckbälle tritt. Über die Partie schreibt die Tageszeitung „El Periódico de Catalunya“ am nächsten Tag: „Jeder Eckball ein Vietnam.“

 

Figos „Verrat“, versinnbildlicht durch den Kopf des Spanferkels, ist einer denkwürdigsten Momente der Rivalität zwischen den beiden besten Fußballvereinen Spaniens. Dass eine seriöse katalanische Tageszeitung dabei das Derby mit dem amerikanischen Krieg gegen Ho-Chi-Minh vergleicht, ist kein Zufall. Denn es ist weit mehr als ein rein sportliches Duell. „Die Rivalität ist die Fortsetzung des jahrhundertealten Gegensatzes zwischen Spanien und Katalonien“, sagt Professor Ángel Bahamonde Magro, der an der Madrider Universität Carlos III. Zeitgeschichte lehrt. 

 

Bei dem Konflikt, der die spanische Geschichte seit mehreren Jahrhunderten maßgeblich beeinflusst, prallen der Gedanke eines zentralistischen spanischen Einheitsstaats und das katalanischen Streben nach Eigenständigkeit aufeinander. Die Unitaristen befürworten eine starke Zentralregierung und lehnen Autonomien für einzelne Regionen wie Katalonien ab. Die katalonischen Föderalisten wollen hingegen einen schwachen Zentralstaat, dafür sollen die Regionen besonders viele eigenständige Kompetenzen besitzen.

 

Die Saat für den Konflikt wird bereits 1469 gelegt, als sich durch die Hochzeit von Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragonien die beiden größten iberischen Reiche zu einer Doppelmonarchie vereinigen. Allerdings werden die beiden Königreiche weiter getrennt voneinander verwaltet. Die Grafschaft Katalonien ist ein autonomer Teil der föderalen Krone Aragoniens. Als der erste Minister Philipps IV., der Graf von Olivares, die iberischen Reiche zentralisieren will, rebellieren die Katalanen 1640 und erklären sich zu einer Republik unter Schutz des französischen Königs. 1652 erobert Kastilien die abtrünnige Region zurück, Katalonien behält aber seine autonomen Rechte.

 

Den eigentlichen Beginn des Konfliktes datieren die meisten Historiker auf das Ende des spanischen Erbfolgekrieges (1701-1714). Die Bourbonen setzen sich durch und Philipp V. zieht triumphal in Barcelona ein. Katalonien hatte nach dem Tod des letzten spanischen Habsburgers Karl II. zunächst Philipp unterstützt, sich 1705 aber auf die Seite des österreichischen Herrscherhauses gestellt und Erzherzog Karl als neuen König favorisiert. Durch die „decretos de nueva planta“ nimmt Philipp V. der Grafschaft ihre alten Selbstverwaltungsrechte. Die katalanische Sprache wird zurückgedrängt und Kastilisch, also Spanisch, als Amtssprache eingeführt. Aus dem föderalen Spanien der Habsburger wird ein zentralistischer, absolutistischer bourbonischer Staat. „Von diesem Augenblick an haben die Katalanen sich als Unterworfene im zentralistischen spanischen Königreich empfunden. Hier fängt die ernste, politisch motivierte Rivalität an“, sagt Walther Bernecker, Professor für Auslandswissenschaften an der Universität Erlangen-Nürnberg und Spezialist für spanische Geschichte.

 

Es dauert Jahrzehnte, bis sich Katalonien von der Niederlage erholt hat. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entsteht ein katalanischer Nationalismus, der zunächst kulturell geprägt ist, gegen Ende des Jahrhunderts jedoch zunehmend politische Züge trägt. Dabei entdecken die Katalanen zunächst die eigene Sprache neu, modernisieren den Wortschatz und normieren Rechtschreibung und Grammatik. Die katalanische Literatur blüht wieder auf, etwa indem Dichterwettbewerbe aus dem Mittelalter, die jocs florals (Blumenspiele), wiederaufleben.

 

Die Wiederbelebung der eigenen Kultur und Sprache in der so genannten Renaixença, der katalanischen Renaissance, einerseits sowie die starke wirtschaftliche Entwicklung Kataloniens andererseits führen dazu, dass sich in der Region ein politisches Selbstbewusstsein entwickelt. In Katalonien hatte in den 1830er Jahren eine Industrialisierung vor allem im Bereich der Textilwirtschaft eingesetzt, die die Region zum modernsten und wirtschaftlich weit entwickeltsten Landesteil Spaniens machte. Trotz ihrer ökonomischen Macht hat die Region im spanischen Staat jedoch kaum politische Mitspracherechte.

 

Deshalb kämpfen die Katalanen von nun an dafür, vom spanischen Staat mehr Eigenständigkeit zu bekommen. In der zweiten spanischen Republik (1931 – 1936) erfüllen sich ihre Forderungen zunächst: Katalonien bekommt den Status einer autonomen Region innerhalb Spaniens, die katalanische Sprache wird gleichberechtigte Amtssprache. Die Katalanen erhalten ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung, die für die öffentliche Ordnung, das Bauwesen, das Zivil- und Verwaltungsrecht sowie die Administration der Gemeinden verantwortlich sind.

 

Die katalanische Autonomie ist jedoch nur von kurzer Dauer: 1936 putscht General Francisco Franco gegen die demokratische Regierung, es kommt zu einem dreijährigen Bürgerkrieg zwischen Francos nationalen Kräften und Republikanern. 1939 siegt Franco und errichtet eine Diktatur in Spanien (1939 – 1975). Eine harte Repression setzt ein: Republikaner werden ermordet oder inhaftiert, sofern sie sich nicht vorher ins Exil flüchten können. Schätzungen zufolge sterben bis zu 75.000 Katalanen in Bürgerkrieg und Repression, 60.000 fliehen vor dem Regime ins Ausland. Zudem verliert Katalonien alle Rechte und Institutionen, die es durch das Autonomiestatut erhalten hatte. Es wird verboten, die katalanische Sprache öffentlich zu sprechen oder in den Schulen zu unterrichten. Ziel des Franco-Regimes ist es, jegliche Form von katalanischem Nationalismus zu unterdrücken. Erst in den 1950er Jahren werden die Restriktionen ein wenig gelockert, so dass einzelne Bücher auf Katalanisch erscheinen dürfen.

 

In der Zeit des Franquismus erreicht der Gegensatz zwischen Spanien und Katalonien seinen Höhepunkt. Die Unitaristen erringen eindeutig die Oberhand, die Föderalisten sind am Boden. Die Katalanen fühlen sich so unterdrückt wie nie zuvor. „Der Einfluss der Bürgerkriegs und des Franco-Regimes auf den spanisch-katalanischen Konflikt ist entscheidend“, sagt Ángel Bahamonde. Es ist auch die Zeit, in der die Rivalität der Fußballvereine Real Madrid und FC Barcelona politisch aufgeladen und zu weit mehr als einem rein sportlichen Duell wird.

 

Erste Ansätze für eine Politisierung der Rivalität finden sich zwar bereits in den 1920er Jahren zu Zeiten der Diktatur Miguel Primo de Riveras, als bei einem Spiel des FC Barcelona die spanische Nationalhymne lauthals ausgepfiffen wird. Aber erst während der Diktatur Francos wird der FC Barcelona endgültig zu einem symbolischen Aushängeschild Kataloniens. Obwohl Barças Vereinsmotto, „mehr als ein Verein“ („més que un club“) zu sein, erst in den 1970er Jahren entsteht, wird es während der Franco-Zeit de facto schon praktiziert.

 

Da die Katalanen ihre eigene Kultur und ihre Sprache nicht öffentlich ausleben und artikulieren können, nutzen sie die Spiele des FC Barcelona, um ihre Eigenständigkeit zu demonstrieren. Auf den Tribünen wird Katalanisch gesprochen, die granatrot-blaue Fahne des FC Barcelona als Ersatz für die verbotene gelb-rot-gestreifte katalanische Flagge geschwungen. „Jeder Sieg Barcelonas über Real Madrid wird als Sieg der Katalanen über die Franco und ihre Unterdrückung gefeiert“, sagt Walther Bernecker. So sind Barcelona-Fans bis heute davon überzeugt, dass der 5:0-Sieg über Real Madrid, den das katalanische Team um Johan Cruyff im Februar 1974 im Bernabéu-Stadion in der spanischen Hauptstadt feiert, dem Franco-Regime bereits anderthalb Jahre vor dessen Ende den Todesstoß versetzt hat.

 

Während der FC Barcelona zu Zeiten Francos zum Repräsentanten Kataloniens wird, verkörpert Real Madrid in den Augen der Katalanen den spanischen Zentralismus und die Franco-Diktatur. Das Team aus der Hauptstadt gilt in Barcelona spätestens seit 1953 als „Mannschaft des Regimes“, als der Argentinier Alfredo di Stéfano trotz eines Vorvertrages mit dem FC Barcelona zum Erzrivalen wechselt und Real Madrid zu fünf Europapokalsiegen der Landesmeister in Folge und mehreren spanischen Meisterschaften führt. Wie später Luis Figo wird di Stéfano zu einem „Verräter“ in Katalonien.

 

Die internationalen Erfolge von Real Madrid kommen dem außenpolitisch isolierten Franco-Regime in der Tat gelegen. Es will die Siege für die Propaganda nützen und sich mit den sportlichen Erfolgen schmücken. Außenminister Fernando María Castiella, der selbst Mitglied beim Hauptstadt-Verein ist, sagt 1961: „Real Madrid ist die beste Botschaft, die wir ins Ausland geschickt haben.“ Manche Historiker wie Ángel Bahamonde sind davon überzeugt, dass der Verein Franco manchmal sogar als Türöffner für die Politik diente: „Spiele von Real Madrid wurden benutzt, um die Diplomatie mit den osteuropäischen Staaten zu eröffnen oder die Gespräche zwischen Spanien und Israel zu beginnen“, sagt Bahamonde und erinnert an ein Basketballspiel zwischen Real Madrid und Maccabi Tel Aviv in den 1960er Jahren. Damals überreichte Madrids Präsident Santiago Bernabéu dem israelischen General und Politiker Mosche Dayan seine Klubinsignien. Allerdings zeigt das Manöver wenig Wirkung. Erst nach Francos Tod nimmt Israel diplomatische Beziehungen mit Spanien auf.

 

Vom Ende des Diktators profitiert auch Katalonien. Im Zug der Transition genannten Demokratisierung Spaniens erhält die Region weitgehende autonome Kompetenzen. Im Justizwesen und bei der Innere Sicherheit bleibt das neue Autonomiestatut jedoch hinter seinem Vorgänger von 1932 zurück, da die Region vorher für beide Bereiche allein zuständig war. Dagegen erhält sie nun die Bildungshoheit: Seitdem werden Kinder in Katalonien in fast allen Fächer auf Katalanisch unterrichtet.

 

Seit 1975 hat Katalonien ein großes Maß an Autonomie erlangt. Die Ziele des politischen Katalanismus sind praktisch erreicht. Dennoch schwelt der Konflikt mit der spanischen Zentralregierung weiter. Denn einerseits optiert ein Teil der Katalanisten mittlerweile für eine völlige Unabhängigkeit der Region von Spanien. Ángel Bahamonde schätzt ihre Zahl auf bis zu 20 Prozent der Bewohner Kataloniens. Andererseits ist der spanische Verfassungsrahmen mit seinen Autonomiestatuten nicht abgeschlossen, sondern kann weiterentwickelt werden. Das nutzt Katalonien, um sich sukzessive weitere Rechte zu sichern.

 

Denn die Regierungen in Madrid, die sehr selten absolute Mehrheiten besitzen, sind oft auf die Stimmen von katalanischen Parteien angewiesen. Deshalb kommt es öfter zu einem Tauschgeschäft: Für die Zustimmung zu einem wichtigen Gesetz im spanischen Parlament bekommen die katalanischen Politiker mehr Kompetenzen für die eigene Region. Ein Ende des Konfliktes ist deshalb nicht in Sicht. „Es ist überhaupt nicht klar, wie viele Kompetenzen noch übertragen werden und wie weit der Zentralstaat noch ausgehöhlt wird“, erklärt Walther Bernecker. „Solange es ein solches Endergebnis nicht gibt, wird es auch kein Ende der Rivalität geben.“

 

Auch die Rivalität zwischen Real Madrid und Real Madrid hat den Tod Francos überdauert. Welche Brisanz das Duell immer noch hat, zeigt sich im Frühjahr 2011. Im April und Mai treffen die beiden Rivalen innerhalb von 17 Tagen viermal aufeinander – einmal in der spanischen Meisterschaft, einmal im Pokalfinale und zweimal im Halbfinale der Champions League. Die Duelle sind hitzig, fast jedes Mal werden Spieler vom Platz gestellt. Beide Vereine schwärzen sich gegenseitig beim europäischen Fußballverband UEFA an, um Sperren von Spielern und Trainern des Gegners zu erreichen.

 

Madrids Trainer José Mourinho spricht sogar von einer Verschwörung zwischen dem FC Barcelona, der UEFA, deren Schiedsrichter und dem Kinderhilfswerk UNICEF. Da der FC Barcelona den Schriftzug des Kinderhilfswerks auf dem Trikot trage, werde der Klub systematisch vom europäischen Fußballverband bevorzugt, behauptet Mourinho. Insofern sei es für seinen Klub unmöglich, auf Kosten des FC Barcelona ins Finale der Champions League einzuziehen. Mourinho erhält daraufhin eine Geldstrafe von 50.000 Euro und wird für fünf Spiele gesperrt.

 

Ob sich José Mourinho dessen bewusst ist oder nicht – mit seiner Verschwörungstheorie reiht er sich bestens in die Geschichte der Rivalität der beiden spanischen Erzfeinde ein. Denn der Trainer von Real Madrid erhebt damit einen ähnlichen Vorwurf, den in früheren Zeiten sein eigener Club zu hören bekam: In gewisser Weise unterstellt er dem FC Barcelona, auch eine „Mannschaft des Regimes“ zu sein. Nur dass sich bei dem Regime dieses Mal um die UEFA handelt, nicht um die Franco-Diktatur.