Kampf der Kulturen

 

Seit fünf Jahren verstoßen die USA in Guantanamo gegen die Menschenrechte. Berichte von Augenzeugen.

 

Süddeutsche Zeitung Magazin / 4. Januar 2007

 

PROTOKOLLE: Mauritius Much, Bastian Obermayer und Alexander Runte


Die Ankunft der Gefangenen


Nizar Sassi, 27, Gefangener Nummer 325, von Januar 2002 bis 26. Juli 2004 inhaftiert: Nachdem das Flugzeug auf der Landebahn aufgesetzt hatte, trieben die Soldaten uns aus der Maschine. Ich stolperte, fiel hin, wurde hochgerissen und fiel wieder. Meine Augen waren mit einer großen geschwärzten Brille verdeckt, die Hände über dem Bauch gefesselt. Ich war noch benommen von den Drogen, die uns die Amerikaner für den Flug verpasst hatten.

 

Carol Rosenberg, 47, Reporterin des Miami Herald: Wir sahen, wie sie auf dem Rollfeld ankamen. Niemand wusste, wer kommen würde, wie lange sie bleiben würden, wie die Gefangenschaft aussehen würde, welche Rechte sie hatten. Wir sahen Männer in orangefarbenen Overalls, die mit Fußfesseln, Scheuklappen, Ohrenschützern und Gesichtsmasken aus dem Flugzeug hinaustorkelten, nach einem 27-Stunden-Flug aus dem eiskalten Afghanistan in die Hitze von Guantanamo. Sie brachen auf der Rollbahn zusammen.

 

Ruhal Ahmed, 25, Gefangener Nummer 110, von Februar 2002 bis 7. März 2004 inhaftiert: Auf dem Flughafen trieben uns Soldaten in einen Bus ohne Sitze. Dort brüllte mich ein Soldat an, ich solle die Hände auf mein linkes Knie legen. Weil ich tat, was er sagte, wusste er, dass ich Englisch verstand. »This motherfucker speaks English«, schrie er und schlug und trat mich zusammen.

 

John Lonergan, 43, Oberstleutnant der US-Army, kommandierte von März 2005 bis März 2006 eine Einheit in Guantanamo: Meine Männer und ich waren stolz auf die Mission in Guantanamo, immerhin ging es um den Kampf gegen den Terrorismus. Trotzdem wären viele lieber im Irak oder in Afghanistan gewesen. Man fühlt sich schuldig, wenn man an einem so sicheren Ort dient wie Guantanamo.

 

Nizar Sassi, 27, ehemaliger Gefangener: Die Soldaten ketteten uns im Bus auf dem Boden fest. »Setz dich nicht so hin!« Ein Schlag. »Setz dich nicht so hin!« Wieder ein Schlag. Sie hetzten Hunde auf uns, die mich in Waden und Oberschenkel bissen. Dann stellte sich ein Soldat über mich und urinierte auf mich. Ich habe mir immer und immer wieder gesagt: Ich werde nicht sterben. Im Lager bekam ich ein Plastikband mit meiner Gefangenennummer um das Handgelenk. Von da an sprachen die Wärter mich nur noch mit »325« an. Dann brachten sie mich in meine Zelle: eine Art Hundezwinger, 2,50 mal 2 Meter groß, darin zwei Eimer, einer mit Waschwasser, einer für die Toilette, ein Stück Seife, ein Handtuch und eine Feldflasche mit stark gechlortem Trinkwasser. In der Ecke der Zelle lagen ein zweisprachiger Koran, Englisch und Arabisch, und eine kleine Schaumstoffmatratze. Das war Camp X-Ray, ein Zoo, in dem Menschen gehalten wurden wie Tiere.

 

Der Alltag in Guantanamo

 

Clive Stafford Smith, 47, Anwalt von 36 Gefangenen und Rechtsdirektor der Menschenrechtsorganisation Reprieve: Wir Anwälte wohnen nicht auf der Seite der Bucht, wo die Gefangenen festgehalten werden, sondern in einer zweigeschossigen Baracke auf der anderen, der westlichen Seite. Dort ist außerdem nur der Flugplatz, ein Wohnhaus für zivile Arbeiter und die langweiligste Bar Amerikas. Morgens müssen wir mit der Fähre auf die andere Seite der Bucht, dort nimmt uns eine Militäreskorte in Empfang. Ab jetzt können wir keinen Schritt ohne sie tun. Sie bringen uns zum Camp Echo, wo sich die Anwälte mit den Gefangenen treffen. Nach mehreren Kontrollen, einigen Toren und Schleusen und einer Menge Stacheldraht sind wir endlich am Checkpoint: ein kleines Wachhäuschen und ein Tisch. Dort werden wir noch einmal durchsucht. Oft ist ein Soldat für drei Anwalts-teams zuständig, das kann dauern. Währenddessen warten die Gefangenen gefesselt im Gesprächsraum. In Guantanamo verzögert sich immer alles. Das ist Methode.


Mahvish Khan, 28, Dolmetscherin zwischen Anwälten und Gefangenen: Als ich nach Guantanamo kam, hatte ich einen finsteren Ort erwartet. Stattdessen strahlende Sonne, lachende junge Soldaten, die mich nach meiner Telefonnummer fragen, feuchtfröhliche Grillabende und traumhafte, felsige Strände, die förmlich nach nächtlichen Schwimmausflügen rufen.


Nizar Sassi, 27, ehemaliger Gefangener: Nach ein paar Monaten wurde Camp X-Ray geschlossen, und wir wurden nach Camp Delta verfrachtet. Das war der härteste Moment meiner Zeit in Guantanamo: Jetzt wusste ich, dass ich Jahre bleiben würde. Von meiner Zelle in Camp X-Ray aus hatte ich wenigstens noch Hügel und eine kleine Straße sehen können. In Camp Delta hatten wir Zementzellen, ohne Fenster, ohne Tageslicht. Manche Gefangenen haben Probleme mit ihren Augen, weil sie seit Jahren nur Dinge sehen, die nicht weiter als drei Meter entfernt sind. Außerdem sind die Gitterstäbe dort fluoreszierend grün - das blendet die Augen. In Camp Delta verlor ich fast den Verstand. Mein Nachbar ist total durchgedreht, er hat sich nackt ausgezogen und sich mit seinen eigenen Exkrementen eingeschmiert.


Martha Rayner, 47, Anwältin von vier Gefangenen aus Saudi-Arabien und dem Jemen: Der zivile Teil der Militärbasis unterscheidet sich kaum von einer x-beliebigen amerikanischen Kleinstadt: Straßen ohne Bürgersteige, McDonald's, Subway, Kentucky Fried Chicken und ein Laden mit StarbucksKaffee, eine Schule und eine Bowlingbahn. Im Souvenirshop kann man sogar T-Shirts, Kühlschrankmagneten und Postkarten kaufen, mit der Aufschrift »Greetings from Guantanamo Bay«.


Daryl Matthews, 59, psychiatrischer Gutachter, beauftragt, eine Studie über das Lager zu erstellen: In einem der Läden konnte man T-Shirts kaufen, auf denen ein Gefan-gener auf einem elektrischen Stuhl zu sehen ist. Darunter steht: »Taliban chat room«.


Gitanjali Gutierrez, 36, durfte als erste Anwältin einen Gefangenen in Guantanamo besuchen, vertritt derzeit einen Häftling aus Saudi-Arabien: Ich bringe immer Essen zu Gesprächen mit einem Gefangenen mit, die meisten sind Vegetarier, also kaufe ich zum Beispiel Egg McMuffins und Apfeltaschen von McDonald's oder eine vegetarische Pizza von Subway. Oft lassen die Wachen die Gefangenen aber nicht einmal aufessen.


Mahvish Khan, 28, Dolmetscherin: Die afghanischen Gefangenen, für die ich übersetze, behandeln mich und ihre Anwälte wie Gäste: Sie essen erst, wenn wir auch essen. Trotz der Fußfesseln stehen sie auf, um uns ihren Respekt zu erweisen, wenn wir gehen. Manche scherzen sogar ständig. Das ist ihre Art, mit der Situation fertig zu werden.


John Lonergan, 43, US-Oberstleutnant: In Guantanamo ernährt man sich von typischem Cafeteria-Essen. Die Speisen schmecken hervorragend. Es gibt viel Gemüse und frischen Salat. Man kann aber auch Hamburger oder Hotdogs haben. Auch die Freizeitmöglichkeiten in Guantanamo sind exzellent. Nach Dienstschluss habe ich mir immer sofort Shorts und T-Shirts angezogen. Dann kann man fischen gehen, tauchen oder zum Bowlen, an den Strand, ins Fitnessstudio oder ins kostenlose Freiluftkino. Ich war so oft im Fitnessstudio, dass ich jetzt besser in Form bin als zuvor.


Nizar Sassi, 27, ehemaliger Gefangener: Die Tage liefen immer gleich ab: Zum Morgengebet bei Sonnenaufgang standen wir auf. In der Früh gab es Eier oder Cornflakes, mittags zwölf Uhr kalte Militärrationen und abends warme Reisgerichte. Einmal in der Woche durfte man 15 Minuten vor die Zelle und zehn Minuten duschen. Zwischendurch legte ich mich hin oder machte Sport, ein paar Gymnastikübungen in der Zelle. Manchmal haben die Wachen mir auch das verboten.


Carol Rosenberg, 47, Reporterin des Miami Herald: Als die Gefangenen kamen, hatten die zivilen Angestellten der Militärbasis, meist Jamaikaner oder Filippinos, große Angst. Früher war Guantanamo Bay ein kleiner, friedlicher Ort - und plötzlich ist es ein Hochsicherheitsgefängnis, von dem die ganze Welt spricht. Mittlerweile ist es ganz normal für sie geworden. Das Gefangenenlager hat die Lage für die rund 2000 zivilen Angestellten sogar verbessert: Sie bekommen mehr Geld. Allerdings verdienen sie noch immer weit unter amerikanischem Mindestlohn.


Simon Schorno, 39, Rotes Kreuz: Wir kommen etwa alle acht Wochen ins Lager. Eine feste Präsenz vor Ort lehnen wir ab, wir wollen kein Bestandteil von Guantanamo sein. Meistens treffen wir die Gefangenen außerhalb des Trakts, in dem sie einsitzen. Die Soldaten bringen sie zu uns. Die Wachen bleiben in der Nähe, müssen aber so weit entfernt stehen, dass sie nicht hören, was wir sagen. Wir haben einen Tisch, Plastikstühle und Sonnenschirme, damit wir im Schatten sitzen können. Wir bringen Kekse und Orangensaft mit. Nur wenn ein Häftling sich in Isolationshaft befindet, treffen wir ihn in einer Zelle.


Mahvish Khan, 28, Dolmetscherin: Einige Gefangene scheinen verrückt geworden zu sein. Ein Mann rannte vor und zurück wie ein tollwütiges Tier, als ich mit ihm durch die Gitterstäbe seines Käfigs sprechen wollte. Er ist seit fünf Jahren in Einzelhaft.


Gitanjali Gutierrez, 36, Anwältin: Gegen 18 Uhr wird im Lager die amerikanische Nationalhymne über die Lautsprecher gespielt. Dann herrscht eine sehr komische, verkrampfte Stille: Alle Soldaten bleiben stehen, salutieren und grüßen die Fahne. Wenn wir von den Gefangenen zurück auf die andere Seite fahren, halten wir an einem Supermarkt und kaufen Holzkohle, Steaks, Kartoffeln, Chips, Bier und Wein. In Guantanamo wird viel gegrillt, alle grillen. Ich bekomme aber nicht so viel hinunter, wenn ich den ganzen Tag mit einem gefesselten Mandanten verbracht habe.


Daryl Matthews, 59, Psychiater: Ich durfte auch nachts ins Camp. Eine gespenstische Situation: Einer der Gefangenen ruft zum Gebet, viele andere stimmen mit ein. Vollkommen versunken knien sie im Licht der grellen Scheinwerfer, die das Lager beleuchten, während über ihnen die amerikanische Flagge weht.


Mahvish Khan, 28, Dolmetscherin: Manchmal muss ich während eines Gesprächs weinen, etwa, als ich einem Gefangenen sagen musste, dass seine Mutter gestorben ist. Aber normalerweise versuche ich, erst im Flugzeug Richtung Florida zu weinen. Dann setze ich meine große Sonnenbrille auf, so sieht niemand meine Tränen.

 

Nizar Sassi, 27, ehemaliger Gefangener: Ich habe viel geträumt in Guantanamo. Ich träumte, dass ich in Freiheit bin und meine Familie und Freunde treffe, aber dann wachte ich am Morgen wieder in der Zelle auf.


Der Kampf im Lager

 

Nizar Sassi, 27, ehemaliger Gefangener: Die Amerikaner teilten uns mehr oder weniger willkürlich in vier Kategorien ein. Wer immer gehorchte, kam in Kategorie eins und erhielt ein T-Shirt mehr. Wer sich häufig wehrte und an Revolten teilnahm, wurde in Kategorie vier eingestuft und bekam nicht einmal mehr eine Hose. Wahrscheinlich spielte auch eine Rolle, was das Militär über die Vorgeschichte eines Gefangenen wusste. Ich pendelte zwischen den Kategorien eins und zwei.


Ruhal Ahmed, 25, ehemaliger Gefangener: Ab und zu bekamen alle Gefangenen irgendwelche Spritzen. Wenn man sich dagegen wehrte, stürmten fünf Typen mit Helmen, kugelsicheren Westen, Schilden und schwarzen Knie- und Ellenbogenschonern in deine Zelle, sprühten dir Pfefferspray ins Gesicht und schlugen dich zusammen. Sie waren die Eingreiftruppe. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft sie in meine Zelle kam.


John Lonergan, 43, US-Oberstleutnant: Wir behandeln die Gefangenen als poten-ziell gefährliche Terroristen. Das ist unser Job. Einige der Gefangenen verletzen sich selbst, um einen Vorfall daraus zu machen, sie leisten Widerstand und provozieren Zwischenfälle. Das ist ihr Job. Anwälte behaupten, dass sie Schafhirten seien, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Aber wenn US-Soldaten in den Bergen Afghanistans jemanden aufgreifen, der ein Satellitentelefon und 3000 Dollar in bar dabeihat, glauben Sie dann, dass er ein Schafhirte ist? Meiner Meinung nach ist kein Gefangener ohne Grund in Guantanamo.


Ruhal Ahmed, 25, ehemaliger Gefangener: Bei einem Verhör fragte mich eine Frau, was ich in Afghanistan für Kleidung getragen hätte. Ich sagte: meistens Adidas. Sie zeigte mir ein Foto, auf dem unscharf ein Mann in einer Adidas-Jacke bei einer Rede Osama bin Ladens zu sehen war. Damit wollten sie beweisen, dass ich Mitglied von Al-Qaida sei.


Nizar Sassi, 27, ehemaliger Gefangener: Das einzige Mittel, um die Amerikaner zu etwas zu bewegen, ist der Hungerstreik. Ein Hungerstreik kotzt sie richtig an. Denn sie müssen verhindern, dass wir sterben. Als wir damit gegen Fußfesseln protestierten, die sich tief ins Fleisch einschnitten, wurden die Fesseln über der Hose angebracht.


David Rose, 47, Reporter der britischen Sonntagszeitung Observer: Ein Militärarzt im Lager sagte mir, dass die Selbstmordversuche der Gefangenen keine Selbstmordversuche gewesen seien, sondern »manipulatives, Aufmerksamkeit heischendes Verhalten«. Darauf war er stolz, diese Umschreibung hatte er selbst erfunden.


Clive Stafford Smith, 47, Anwalt: Die Soldaten versuchen systematisch, das Vertrauen zwischen Anwalt und Mandant zu zerstören. Sie sagen den Gefangenen, ihre Anwälte seien Juden oder schwul. Manchmal sprach ich morgens mit einem Mandanten, nachmittags wurde er verhört. Dabei stellte man ihm Fragen nach Dingen, die er mir, nicht aber dem Militär erzählt hatte. Ich nehme also an, dass unsere Gespräche abgehört werden, obwohl uns Vertraulichkeit zugesichert worden ist. Einmal packte mich ein Verbindungsoffizier und sperrte mich in eine Zelle. Er beschuldigte mich, ich hätte einen Hungerstreik angezettelt. Ich brüllte ihn zwanzig Minuten lang an, er brüllte zurück. Danach durfte ich gehen.


John Lonergan, 43, US-Oberstleutnant: Die Anwälte haben nur ein Interesse: Sie wollen ihren Mandanten helfen. Deshalb behaupten sie, dass wir Gefangene misshandeln. Dafür haben sie aber keine Beweise. Ich war ein Jahr in Guantanamo und habe gesehen, was dort wirklich passiert. Jeder meiner Männer hat die Gefangenen mit Respekt und Würde behandelt.


Ruhal Ahmed, 25, ehemaliger Gefangener: Als ich mich über das Essen beschwerte, grüne Bohnen, verfärbte Milch und hart gekochte, grüne Eier, wurde ich eine Woche in Isolationshaft gesteckt. Das war oft die Strafe für angebliche Vergehen. Man kam in einen Raum, dessen Decke, Seiten und Boden komplett aus Metall waren. Wenn man bei den Verhören etwas sagte, was das Militär hören wollte, kam man meistens wieder zu den anderen Gefangenen. Aber die Verhöre waren brutal. Ich musste stundenlang in der sogenannten Stressposition verharren: die Arme mit den Beinen am Boden ganz eng zusammengekettet. Sie ließen dann Hunde rein oder stellten die Klimaanlage ganz kalt oder sehr heiß, sodass ich das Gefühl hatte, in dem Raum gekocht zu werden.


Nizar Sassi, 27, ehemaliger Gefangener: Wenn die Verhörspezialisten vermuten, dass ein Gefangener Informationen hat, wenden sie alle Mittel an, gemeinsam mit Psychologen und Ärzten. Sie wissen, wie man Menschen kaputtmacht: kein Schlaf, drei Tage in einem schalldichten Raum mit lauter Musik, Drogen.
Daryl Matthews, 59, Psychiater: Ich sollte die psychiatrische Abteilung in Guantanamo bewerten. Die meisten Gefangenen waren depressiv, sie litten unter Persönlichkeitsstörungen und Angstanfällen.


James Yee, 38, ehemaliger muslimischer Militärgeistlicher in Guantanamo: Ich habe mitangesehen, wie der Koran entweiht wurde. Die Soldaten hielten ihn hoch und schüttelten die Seiten durch, weil sie dachten, sie fänden darin versteckte Messer. Danach warfen sie ihn in eine dreckige Zellen-ecke. Manchmal rissen sie auch Seiten heraus, die ich später wieder einklebte. Die Wächter versuchen ständig, die Gefangenen zu provozieren. Sie sprechen sie während des Gebets an: Ein Muslim darf nicht reden, während er betet. Antworten die Gefangenen nicht, werden sie zusammengeschlagen.


Nizar Sassi, 27, ehemaliger Gefangener: Einige Soldaten waren gegen das System Guantanamo. Ich habe sie weinen sehen. Für die anderen hatten wir einen festen Strafenkatalog: Misshandelten sie einen Häftling, bespritzten wir sie mit Urin. Wenn sie einen Gefangenen während des Betens störten oder den Koran schändeten, bekamen sie eine Ladung Exkremente ab.


John Lonergan, 43, US-Oberstleutnant: Viele Gefangene haben jeden Tag diese sogenannten »menschlichen Cocktails« auf die Wachen geschleudert. Wir dürfen uns davon nicht provozieren lassen. Aber es ist schwer für die Soldaten, die oft erst 19 oder 20 Jahre alt sind und einen immens guten Job machen, ruhig zu bleiben. Wir haben ein professionelles Verhältnis zu den Gefangenen. Sie wollen immer reden, reden, reden. Aber wir sind nicht hier, um eine Beziehung zu den Gefangenen aufzubauen.


David Rose, 47, Reporter des Observer: Die Soldaten dort sind meist schlecht ausgebildete Reservisten. Ihnen wird vorher erzählt, dass sie es mit den gefährlichsten Menschen der Welt zu tun hätten, mit Menschen, denen man nicht einmal Zahnbürsten geben dürfe, weil sie damit den Wärtern die Augen ausstechen würden.


James Yee, 38, ehemaliger muslimischer Militärgeistlicher in Guantanamo: Am 10. September 2003 wurde ich am Flughafen in Florida von FBI-Beamten aufgehalten und verhört und dann von Militärs festgenommen, wegen Spionageverdachts. Dafür kann man die Todesstrafe bekommen. Ich wurde wie die Gefangenen in Guantanamo an Händen und Füßen gefesselt und für 76 Tage in Isolationshaft gesteckt. Danach wurde ich freigelassen, ohne Verhandlung. Die Ausrede der Regierung war lächerlich: Der Prozess hätte die nationale Sicherheit gefährdet.


Kein Ende drinnen, keine Zukunft draußen

 

Clive Stafford Smith, 47, Anwalt: Jetzt sind viel mehr Gefangene als früher in den Hochsicherheitszellen eingesperrt - etwa 75 Prozent aller Gefangenen. Und selbst so lächerliche Privilegien wie »etwas zu lesen bekommen« wurden extrem eingeschränkt.


Gitanjali Gutierrez, 36, Anwältin: Seit September 2006 sind in Guantanamo auch 14 CIA-Gefangene, darunter mutmaßliche Attentäter vom 11. September 2001. Vielleicht ist das die Zukunft von Guantanamo, eine Haftanstalt in rechtsfreier Zone, in die die USA Gefangene bringen, die sie nirgendwo sonst haben wollen. Es wurde ein neuer Hochsicherheitstrakt in Betrieb genommen. Es gab noch immer keine Anhörungen vor einem US-Zivilgericht. Die europäischen Häftlinge sind frei, die übrigen sprechen fast nur noch Arabisch, Urdu, Paschtu oder Farsi. Die Wärter können mit ihnen nicht reden, für die meisten sind sie nur noch Tiere. Es ist kein Wunder, dass sich im Juni 2006 die ersten Gefangenen umgebracht haben.


Katherine Newell Bierman, 38, Beobachterin bei den Militärtribunalen in Guantanamo: Ende September 2006 verabschiedete der Kongress ein Gesetz, das die Mili-tärtribunale wieder erlaubte. Selbst die geringsten juristischen Standards sind in diesen Verfahren gefährdet: Die Gefangenen bekommen Anwälte vom Militär oder verteidigen sich selbst. Dafür nimmt das Militär es mit der Sicherheit besonders genau, ich musste sogar meinen Spiralblock abgeben.


John D. Altenburg, 62, ehemaliger Leiter der Militärtribunale: Um mutmaßliche Kriegsverbrechen zu verhandeln, sind Militärtribunale eine angemessene Methode. Wir wollen faire und gerechte Verhandlungen. Das ist das Prinzip von Guantanamo: Das Rote Kreuz hat uneingeschränkten Zugang. Das Lager wurde von mehr als tausend Journalisten besucht. Die Inhaftierten haben mehr als 44 000 Briefe geschrieben und empfangen. Guantanamo ist die transparenteste Kriegshaftanstalt der gesamten Welt.


David Rose, 47, Reporter des Observer: Ich sprach kurz nach ihrer Freilassung mit drei ehemaligen Häftlingen aus England. Das waren ganz normale, junge Kerle. Einer von ihnen war früher mit einem christlichen Mädchen zusammen. Religion hatte keine Bedeutung für sie. Diese Jungs litten so schwer im Lager, dass sie dadurch radikalisiert wurden, politisch und religiös.


John Lonergan, 43, US-Oberstleutnant: Guantanamo war für uns eine sehr erfolgreiche Mission. Meine Männer waren Schwarze, Weiße, Latinos, Muslime, Juden, Christen, Demokraten, Republikaner und Unabhängige. Bei einem amerikanischen Soldaten ist es egal, woher er kommt und was er politisch denkt: Er führt seinen Auftrag aus.


Nizar Sassi, 27, ehemaliger Gefangener: Mit meiner Familie und meinen Freunden spreche ich nicht über meine Zeit in Guantanamo. Ich versuche wieder ins Leben zurückzufinden. Ich arbeite in einem Lager und packe Kartons aus und ein. Ich kann wieder Fußball spielen.


Mahvish Khan, 28, Dolmetscherin: Ende letzten Jahres besuchte ich Haji Nusrat in Afghanistan. Er war mit weit über 70 Jahren der älteste Gefangene in Guantanamo. Er lud mich zum Essen in sein Haus und schenkte mir einen bestickten Seidenschal. Er lacht wieder. Aber Guantanamo ist für ihn nicht Vergangenheit - sein Sohn wird noch immer in Camp Delta gefangen gehalten.