Auf der Durchreise

 

Business-WGs sind die Konsequenz von mehr Flexibilität im Arbeitsleben. In Hamburg wohnen 56 Jobnomaden in einer der größten Wohngemeinschaften Deutschlands.

 

Neon / März 2011

 

Von Mauritius Much

 

Der große Traum jeder Frau um die dreißig? Ein begehbarer Kleiderschrank. Der Traum jedes Bewohners einer großen WG? Ein begehbarer Kühlschrank. Schluss mit herrenlosen Pesto-Gläschen im hinteren Drittel, die nach und nach zu neuen Lebensformen mutieren. Stattdessen: alles ordentlich verstaut in durchsichtigen Plastikboxen, die mit der Zimmernummer versehen sind. Über gleich drei solcher Kühlräume verfügt eine WG in Hamburg-Eppendorf, eine der wohl größten WGs Deutschlands: 56 Mitbewohner auf vier Etagen.


Erzieherin Anna-Lena Lalk kocht sich gerade eine Portion Nudeln. Neben ihr brät ein Mitarbeiter einer Werbeagentur ein Putenschnitzel, im Ofenrohr zerläuft die Butter auf den Kartoffeln eines Computerspielproduzenten. Es ist kein Zufall, dass in der Hamburger Riesen-WG jeder sein eigenes Essen zubereitet. Denn gemeinsam zu kochen, wie es in anderen WGs der Fall ist, dafür leben hier zu viele Menschen, die sich kaum kennen. Die Hamburger Zweck-WG ist eine Unterkunft für Berufstätige, die nur kurz in Hamburg sind. Die Ingenieure oder Hebammen, die wegen des Jobs nach Hamburg gekommen sind, bleiben meist nicht länger als ein paar Monate. Ursprünglich war die XXL-WG, die in einem ehemaligen Krankenhaus untergebracht ist, als Unterkunft für Studenten gedacht, die ein Praktikum in Hamburg absolvieren. Daher auch der Name: Students Lodge.


Heute bräuchte die WG einen neuen Namen, denn hier leben fast nur noch Berufstätige, besser: Jobnomaden. Ein Praktikum in Hamburg, ein Traineeprogramm in Gütersloh, eine Schwangerschaftsvertretung in Köln: Die Generation Rollkoffer geht dorthin, wo es Arbeit gibt. Jeder, den man in der Gemeinschaftsküche mit den begehbaren Kühlschränken fragt, ist Berufsanfänger, der sich entweder von einem befristeten Job zum nächsten hangelt oder nur für ein Projekt nach Hamburg kommt oder hofft, nach unzähligen Praktika in verschiedenen Städten endlich eine Festanstellung zu bekommen.

 

Mehr als die Hälfte der jungen Erwachsenen in Deutschland hat laut einer TNS-Studie im Auftrag des »Spiegels« kein Problem damit, innerhalb Deutschlands für den Job umzuziehen. 42 Prozent würden auch ins Ausland gehen. Jeder Zweite hat bereits Erfahrungen mit Fernbeziehungen gemacht. Der Anteil befristet Angestellter hat sich zwischen 1996 und 2008 verdoppelt.

 

Und genau auf diese mobile Klientel haben sich Business-WGs wie die in Hamburg (es gibt sie auch in anderen Städten, etwa Düssel dorf) eingestellt: Die Zimmer werden möbliert vermietet, die Mietverträge auf Zeit abgeschlossen, die Kündigungsfrist beträgt nur vier Wochen. »Unsere Mieter befinden sich in einer unsicheren Lebensphase. Sie bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Nur so kann eine große WG funktionieren«, ist sich Sascha Eggers, Vermieter und Gründer der WG, sicher. Die Immobilienfirma, für die er das Haus verwaltet, verdient gut an der »Schicksalsgemeinschaft «: Zwischen 350 und 520 Euro kosten die Zimmer im Monat - viel Geld für eine Unterkunft in einem unansehnlichen Altbau, in dem der Fahrstuhl seit längerem nicht funktioniert, die Waschmaschinen oft ausfallen und sich viele Mitbewohner zwei Duschen pro Etage teilen müssen. Und die Zimmer: Einheitsmobiliar aus Holz statt Individualisten-WG.


Erzieherin Anna-Lena Lalk ist trotzdem froh, hier eine Unterkunft gefunden zu haben. Nach etlichen Bewerbungsgesprächen bekam die Westfälin eine Zusage in einer Hamburger Kita - allerdings befristet. Schon eineinhalb Monate später musste sie anfangen. Panisch klickte sie von ihrem Heimatort Lemgo aus durch die Fotos der Business-WG, schrieb eine Onlinebewerbung an Sascha Eggers und bekam ein paar Tage später die Zusage. »In normalen WGs konkurriert man mit dreißig anderen Bewerbern, wenn man sich nicht persönlich vorstellen kann, hat man gleich gar keine Chance«, erzählt sie. Hebamme Tina zum Beispiel lebte bis zu ihrem Umzug in England - auch sie war froh, so unkompliziert an ein Zimmer zu kommen.


Für Anna-Lena Lalk ging es bei der Wohnungssuche auch um die Sehnsucht nach Gemeinschaft: um Feierabendgespräche beim Feierabendbier. Wenn man schon dauernd für den Job die Zelte abbrechen und die frisch geknüpften sozialen Netze verlassen muss, dann kann so eine WG auch Geborgenheit geben. Die Tatsache, dass einfach immer gerade jemand in der Küche werkelt, im Zweifelsfall jemand, der ebenfalls eine Fernbeziehung führt und auch nicht weiß, wo man kostengünstig Möbel lagern kann, gibt ein Gefühl von Sicherheit in einem unsicheren Leben.


Anna-Lena oder ihre Mitbewohner hört man nicht darüber klagen, dass die Arbeitssuche sie ständig in andere Städte verschlägt. »So ist nun mal die Arbeitswelt, in der wir heute leben. Es wird von unserer Generation erwartet, mobil und flexibel zu sein«, sagt Norman Jaeckel, der wegen eines Jobs bei BMW nach Hamburg gekommen ist. »Flexibel« ist der Begriff, den die Bewohner in der Eppendorfer WG am häufigsten benutzen.