Die Kilometerfresser

 

Mario Nagel und Winfried Müller fahren die bayerischen Fraktionschefs durchs Land - und das ziemlich flott

 

Süddeutsche Zeitung / 15. Februar 2005

 

Von Mauritius Much


München - Mario Nagel könnte so vieles erzählen. Über das Privatleben der CSU-Spitzen, über ihren dauernden Streit mit der CDU, die Machtkämpfe im Kabinett. Nur leider darf er nichts sagen, denn für seinen Job gibt es zwei Voraussetzungen: absolute Diskretion und ein Führerschein der Klasse 3. Nagel ist Fahrer der CSU-Fraktionschefs, und das seit 17 Jahren. Alois Glück verbrachte wahrscheinlich mehr Zeit mit Nagel im Auto als daheim im Wohnzimmer. Im September 2003 musste sich Nagel an einen neuen Beifahrer gewöhnen: Seitdem sitzt Glücks Nachfolger Joachim Herrmann im 745er Dienst-BMW.

 

Nagel ist ein Profi. Wenn die Tachonadel jenseits der 220-Marke zu flattern beginnt und Gelegenheits-Beifahrern der Schweiß auf die Stirn steigt, dann bleibt der 46-Jährige scheinbar seelenruhig. Von Nürnberg bis München braucht er bei freier Strecke nur rund eine Stunde. Wenn 2006 die neue ICE-Trasse fertig ist, wird selbst der Hochgeschwindigkeitszug die 170 Kilometer nicht schneller schaffen. 

Bis zu 16 Stunden und sieben Tage am Stück ist Nagel im Einsatz. Morgens München, mittags schnell ein Abstecher nach Garmisch, abends kurz mal nach Würzburg. An manchen Tagen kommt er auf über 1000 Kilometer. Zwischendurch muss er oft stundenlang warten, bis der Chef von einer Veranstaltung kommt. Nach einer Woche übernimmt der zweite Fahrer. Dann ist Nagel erst einmal platt: "Ich brauche dann zwei Tage, bis ich mich wieder erholt habe."

 

Seinem Kollegen Winfried Müller, 50, geht es da kaum besser: Seit 1991 fährt der Franke die Spitzen der SPD. Bis 2000 Renate Schmidt, jetzt Franz Maget. Auch sie haben es immer schrecklich eilig. Begonnen hat Müller seine Laufbahn als Fahrer bereits im Sommer 1982. Acht Jahre fuhr er von da an den CSU-Politiker Richard Stücklen, in diesen Zeiten Präsident und Vizepräsident des Bundestages. Oft sitzen Müller und Nagel im Innenhof des Maximilianeums zusammen. Sie warten, während sich ihre Chefs droben im Plenarsaal Redeschlachten liefern. Müller und Nagel bilden unter den Fahrern das, was es in der bayerischen Politik seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat: eine große Koalition. "Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander", sagt Müller. Ein Parteibuch muss keiner von beiden besitzen. Nur Renate Schmidt erkundigte sich kurz, bevor sie Winfried Müller von Richard Stücklen übernahm: "Sind Sie in der CSU?", fragte sie ihn. Müller schüttelte den Kopf und hatte den Job.

 

Politisch fliegen zwischen Joachim Herrmann und Franz Maget oft die Fetzen, doch bei Autos sind sie sich einig: Sie bevorzugen BMW - mit Fernseher, Navigationssystem, Ledersessel mit Sitzheizung und verlängertem Radstand für mehr Beinfreiheit. Die Politiker können sich wohlfühlen in ihren geleasten Dienstwagen. Alle sechs Monate bekommen Nagel und Müller einen neuen BMW, der alte hat dann zu viele Kilometer drauf. Renate Schmidt und Alois Glück war die Automarke egal; mal Audi A8, mal BMW. Richard Stücklen hingegen liebte seinen Mercedes. Privat gehen es die beiden Fahrer etwas ruhiger an. Müller fährt einen Fiat Cinquecento, Nagel einen VW Golf. 

Von Motoren und vier Rädern waren Nagel und Müller schon immer fasziniert. Winfried Müller fuhr, aß und schlief jahrelang im Führerhaus eines Lastwagens. 1982 bewarb er sich als Fahrer bei Richard Stücklen. Wenig später saß er zum ersten Mal im Mercedes 500 SEC. Mario Nagel hatte jahrelang Kinder im Bus zur Schule gefahren. Dann hörte er von einer freien Stelle im Umweltministerium. 20 Minuten musste er vorfahren, dann hatte er die Zusage. Von da an chauffierte er Staatssekretär Alois Glück. Als dieser 1988 an die Spitze der CSU-Fraktion wechselte, nahm er Nagel mit.

 

Einen besseren Beruf kann sich keiner von beiden vorstellen, trotz all der Warterei. Doch die Fahrer wissen ganz genau, wie gefährlich er sein kann. Den 9. Juli 1986 wird Winfried Müller nie mehr vergessen. Er hatte Stücklen zu einem Mittagessen mit Karl-Heinz Beckurts, damals Vorstandsmitglied der Siemens AG, gefahren. Mit dessen Chauffeur saß er lange zusammen. Eine Stunde nach dem Essen war sein Kollege tot. Er und Beckurts fielen im Münchner Vorort Straßlach einer Bombe der RAF zum Opfer. "Da wurde mir bewusst, welch großes Risiko ich eingehe", erinnert sich Müller.