"Esst mehr Dackel!"

 

Haustiere sind schlecht für den Planeten, glaubt der Brite Robert Vale. In seinem Buch geht er der Frage nach, wie sich
Alltagsentscheidungen auf die Umwelt auswirken. Hundehalter kommen dabei ganz schlecht weg – und Brautpaare auch

 

 

Financial Times Deutschland - 10. Juni 2011

 

 

Von Mauritius Much

 

 

Herr Vale, wann haben Sie Ihren letzten Hund gegessen?

 

Einen Hund habe ich noch nie verspeist. Aber unser Hausschaf, als wir noch eines hatten. Und unsere
Schweine natürlich.


Das zählt nicht! Schweine und Schafe essen ist ja leicht.

 

Eben, aber genau das ist unfair. Hierzulande ist es normal, Schweine zu essen. Dabei sind Schweine klug und sehr reizend. In China oder Korea dagegen ist es üblich, Hunde zu verspeisen ...

 

... und offenbar halten Sie das für eine gute Idee. Das Buch, das Sie mit Ihrer Frau geschrieben haben, heißt „Time to Eat the Dog?“.


Wir haben hinter den Titel bewusst ein Fragezeichen gesetzt. Wir fordern die Menschen nicht dazu auf, ihren Hund zu essen. Sie sollen nur alles hinterfragen, um die Umwelt zu schützen. Das ist unser Ziel. Wenn wir unseren Enkelkindern eine Zukunft ermöglichen wollen, dann müssen wir harte Entscheidungen treffen. Sie werden so schwierig sein wie der
Entschluss, seinen eigenen Hund aufzuessen.


Jetzt machen Sie einen Rückzieher. In Ihrem Buch legen Sie doch dar, wie umweltschädlich Hunde und Katzen sind, nicht?

 

Nun ja – wir waren richtig schockiert, als wir feststellten, wie groß die Auswirkungen von Haustieren auf unsere
Umwelt sind. Das war die größte Überraschung unserer Recherche. Viele Dinge, die wir tun, sind schlecht für die Umwelt. Aber Haustiere schaden sehr viel mehr, als man es vermuten würde. Ein Cockerspaniel zum Beispiel belastet die Umwelt doppelt so sehr wie ein Toyota Land Cruiser. Ein Schäferhund ist sogar fast dreimal so schädlich.


Das müssen Sie uns erklären. Wie vergleicht man Hunde mit Autos?

 

Über den ökologischen Fußabdruck. Dabei wird die Landfläche berechnet, die ein Tier oder ein Mensch braucht, um sich zu ernähren. Gleichzeitig kann man ausrechnen, wie viel Hektar Land nötig sind, um die Energie für die Herstellung und das Betanken von Autos zu gewinnen. So ist es möglich, Hunde und Pkw miteinander zu vergleichen.

 

Und da schneiden Doggen, Terrier oder Pinscher sehr schlecht ab.

 

Normales Hundefutter besteht aus Fleisch und Getreide. Ein mittelgroßer Hund wie ein Cockerspaniel frisst pro Jahr 164 Kilo Fleisch und 95 Kilo Getreide. Um die Kühe oder Puten für das Hundefutter zu züchten und das Getreide dafür anzubauen, sind 0,84 Hektar landwirtschaftlicher Anbaufläche nötig. Wer einen Land Cruiser mit einem 4,6-Liter-Motor
herstellt und 10000 Kilometer im Jahr damit fährt, verbraucht 55,1 Gigajoule Energie im Jahr. Um diese Energie zu produzieren, fallen 0,41 Hektar Land an. Der ökologische Fußabdruck des Cockerspaniels ist also doppelt so groß wie der des Geländewagens.


Beeindruckend.

 

Nicht wahr? Man würde das absolut nicht vermuten. Wir fanden es auch richtig schockierend. Hunde sind eben Fleischfresser, und für die Herstellung von Fleisch benötigen Sie eine große Fläche Land. Und es kommt sogar noch schlimmer, wenn man den Cockerspaniel mit Menschen aus Entwicklungsländern vergleicht. Denn so ein mittelgroßer Hund belastet die Umwelt stärker als ein Vietnamese oder Äthiopier.

 

Gutes Stichwort. In ihrem Buch kriegen ja nicht nur Haustiere ihr Fett weg.


Das stimmt. Wir haben auch herausgefunden, dass eine Hochzeit sehr viel Energie verbraucht. Mit derselben Energie könnte man ein Haus zehn Jahre lang heizen.


Jetzt übertreiben Sie.


Nein! Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Menschen oft weite Strecken reisen, um zu einer Hochzeit zu kommen. Bei vielen Gästen summiert sich das. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen ihre Flitterwochen in Übersee verbringen. Sie fahren nicht einfach ans Meer, sondern fliegen von Deutschland nach Sydney. Das hat einen großen
Einfluss auf die Umwelt.


Also sollte man lieber gar nicht erst heiraten?

 
Oder man entscheidet sich für eine schlichte und örtlich begrenzte Feier, zu der man nur die Freunde aus der Nachbarschaft einlädt.


Aber zurück zu den Tieren. Wenn ich mich nun statt für einen Hund für eine Katze entscheide, bin ich dann ökomäßig auf der sicheren Seite?


Grundsätzlich ist es so: Je kleiner ein Haustier, desto besser für die Umwelt. Trotzdem ist eine Katze nicht viel besser als ein Hund: Sie schadet der Umwelt so sehr wie ein VW Golf. Selbst zwei Hamster belasten das Klima genauso wie ein Plasmafernseher.


Welches Haustier ist denn dann überhaupt umweltfreundlich?


Ein Goldfisch.


Und zwar weil ...

 

weil er nicht viel isst.


Aber einen Goldfisch kann man nicht knuddeln. Sein Wert als Haustier ist begrenzt.

 

Dann würde ich Ihnen einen Hasen empfehlen. Im Gegensatz zu Hunden oder Katzen ernährt er sich vegetarisch. Er ist also umweltfreundlich – und man kann ihn verspeisen.


Aber das ist doch grausam. Man hat kleine Kinder, kauft ihnen einen Hasen und sagt nach ein paar Monaten: Jetzt schlachten wir den, damit wir umweltbewusster leben …

 

Meine Kinder sind genau mit dieser Situation aufgewachsen. Sie haben sich sehr gefreut, unsere Kaninchen zu essen. Oder unsere Schweine. Es ist doch viel schöner, ein Tier zu essen, das man geliebt und gepflegt hat, als eines, das auf einer riesigen Farm gezüchtet, in einem mechanisierten Schlachthaus getötet wurde und keine Zuneigung bekam! Es ist besser, seine Freunde zu essen, als Tiere, die man nicht kennt.

 

Wollten Ihre Kinder nie einen Hund oder eine Katze?

 

Doch, schon. Vor Kurzem wollten wir gerne einen Hund kaufen. Aber wir haben entschieden, dass wir keinen haben können. Alles, was wir sagen, ist doch: Wir müssen genau darauf achten, was wir tun. Viele Leute sagen zu uns: Wir haben Hunde, aber keine Kinder. Das ist fein. Denn der Einfluss eines Hundes auf die Umwelt ist viel geringer, als ein Baby zu haben. Vor allem in der westlichen Welt. Andere Freunde sagen: Wir haben einen Hund, aber kein Auto. Das ist auch in Ordnung.


Ehrlich gesagt klingen Ihre Thesen etwas hartherzig. Wie waren denn die Reaktionen auf Ihr Buch?

 

Wir haben sehr viele wütende Emails von Leuten bekommen, die sich selbst Tierfreunde nannten. Sie kamen vor allem aus Amerika und waren zornig, weil wir zu sagen wagten, dass ein Hund nicht das Beste auf der Welt ist.

 

Man hat Sie beschimpft?


Die hofften, dass unsere Kinder gegessen und wir in der Hölle verrotten würden.

 

Man muss ja nicht gleich so böse werden. Aber ignorieren Sie nicht tatsächlich den sozialen Wert, den Haustiere haben? Sie beruhigen Menschen. Kinder mit Haustieren werden auch weniger krank.


Ich akzeptiere diese Argumente. Aber man kann auch sehr viel Zuneigung von seinen Mitmenschen bekommen. Oder wir teilen uns Haustiere. Beispielsweise gibt es die Tradition der Schiffskatze: Sie lebt auf dem Schiff und ist das Haustier von jedem an Bord. Auch in Altenheimen gehört eine Katze oft mehreren Bewohnern.

 

Jetzt mal ehrlich, Herr Vale: Haustiere als Gemeineigentum, Heiraten als Klimakiller – Sie provozieren aber auch ganz gern, oder?


Nun ja, vielleicht ein bisschen. Wir wollen provozieren, damit die Leute sich bewusster werden, was ihr Tun anrichten kann.


Deshalb erwähnen Sie auch, dass ein Flug mit der Boeing 747 weniger Energie verbraucht als eine Fahrt mit dem Fahrrad.

 

Wenn der Fahrradfahrer anschließend etwas isst und eine Dusche nimmt, dann ist sein Energieverbrauch insgesamt tatsächlich größer als der eines Flugzeugs. Wobei man natürlich sagen muss, dass sich eine 747 nicht so gut fürs Pendeln zur Arbeit eignet wie ein Fahrrad.

 

Kein Mitleid mit Hunden
Leben: Gemeinsam mit seiner Frau Brenda wanderte Robert Vale 1995 von Großbritannien nach Neuseeland aus.
Dort unterrichten beide an der Uni Wellington als Architekturprofessoren.

Schreiben: Gemeinsam schrieben die Vales das Buch „Time to Eat the Dog? The Real Guide to Sustainable Living“ (Thames & Hudson, 384 S., 16,98 Euro). Darin stellen sie Alltagsentscheidungen auf den Prüfstand und suchen nach Möglichkeiten, nachhaltiger zu leben.