Angstgegner

 

Täglich kommt es morgens zum Duell zwischen Postbote und Hund, letztes Jahr wurden 610 Zusteller gebissen. In Seminaren lernen sie den Umgang mit den Tieren.

 

Frankfurter Rundschau / 7. Dezember 2007


Von Mauritius Much


Manuel, 18 Jahre alt, angehender Briefträger, steht auf dem Parkplatz des Briefzentrums in Landshut und hält einen mit schwarzem Stoff überzogenen Stab in der Hand. Gypsi, die deutsche Schäferhündin, schaut knurrend zu Manuel. Dann springt die Hündin plötzlich hoch und beißt sich an dem Stab, der auch als Beißwurst bezeichnet wird, fest. Manuel dreht seinen Arm, doch Gypsi lässt nicht los. Im Gegenteil: Je aufgeregter sich der junge Mann bewegt, desto heftiger reagiert die Hündin.

 
"Die Beißwurst hätte eure Hand sein können oder das Päckchen, das ihr eigentlich ausliefern wollt", ruft ein Mann aus dem Hintergrund. Es ist Hermann Schindler, ein korpulenter Typ mittleren Alters mit Glatze und rundlichem Gesicht. Seit 20 Jahren ist Schindler Hundeführer bei der Polizei, täglich arbeitet er mit bis zu sechs Hunden. An diesem Tag bringt er künftigen Postboten in Landshut bei, wie sie sich gegen ihren natürlichen Feind, den Hund, schützen können. Am Anfang stand der theoretische Unterricht mit Powerpointfolien, jetzt am Nachmittag folgt der praktische Teil.


Hinter Manuel stehen im Halbkreis noch weitere 18 Azubis. Viele von ihnen haben schon schlechte Erfahrungen mit Hunden gemacht. Vor kurzem wäre Manuel beinahe selbst gebissen worden. Er musste seine Hand über einen Gartenzaun strecken, weil der Briefkasten an der Innenseite einer Gartentür angebracht war. Im letzten Moment konnte er seine Hand noch zurückziehen. 

"Platz!", ruft jetzt Hermann Schindler, Hund Gypsi lässt die Beißwurst los und setzt sich brav neben sein Herrchen, Manuel atmet kräftig durch. Schindler schaut zu den zukünftigen Postboten und sagt: "Zu einem solchen Angriff wird es in der Praxis kaum kommen, wenn ihr meine Ratschläge befolgt." Denn noch immer gilt der Hund als Gefahr für Postboten, im vergangenen Jahr wurden bundesweit 610 Zusteller von Hunden gebissen. Die Zahl ist allerdings rückläufig, im Jahr 2000 waren es noch etwa 3000. Hintergrund: Seit 1999 werden Postboten im Umgang mit Hunden geschult. "Es ist schon gut, dass ich lerne, wie man mit den Hunden umgeht. Ich weiß aus Erfahrung, wie schnell man in eine solche Situation kommen kann", sagt Manuel, nachdem er die Beißwurst an den Ausbilder zurückgegeben hat.


Der erste Tipp, den Schindler der Gruppe gibt, ist sein wichtigster: Direkte Konfrontationen vermeiden. "Das ist das oberste Gebot zur Prävention. Hund und Briefträger sollten nicht zusammenkommen." Sein Tipp: Den Hundebesitzer rufen. Der sollte den Hund dann ins Haus bringen oder anleinen. Und dann ist der nächste Auszubildende dran, er bekommt die Beißwurst in die Hand gedrückt und soll den persönlichen Umgang mit dem Hund trainieren. Ohne Angst, ohne Hemmungen.

 

Nach einer Dreiviertelstunde ist die Übung beendet, jeder Auszubildende musste einmal tapfer die Beißwurst halten und den Umgang mit der Hündin üben.
Jetzt sperrt Hermann Schindler Gypsi in einen weißen PKW-Anhänger, Gypsi hüpft in einen Käfig. Dann macht der Hundeführer eine andere Klappe auf. "Geht ein bisschen zur Seite", sagt er bestimmt zu den jungen Briefträgern, die in der Nähe des Anhängers stehen. Sofort weichen alle zurück, denn sie wissen, dass Schäferhund Carlos nicht so umgänglich ist wie Gypsi. Carlos hört nur auf sein Herrchen. Mit Gypsi sollten die jungen Briefträger spielerisch den Umgang mit einem Hund üben, Carlos soll ihnen zeigen, dass es manchmal einfach besser ist, einen großen Bogen um einen Hund zu machen. "Seht ihr, wie er die Ohren anlegt? Und hört ihr, wie er knurrt? Was bedeutet das?", fragt Schindler. Eine junge Frau meldet sich: "Das heißt: Vorsicht. Keinen Schritt weiter!" Das hat sie vorhin im Theorieteil gelernt. Auch sie hatte schon eine unangenehme Begegnung mit einem Hund. Sie erzählt von einem Bernhardiner, der seinen Kopf durch den Bretterzaun streckte, als sie einen Brief in den Briefkasten werfen wollte. Der Hund bellte und knurrte so laut, bis die Frau den Brief wieder einsteckte und am anderen Tag zustellte. "Den Brief kann man im Notfall wieder mitnehmen, es sollte aber immer erst die letzte Option sein", sagt Hermann Schindler.

 

Der Hundeführer geht näher an Carlos heran und fuchtelt mit der Beißwurst vor ihm herum. Carlos beißt sofort zu. "Bei Hunden, die bei einem Haus angeleint sind oder in einem Auto sitzen, müsst ihr besonders vorsichtig sein", sagt Schindler. Denn Hunde betrachten den engen Raum, in dem sie sich befinden, als direktes Eigentum und verteidigen ihn. "Und merkt euch bitte: Nie von hinten an den Hund rangehen. Der erschrickt und beißt sofort zu."

 

Dann befreit Schindler seinen Schäferhund aus dem Käfig. Der Hundetrainer zieht kurz an der Leine und mit einem Satz springt Carlos aus dem Anhänger. Der Hund hüpft wild und bellt. "Wer traut sich denn jetzt?", fragt Schindler und schwenkt die Beißwurst. Ängstlich schauen die meisten der jungen Briefträger auf den Boden, niemand meldet sich, niemand will Carlos herausfordern. Ein paar Augenblicke lässt Schindler die jungen Briefträger noch warten, dann fängt er an zu lachen und sagt: "Das war ein Scherz. Carlos ist sehr aggressiv. Den Umgang mit ihm hätte ich keinem von euch zugemutet." 

Aus dem Anhänger nimmt Schindler ein quadratisches Päckchen und wirft es vor den Hund. Der zerfetzt den Karton, in dem sich ein schwarzer Plastiktopf befindet. Als Carlos den Topf entdeckt, beißt er zu. Das Plastik knackt laut, eine Briefträgerin erschrickt, zuckt zusammen. "Wenn so ein Hund wie Carlos auf euch zurennt, dann bleibt ganz ruhig stehen, vermeidet ruckartige Bewegungen mit den Armen und schaut ihm bloß nicht direkt in die Augen", sagt Schindler. "Stattdessen solltet ihr ihn langsam ansprechen und versuchen, ihn zu beruhigen."Bei Carlos wählt der Hundeführer allerdings ein knappe Anweisung. "Aus!", schreit er und Carlos lässt den Plastiktopf auf den Boden plumpsen.

 

Der Kurs geht zu Ende, anderthalb Stunden sind vergangen auf dem Parkplatz am Briefzentrum. Hermann Schindler führt Carlos zurück zum Anhänger. Ohne Murren springt der Schäferhund in seinen Käfig. Schindler schließt die Käfigtür. "Und was merken wir uns?", fragt Schindler zum Abschluss. Er macht eine kurze Pause, dann gibt er selbst die Antwort: "Niemand muss sich fürchten vor Hunden, aber man sollte immer Respekt haben."