Der kleine Kaiser

Gegen Lionel Messi wird schon länger wegen Steuerhinterziehung ermittelt. Jetzt taucht sein Name auch noch in den Mossfon-Daten auf. Die Verteidigungsstrategie teilt der Superstar mit Franz Beckenbauer - er habe halt alles unterschrieben

 

Süddeutsche Zeitung - 4. April 2016

 

Von Mauritius Much und Bastian Obermayer

 

Vor ein paar Wochen ließ Lionel Messi aufhorchen. Rekorde und persönliche Auszeichnungen, sagte der hochdekorierte Fußballer Mitte März bei einem Werbetermin für den chinesischen Konzern Huawei, seien ihm längst nicht mehr wichtig. Ohnehin fällt Beobachtern auf, dass Messi, der Megastar des FC Barcelona, in der Öffentlichkeit reifer und selbstsicherer auftritt. Bei der Copa América 2015 in Chile gab es kaum ein Spiel der argentinischen Nationalelf, bei dem er nicht Journalisten Rede und Antwort stand. Er ist nicht mehr nur auf dem Platz der Anführer, sondern auch daneben, wo er früher gern in einer Wolke aus Einsilbigkeit verschwand.

 

 

Es wurde auch Zeit.

 

 

Den Argentinier Lionel Messi, 28, halten viele für den besten Fußballer der Welt. Doch Messis Ausstrahlung, die er auf dem

Platz hat, die Fähigkeit, im Bruchteil einer Sekunde zu entscheiden, was richtig ist, verblassten lange Zeit, sobald er den Rasen des Stadions Camp Nou in Barcelona verließ. Dann wirkte er plötzlich wie ein schüchterner Junge. Und auch die großen Entscheidungen, die in einer Karriere getroffen werden müssen und oft mit Geld zu tun haben, überließ er offenbar anderen.

 

 

Das könnte sich für das kleine Genie nun rächen. Ende Mai wird Lionel Messi vor Gericht stehen, er sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, 4,1 Millionen Euro an Steuern hinterzogen zu haben. Dabei soll er sich auch eines Geflechts aus Offshore-Firmen bedient haben, das so komplex gestrickt ist wie Messis Spielzüge auf dem Fußballplatz.

 

 

In den Panama Papers findet sich nun - neben den durch die Ermittlungen der spanischen Behörden bereits öffentlich gewordenen Offshore-Firmen - eine weitere, bislang unbekannte Briefkastenfirma, die offenbar zur Hälfte Lionel Messi gehört und zeitweilig von der Kanzlei Mossack Fonseca (Mossfon) betreut wurde. Sie heißt Mega Star Enterprises - kein unpassender Name für den umschwärmtesten Fußballer des Planeten, der überall hätte hingehen können, aber stets in Barcelona geblieben ist. Nachdem die Steuervorwürfe bekannt geworden waren, grassierte dort aber die Angst, er könne den Verein doch in Unfrieden verlassen. So wie andere Klub-Ikonen es in der Vergangenheit auch taten: der vor Kurzem verstorbene Johan Cruyff, Bernd Schuster, Diego Maradona, Ronaldo, Luis Figo oder Ronaldinho.

 

 

Erst vor wenigen Monaten aber stellte Messi klar, dass er den Verein in Europa nicht mehr wechseln werde - und seine Karriere am liebsten bei Newell's Old Boys ausklingen lassen wolle, seinem Stammverein im argentinischen Rosario, wo er geboren wurde. Barcelona atmete auf.

 

 

Die Stadt gab ihm ja auch einiges. Hier überwand er nicht nur die Wachstumsprobleme aus seiner Kindheit und wurde immerhin 169 Zentimeter groß. Er sammelte auch Titel, war fünf Mal Weltfußballer des Jahres, sieben Mal spanischer Meister und gewann vier Mal die Champions League. Titel mit der argentinischen Nationalelf blieben ihm bis auf den Olympiasieg von Peking zwar versagt; dafür gilt er nun als der bestverdienende Kicker des Planeten.

 

 

Das Fachblatt France Football schätzte die Einkünfte Messis im Kalenderjahr 2015 auf 65 Millionen Euro brutto. Demnach erhält er in Barcelona ein jährliches Salär von angeblich 36 Millionen Euro; der Rest fließt über Werbeeinnahmen. Cristiano Ronaldo von Real Madrid kommt angeblich "nur" auf 54 Millionen Euro, Messis brasilianischer Mitspieler in Barcelona, Neymar, auf 36,5 Millionen Euro. Topstars der deutschen Bundesliga verdienen angeblich bis zu 20 Millionen Euro.

 

 

Wer viel verdient, kann viel sparen - wenn er für sein Geld die entsprechenden Kanäle wählen kann. Ausweislich der Daten der Panama Papers wird die Mega Star Enterprises, die jedenfalls bis vor wenigen Wochen noch aktiv war, von fünf unbekannten Scheindirektoren geleitet - aber das Unternehmen gehörte offenbar in Wahrheit Lionel Andrés Messi und seinem Vater und Manager Jorge Horacio Messi. Das geht aus einem Papier von Juni 2013 hervor, das sich in den Panama Papers findet. Darin erklärt ein Mitarbeiter einer uruguayischen Anwaltskanzlei dem Offshore-Provider Mossack Fonseca, die finalen Begünstigten der Mega Star Enterprises seien die Messis. Auch das noch.

 

 

Schon das, was bisher bekannt ist über die Art der Messis, die Finanzen ihres Dribbel-Genies zu verwalten, bereitet ihnen große Probleme. Im Oktober 2015 entschied ein Ermittlungsrichter, dass Lionel Messi und seinem Vater Horacio der Prozess wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung gemacht wird. Die Staatsanwaltschaft hatte sich zwar zuvor dafür ausgesprochen, alle Vorwürfe gegen Lionel Messi fallen zu lassen und nur den Vater zu belangen. Weil aber das Finanzministerium auf einem Verfahren gegen den argentinischen Nationalspieler bestand, muss nun auch er vor Gericht erscheinen.

 

 

Ins Gefängnis muss Lionel Messi aber wohl nicht. Für die drei Steuerdelikte, die ihm vorgeworfen werden, fordert die Finanzbehörde als Nebenklägerin jeweils die Mindeststrafe von sieben Monaten und 15 Tagen. In Spanien können nur Haftstrafen von mehr als zwei Jahren nicht zur Bewährung ausgesetzt werden. Die dazu geforderte Geldstrafe von 4,1 Millionen Euro dürfte den Multimillionär Messi weniger schmerzen als ein grobes Foul. Der Prozess soll am 31. Mai beginnen.

 

 

Aber wie werden die spanischen Behörden auf die neuen Informationen aus den Panama Papers reagieren? Die Mega Star Enterprises taucht bisher in den Akten der Staatsanwaltschaft nicht auf, bestätigte ein Sprecher der Behörde auf Anfrage. Aber sie könnte ins Bild passen, denn laut Anklage sollen Messi und sein Vater auch für die ihnen angelastete Hinterziehung Briefkastenfirmen genutzt haben.

 

 

Lionel Messi und sein Vater reagierten nicht auf mehrere Anfragen.

 

 

Die konkreten Vorwürfe der Ermittler lauten: Die Messis sollen von 2005 an zum Schein die Bildrechte am Star-Kicker an Offshore-Firmen übertragen haben, die ihren Sitz in mittel- und südamerikanischen Steuerparadiesen wie Belize oder Uruguay haben. Mit denen mussten dann Werbepartner, die Messis weltbekanntes Gesicht nutzen wollten, die Verträge abschließen. Das Honorar landete in Steuerparadiesen, der spanische Fiskus schaute in die Röhre.

 

 

Das ist im Sport eine gängige Praxis: Schon in den 90er-Jahren begannen Profifußballer in Spanien damit, ihre Bildrechte auf Gesellschaften im Ausland zu übertragen. Auch die Panama Papers spiegeln diese Entwicklung, etwa 20 ehemalige und aktuelle Weltklassekicker haben Verbindungen zu Mossfon-Briefkastenfirmen.

 

 

Im Fall von Lionel Messi geht es um Werbeeinnahmen in Höhe von 10,1 Millionen Euro, die praktisch nicht besteuert worden seien - etwa von Adidas, der Banco Sabadell, Danone oder Telefónica. Zudem hätten die Messis laut Anklage dem Finanzamt Daten verschwiegen, damit es nichts von den Geldflüssen ins Ausland erfährt. So soll Messi von 2007 bis 2009 etwa 4,1 Millionen Euro Steuern hinterzogen haben. Messi hat inzwischen nachgezahlt, samt Zinsen über fünf Millionen Euro.

 

 

Bleibt es dabei? Die Mega Star Enterprises wurde ausweislich der Panama Papers erst am 8. Februar 2012 gegründet - lange nach den bereits aktenkundigen Steuerhinterziehungsfällen, die nun vor Gericht behandelt werden sollen. Die Gründung erfolgte durch einen Offshore-Anbieter in Panama, aber nicht durch die ebenso dort ansässige Mossfon. Die Anteile an der Firma wurden anfangs in anonymen Inhaberaktien ausgegeben. Nur wer diese physisch besitzt, dem gehören die Anteile an der Firma - der Name muss nicht auftauchen.

 

 

Laut Panama Papers trat für Lionel Messi bei der Gründung der Mega Star Enterprises im Februar 2012 die bereits erwähnte uruguayische Anwaltskanzlei als Vermittler auf. Hier ist die erste Verbindung zur Anklage in Spanien: Demnach stellte dieselbe Kanzlei kurz danach, am 17. Februar 2012, eine Bestätigung aus, wonach Lionel Messi der einzige Teilhaber der viel früher gegründeten Briefkastenfirma Jenbril S.A. sei - die im Zentrum der bereits bekannten Hinterziehungsvorwürfe steht. Ihre Anwälte in Uruguay scheinen den Messis also zumindest bei der bekannten Konstruktion zur Hand gegangen zu sein. Der zweite Berührungspunkt entstand im Sommer 2013, als die Ermittlungen gegen Messi öffentlich wurden. Am 12. Juni 2013 berichtete die spanische Nachrichtenagentur EFE erstmals über das Verfahren, internationale Medien zogen nach. Am nächsten Tag meldeten sich die uruguayischen Anwälte per E-Mail bei dem Offshore-Provider Mossack Fonseca - das ist aus den Panama Papers ersichtlich -, weil sie für die Mega Star Enterprises den Offshore-Anbieter wechseln wollten. So sei es laut E-Mail zuvor telefonisch besprochen worden. In Zukunft sollte Mossack Fonseca die Briefkastenfirma verwalten. Ein panamaischer Inlands-Transfer sozusagen.

 

 

Die Kundenbetreuer bei Mossfon schienen zumindest zu ahnen, dass sie sich damit eine Problemfirma einhandeln würden. Denn sie bestanden darauf, eine Haftungsfreistellung ausgestellt zu bekommen. Die Kanzlei Mossack Fonseca und ihre eingesetzten Scheindirektoren würden laut dieser Erklärung bezüglich aller Beschwerden, Klagen, etc. entschädigt, die Mega Star Enterprises betreffen. Das der SZ vorliegende Dokument vom 23. Juli 2013 trägt die Unterschriften von Lionel Andrés und Jorge Horacio Messi.

 

 

Welche Rolle die Mega Star Enterprises im Geflecht der Messis spielte, lässt sich aus den Panama Papers aber nicht klären. Als genereller Geschäftszweck wird in einem Dokument eher pauschal "Investitionen" angegeben. Es fanden sich in den Daten des Leaks aber keine konkreten Verträge oder Geschäfte, die über Mega Star Enterprises abgewickelt worden wären. Das kann auch damit zu tun haben, dass vielleicht anderen Personen Vollmachten für die Firma ausgestellt wurden. Jedenfalls versicherten Vater und Sohn laut jenem Dokument vom 23. Juli 2013, Mossfon im Fall der Beendigung der Geschäftsbeziehung zu der uruguayischen Kanzlei zu helfen, alle möglicherweise bestehenden Vollmachten zu widerrufen. Mit solchen Vollmachten könnten Dritte Konten eröffnen, Immobilien erwerben oder Verträge jeder Art abschließen, ohne dass ersichtlich würde, wem die Firma tatsächlich gehört - wegen der anonymen Inhaberaktien. Da der spanischen Staatsanwaltschaft die Existenz der Mega Star Enterprises bisher nicht bekannt gewesen ist, dürfte sie sich sehr dafür interessieren, wem eine solche Vollmacht ausgestellt wurde. Und wofür.

 

 

Obwohl Lionel Messi in den Verträgen zur Mega Star Enterprises namentlich erscheint und selbst unterschrieb, wird er seine bisherige Verteidigungslinie im Verfahren wohl kaum ändern müssen. "Ich schaue nicht, was ich unterschreibe", sagte Messi bei einer Vernehmung durch die damalige Ermittlungsrichterin. "Wenn mein Vater es sagt, unterschreibe ich mit geschlossenen Augen." Und: "Ich unterschreibe das, was mir mein Vater sagt, das ich unterschreiben soll, weder schaue ich, noch konzentriere ich mich darauf, noch frage ich." Diese Art der Rechtfertigung ist auch in Deutschland bestens bekannt, sie ist nahezu identisch mit der Taktik von Franz Beckenbauer in der Sommermärchen-Affäre. Der "Kaiser" sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung ebenfalls, nachdem sein Autogramm auf umstrittenen Verträgen aufgetaucht war, er habe stets alles "blind" unterschrieben, was ihm seine Vertrauten vorgelegt hätten.

 

 

Messi - der kleine Kaiser.

 

 

Der Vater des mutmaßlich besten Fußballers der Welt, der einst seinen 13-jährigen Jungen nach Barcelona geschafft und dessen ersten Vertrag auf einer Papierserviette unterschrieben hatte, stützte diese Aussagen. Sein Sohn Lionel habe in Steuersachen weder Zugang zu Verträgen noch zu entsprechenden Informationen gehabt. Laut eigener Aussage habe er selbst, Jorge Horacio Messi, die Verträge ausgehandelt - und zur Unterschrift vorgelegt.

 

 

Was die Mega Star Enterprises betrifft, waren von 2015 wegen einer Gesetzesänderung in Panama nur mehr Namensaktien erlaubt. Wiederum war es Vater Messi, dem im Dezember 2015 die zuvor anonymen Anteilsscheine an der Firma übertragen wurden. Allerdings verband, wie die Panama Papers zeigen, die uruguayische Anwaltskanzlei die Änderung mit der dringenden Forderung an Mossfon, dass Jorge Messi im öffentlichen Firmenregister nicht erscheinen dürfe. Dies, so die Kanzlei, soll Mossfon umgehend bestätigen - oder die notwendigen Dokumente schicken, um eine Offenlegung zu verhindern.

 

 

Die Strategie, alles auf den Vater zu schieben, verfing vor Gericht jedoch nur zum Teil. Zwar nahm sogar das spanische Finanzministerium Lionel Messi ab, dass er keine Ahnung von Steuerdingen gehabt habe und die Initiative zur mutmaßlichen Steuerhinterziehung von seinem Vater ausgegangen sei; es bestand anders als die Staatsanwaltschaft aber auf einer Anklage gegen den Wunderkicker. Erstens, weil Unwissenheit nicht vor Strafe schütze - unterschrieben habe Lionel Messi die Dokumente ja. Zweitens, weil Messi durchaus bereitwillig Steuerrückerstattungen für die Jahre 2007 bis 2009 entgegengenommen habe. Die Beharrlichkeit des Finanzministeriums zwang das Gericht gegen die Absicht der Staatsanwaltschaft, ein Verfahren auch gegen den Fußballer und nicht nur gegen seinen Vater zu eröffnen. Es gebe "hinreichende Hinweise darauf, dass die kriminellen Handlungen von beiden Angeklagten begangen wurden", heißt es der Begründung des Entscheids.

 

 

Der schwere Gang vor Gericht könnte zeigen, wie weit Lionel Messis tatsächlich gereift ist.