Jetzt ist Feierabend

 

Der Süden des Gardasees wird in ganz Italien für seine gehobene Partykultur gerühmt. Nach Sonnenuntergang erobern Tanzwillige aus Verona, Brescia und Mailand die Discos und Bars am Lago. Eine Gutenachtgeschichte

 

 

ADAC reisemagazin Nr. 133 - Gardasee - März/April 2013

 

 

Von Mauritius Much

 

 

Damit Veronica Ceriani genügend Halt hat, steckt sie die Spitzen ihrer braunen Stiefel tief in den weichen Sand. Ihr Körper bewegt sich im Rhythmus der elektronischen Musik, ihre blonden Haare wogen im Takt. Die 25jährige tanzt in der Nähe des Podestes, von dem aus Discjockey Mirco Berti den Strand und die Sterne beschallt. Neben Veronica treten die Turnschuhe von Alex Gobbi Löcher in den feinkörnigen Untergrund, während Anna Marchesinis Arme der Melodie der Musik folgen. Mit den drei gleichaltrigen Freunden aus Verona feiern Hunderte andere junge Leute in Hotpants und Sommerkleidern. Es ist Sonntag, Anfang September, 23 Uhr im Coco Beach Club am Lido von Lonato del Garda. Die Strandisko ist voll. Pyrotechniker entfachen riesige Flammen und sprühen Wolken eiskalten Nebels in die Menge.

 

Veronica, Alex und Anna lieben das Coco Beach. Deshalb nehmen sie die Anfahrt an den südwestlichen Zipfel des Lago di Garda gerne in Kauf. „Gerade im Sommer gibt es in Verona nichts, was man mit dem Nachtleben am südlichen Gardasee vergleichen kann“, sagt Veronica, die am Flughafen ihrer Heimatstadt arbeitet. „Ich fühle mich hier wie im Urlaub.“ Und für dieses Gefühl muss sie nicht einmal weit reisen: 50 Kilometer. Über die Autobahnen, die südlich und östlich des Sees verlaufen, sind die Partytempel in Desenzano, Bardolino und Lonato aus größeren Städten der Region in 30 Minuten zu erreichen.

 

Aus norditalienischen Zentren wie Cremona, Brescia, Mantua oder Bergamo kommen viele junge Leute nachts hierher. Sogar aus der Millionenstadt Mailand sind einige angereist. Während tagsüber ausländische Touristen das Geschehen beherrschen und surfen, Rad fahren oder baden, sind die Nächte am südlichen Lago di Garda fest in italienischer Hand.

 

Alex Gobbi wundert das nicht. „Im Dunkeln ist es am Gardasee fantastisch. Es gibt viele Locations, die schöner sind, mehr Atmosphäre versprühen und bessere Musik bieten als die Clubs in Verona“, sagt der Mann, der sich tagsüber in einer Klinik um die richtige Medikation für seine Patienten kümmert. Dann grinst er und flüstert: „Es ist außerdem viel einfacher, Frauen kennen zu lernen. Sie sind so offen, weil alles so ungezwungen ist – wie in den Ferien.“

 

Das Ambiente im Coco Beach erinnert an einen Urlaubsort am Mittelmeer: Tagsüber lassen sich die Gäste am Strand bräunen, ab 18 Uhr gibt es erste Drinks, und wenn die Sonne untergeht, wird die Musik allmählich lauter. Apätestens um 22 Uhr hockt niemand mehr auf den zu Sitzbänken umfunktionierten Strandliegen. Alle tanzen im Sand.

 

Wer sich nicht fürs Coco Beach entscheidet, kann den Abend aber auch ein paar Kilometer südlich im Bianca Caffè im Zentrum von Desenzano beginnen. Viele Nachtschwärmer kommen nur wegen der Mojitos von Barkeeper Otman Konvikt in die helle, schlauchartige Bar mit den weißen Ledersofas. „Die Leute wissen einfach, dass ich den besten Mojito mache“, sagt er stolz, zerdrückt die Limetten und gibt sie mit den Minzblättern in den Shaker. Sein Rezept: frische Minze und Limetten und bloß keinen billigen Rum.

 

Wer es sich leisten kann, reist nicht mit dem Auto an den See, sondern schippert gleich mit der eigenen Yacht hinüber ins La Torre San Marco. Um kurz vor Mitternacht nähert sich ein Boot der Tanzbar in Gardone Riviera am Westufer. Mit ihrem Turm und dem kleinen Hafen, der von Steinmauern mit Zinnen umgeben ist, wirkt sie wie eine Wasserburg. Ein Italiener mittleren Alters steuert seine weiße Yacht rückwärts in Richtung der Anlegestelle. Seine Begleitung in rotem Abendkleid wirft das Tau, hüpft ans Ufer und macht die Yacht fest. Dann verschwindet das Paar in die Pianobar im Erdgeschoss des 100 Jahre alten Turms.

 

In den Zwanziger Jahren ließ der italienische Dichter, Politiker und Mussolini-Mentor Gabriele d’Annunzio das Gebäude im venezianischen Stil errichten. Von 1943 bis 1945 organisierte Mussolini hier Ausstellungen, die er nutzte, um sich heimlich mit Claretta Petacci zu treffen. Heute trinken und essen die Gäste des La Torre in der Vineria im ersten Stock,  tanzen im Garten zu Remixes von „One night in Bangkok“ inmitten von Zypressen und Palmen. In der Pianobar schlägt Max Carella ruhigere Töne an. Seit 15 Jahren spielt er für seine Gäste auf seinem Flügel – begleitet von dezenten Rhythmen vom Band. Jeden Abend testet der Pianist aufs Neue, welche Songs bei den Gästen ankommen: „Unser Publikum ist sehr unterschiedlich, die jüngsten sind 25, die ältesten 60.“ An diesem Abend gehen italienische Klassiker am besten: Als Carella Zuccheros „Baila“ anstimmt, schreien die Gäste den Refrain „Baila morena“ mit.

 

Um 3 Uhr morgens schließt das La Torre, dann verlassen die Yachten wieder den kleinen Hafen. Die einen ankern auf dem See, die anderen legen in den Heimathäfen am Südostufer an – zum Beispiel in Bardolino. Dort können die Bootsbesitzer im Hollywood weiterfeiern. Der Club liegt in einer Villa, die sich von einem Hügel oberhalb des Ortes in mehreren Terrassen zum Gardasee hin öffnet. Im Haus befindet sich die weiß gehaltene Diskoebene mit der Tanzfläche. Italiener um die 30, die Männer im Anzug, die Frauen im knappen Abendkleid und High Heels, tanzen zu Elektormusik. Nirgendwo sonst ist das Publikum am See so elegant gekleidet wie hier. Eine Terrasse weiter unten nehmen Hungrige im Sinatra Mortadella-Häppchen zu sich, die auf Untersetzern im Schallplattendesign liegen. Auf der untersten Ebene, an der Bar vor dem großen Pool, schlürfen andere Cosmopolitans oder entspannen auf einer der bequemen Sitzecken unter Olivenbäumen.

 

Im Hollywood arbeitet Caterina Musciarelli als künstlerische Leiterin, organisiert Auftritte von Tänzern und Mottoabende. Kaum jemand kennt die dunkle Seite des Sees so gut wie die Endvierzigerin. Seit 1983 mischt sie mit im Nachtleben. Die Clubkultur am südlichen Gardasee sei ähnliche berühmt wie die in Rimini – und doch gebe es gravierende Unterschiede. „Jeder Club am Lago hat eine eigene Philosophie. Alles ist exquisiter und durchdachter. In Rimini hingegen sind die Discos alle gleich. Da ist es nicht wichtig, wer tanzt, sondern dass getanzt wird.“

 

Caterina Musciaralli kann sich noch gut an die Anfänge des Nachtlebens am südlichen Gardasee erinnern. „1987 ging es richtig los, weil im Sommer davor das Nachtleben von Ibiza explodiert war: Der Tanztourismus war geboren.“ Zwar gab es schon vorher vereinzelt Diskotheken am See, doch nun wurden sie nach dem Vorbild der erfolgreichen Clubs auf der spanischen Partyinsel mit speziellen Shows professionalisiert – Tänzer, Sänger und Mottopartys locken seitdem italienische Großstädter nachts an den Lago die Garda.

 

Eine ganz eigene Show bietet Carlo Tessari seinen Gästen im Art Club Musical Theater in Desenzano. Hinter der Bühne erinnert der zurückhaltende Weinbauer aus einem Dorf bei Verona mit seinem spärlichen Haupthaar an Schiedsrichterlegende Pierluigi Collina, doch nachts wird aus ihm Italiens berühmteste Dragqueen: Madame SìSì. Mit blonder Lockenperücke, riesiger Sonnenbrille, silbernen High Heels und glitzernder Pailetten-Bluse entert sie um halb zwei und um vier Uhr nachts die Bühne. Madame SìSì singt und moderiert die Auftritte von vier weiteren Travestiekünstlern. „In meinen Club darf jeder rein“, sagt Carlo Tessari. „Jeder hat hier die absolute Freiheit, so zu sein, wie er will – ob mit Jeans und Hemd oder in Kleid und High Heels.“ Das ist ihm wichtig. Zu gut erinnert er sich noch daran, wie lange es dauerte, bis die Bewohner seines Heimatdorfes sein Doppelleben akzeptierten. Seit seinem 16. Lebensjahr verkleidet sich der heute 51-Jährige als Frau und tritt vor Publikum auf: „Eine Dragqueen zu sein ist mein Leben.“ Warum so viele junge Leute aus den Städten der Umgebung das Nachtleben am Gardasee schätzen, erklärt sich Carlo Tessari ganz einfach: „Die Natur des Menschen treibt ihn ans Wasser“, sagt er.

 

Um halb fünf Uhr morgens verlassen die Gäste langsam den Art Club und machen sich auf den Heimweg nach Verona, Brescia oder Bergamo. Wenn dann die Sonne aufgeht, gehört der Gardasee wieder den Touristen. Dann arbeiten italienische Nachtschwärmer wie Veronica Ceriani und Alex Gobbi in Verona oder halten sich ganz an Madame SìSìs Motto: „Di giorno dòrmo – tagsüber schlafe ich“.