1. FC Offshore

Lionel Messi, Gabriel Heinze, Tayfun Korkut - viele Fußball-Akteure nutzten Briefkastenfirmen in fernen Ländern, in die häufig Bildrechte transferiert wurden. Real Sociedad San Sebastián schnürte für seine Profis gar ein Rundum-sorglos-Paket zum Steuersparen

 

Süddeutsche Zeitung - 7. Mai 2016

 

Von Mauritius Much

 

Seit Jahren duellieren sich Barcelonas Lionel Messi und Real Madrids Cristiano Ronaldo darum, wer der beste Fußballer der Welt ist. Meist hat der kleine Argentinier die Nase einen Hauch vor dem portugiesischen Modellathleten - auch beim Geld. So verdient Messi laut einem Ranking der reichsten Fußballer, welches das französische Fachblatt France Football Mitte April 2016 veröffentlichte, derzeit 74 Millionen Euro. Ronaldo "nur" 67,4 Millionen Euro.

 

 

Auf einer Stufe stehen die beiden Superstars hingegen bei den Werbeeinnahmen: Je 35 Millionen Euro bekommen beide über hoch dotierte Sponsorenverträge mit Adidas, Danone oder Telefónica (Messi) bzw. Nike, die Online-Spielplattform Pokerstars oder dem Nahrungsergänzungsmittelanbieter Herbalife (Ronaldo). Die Hälfte ihres Einkommens erzielen die beiden Fußballer also nur dadurch, dass Firmen mit den Gesichtern der Stars für ihre Produkte werben dürfen.

 

 

Der Verkauf der Bildrechte ist für Fußballer sehr lukrativ. Wie die Panama Papers zeigen, werden die Rechte nicht selten über Briefkastenfirmen in Steueroasen veräußert. Die Werbeeinnahmen fließen dann zurück in diese Offshore-Finanzplätze, wo kaum oder gar keine Steuern anfallen. Zwei Dutzend aktuelle und ehemalige Weltklassefußballer finden sich in den geleakten Dokumenten der panamaischen Kanzlei Mossack Fonseca - darunter Messi. Die meisten Spieler haben über Offshore-Firmen Bildrechte gehandelt.

 

 

In Spanien begannen Kicker wie der chilenische Stürmer Iván Zamorano bereits Anfang der 1990er Jahre damit. So gab "Ivan der Schreckliche", wie der Angreifer wegen seiner Kopfballstärke genannt wurde, seine Bildrechte 1992 über seine eigene Briefkastenfirma Fut Bam International Limited für vier Jahre an seinen damaligen Verein Real Madrid ab. Im Gegenzug sollte er 195 Millionen Peseten bekommen - das wären heute 1,17 Millionen Euro. Auf Anfrage der SZ und des Internationalen Konsortium für Investigative Journalisten (ICIJ) wollte sich Zamorano über seine Offshore-Geschäfte nicht äußern. Nach der Veröffentlichung der Panama Papers ließ er lediglich verlauten: "Als professioneller Fußballspieler hatten meine Gelder immer einen bekannten Ursprung und wurden in den Ländern, in denen es nach den Gesetzen eines jeden von ihnen nötig war, versteuert."

 

 

Lionel Messi hat seine Werbeeinnahmen zwischen 2007 und 2009 hingegen nicht an seinem Wohnsitz in der spanischen Provinz Katalonien deklariert. Sie flossen in mehrere Offshore-Firmen in Belize oder Uruguay. Messi muss sich deshalb bald wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 4,1 Millionen Euro vor einem Gericht in Barcelona verantworten. Interessant wird dann sein, was für eine Rolle die Mega Star Enterprises spielen wird. Diese 2012 in Panama registrierte Briefkastenfirma war den spanischen Ermittlern bisher nicht bekannt. Doch aus den Panama Papers geht hervor, dass Barcelonas Profi diese Firma zusammen mit seinem Vater gehörte, ehe Jorge Horacio Messi im Dezember 2015 die Anteile alleine übernahm. Ob der Prozess wie geplant am 31. Mai beginnen kann, ist fraglich. Denn die spanischen Steuerbehörden wollen die Informationen über die weitere Offshore-Firma Messis prüfen. Mehrere Anfragen der SZ und des ICIJ beantwortete der Weltfußballer nicht. In einem Kommuniqué ließ Messi nach der Veröffentlichung der geleakten Daten verbreiten, dass die Mega Star Enterprises eine total inaktive Firma sei, die niemals Gelder oder Girokonten besessen habe.

 

 

Im argentinischen Nationalteam spielte Messi jahrelang mit Gabriel Heinze zusammen. Während Messi stürmte, hielt ihm der Verteidiger den Rücken frei. 2006 und 2010 stießen sie ins WM-Viertelfinale vor, doch zweimal scheiterten sie an der deutschen Nationalelf. Dabei hätte Gabriel Heinze theoretisch auch beim Gegner spielen können: Denn sein Vater war Wolgadeutscher, weshalb Gabriel Heinze einen deutschen Pass besitzt. Doch er entschied sich für das Land, in dem er geboren wurde und aufwuchs.

 

 

Trotz der Niederlage im Elfmeterschießen im Berliner Olympiastadion am 30. Juni 2006 zahlte sich der Viertelfinaleinzug zumindest finanziell für Heinze aus. 40 000 Euro bekam er von seinem Ausrüster Puma als Prämie dafür - zusätzlich zu den 850 000 Euro, die er bis 2010 kassieren sollte. Das war in einem Vertrag festgelegt, den der Sportartikelhersteller aus Herzogenaurach 2005 mit der Offshore-Firma Galena Mills Corp. abschloss. Dadurch trat Heinze seine weltweiten Bildrechte ab und verpflichtete sich, exklusiv für Puma-Produkte zu werben. Dem Spieler gehörte die Firma offiziell nicht direkt, die Aktien hielt stattdessen über eine Familienstiftung seine Mutter.

 

 

2005 wird offenbar noch ein weiterer Vertrag unterzeichnet - dieses Mal von der Puma-Tochter im Vereinigten Königreich und dem Spieler persönlich. Denn Heinze spielte zu dieser Zeit für Englands Rekordmeister Manchester United. Durch diese zweite Vereinbarung, das lässt sein Sprecher verlauten, gab Heinze seine Bildrechte ab, soweit sie Großbritannien betrafen. Auf Anfrage sagte sein Sprecher, der Spieler habe alle anfallenden Steuern bezahlt. Ein Puma-Sprecher erklärte, dass Sponsoring-Verträge strengen Richtlinien unterlägen, doch sei man in Bezug auf Vertragsinhalte zur Verschwiegenheit verpflichtet. Die Struktur half Heinze, möglichst wenig Geld an den Fiskus abführen zu müssen. Denn dadurch musste er nur die Bezüge beim britischen Finanzamt melden, die er im Vereinigten Königreich erzielte. Die Erlöse für die weltweiten Bildrechte mussten auf den britischen Jungferninseln gemeldet werden, wo die Galena Mills Corp registriert war. In dem Offshore-Paradies fallen keinerlei Steuern an.

 

 

Bildrechte über Offshore-Firmen zu veräußern und die Einnahmen dafür in Steuerparadiesen zu bunkern, ist keineswegs per se illegal - sondern eine Möglichkeit für reiche Fußballer, Steuern zu sparen. Das dürfte auch der Hauptgrund sein, warum sich zwei Dutzend Kicker in den Panama Papers finden. So trat auch der Argentinier Leonardo Ulloa, der mit seinen Toren in dieser Saison mithalf, dass das Überraschungsteam Leicester City englischer Meister wurde, im April 2008 über die Offshore-Firma Jump Drive Sport Rights seine Bildrechte bis 2012 ab. Dafür sollte er 50 000 US-Dollar pro Halbjahr verdienen. Dem ICIJ sagte Ulloa am Telefon: "Ich möchte nicht darüber sprechen."

 

 

Wie die Panama Papers zeigen, gehen nicht nur Spieler selbst für den Transfer ihrer Bildrechte offshore. Beim spanischen Erstligisten Real Sociedad San Sebastián wurden dafür zwischen 2000 und 2008 sogar flächendeckend ausländische Spieler mit Offshore-Firmen ausgestattet: der deutsch-türkische Mittelfeldspieler Tayfun Korkut, der von Dezember 2013 bis April 2015 Trainer bei Hannover 96 war, der russische Regisseur Valeri Karpin, der türkische Angreifer Nihat Kahveci, sein serbischer Sturmpartner Darko Kovacevic, der argentinische Verteidiger Gabriel Schürrer sowie die beiden Torhüter aus den Niederlanden bzw. Schweden, Sander Westerveld und Mattias Asper.

 

 

Bis 1989 durften bei San Sebastián nur Spieler mit baskischen Wurzeln unter Vertrag stehen, wie das beim Rivalen Athletic Bilbao heute noch der Fall ist. Zehn Jahre wurden ausländische Spieler nicht nur verpflichtet, sondern man richtete sogar eigene Offshore-Firmen für sie ein. Treibende Kraft war offenbar Real Sociedads langjähriger Manager Iñaki Otegui. Er ließ die Briefkastenfirmen bei Mossack Fonseca aufsetzen, über ihn lief die Kommunikation mit der Anwaltskanzlei. Sobald die Spieler den Verein wieder verließen, wurden die Firmen inaktiv.

 

 

Otegui wandte dabei offenbar immer dasselbe Schema an: Der Spieler wird Direktor seiner Offshore-Firma und tritt ihr seine Bildrechte oder einen Teil davon ab. So überlässt Korkut seiner Redway Limited am 1. Juni 2000 hundert Prozent seiner Rechte, wofür er bis 2003 3,35 Millionen DM erhalten soll. Danach reicht die jeweilige Briefkastenfirma die Rechte an eine holländische Firma weiter, von der sie dann an Real Sociedad übergehen.

 

 

Ein Untersuchungsbericht eines spanischen Staatsanwalts, den das Onlinemedium ExtraConfidencial.com zum Teil veröffentlichte, legt nahe, dass hinter diesen angeblichen Bildrechtetransfers in Wahrheit verdeckte Gehaltszahlungen stecken: So bekamen die Spieler offenbar ein offizielles Gehalt, das nur ein paar Tausend Euro im Monat betrug. Bei Kovacevic waren es 1500 Euro. Das deklarierten Verein und Spieler bei den spanischen Steuerbehörden. Das eigentliche Einkommen hingegen wird als Gegenwert für den Transfer der Bildrechte getarnt und über die Konten der holländischen Firma und der jeweiligen Briefkastenfirma zum Spieler geschleust. Dadurch sparen sich Verein und Spieler die Steuern. So verdiente beispielsweise Kovacevic offshore monatlich 60 Mal so viel wie über das reguläre Gehalt. Auf Anfrage ließ Otegui nur mitteilen: "Es war und ist gängige Praxis aller spanischen Vereine, Gesellschaften außerhalb Spaniens für ausländische Spieler zu nutzen." Korkut wollte sich auf mehrere Anfragen von SZ und NDR nicht äußern. Auch Darko Kovacevic antwortete nicht.

 

 

Es gibt aber auch Spieler, die Offshore-Firmen nicht für den Transfer von Bildrechten nutzten - oder zumindest geht das aus den Panama Papers nicht hervor. Der ehemalige englische Nationalspieler Andy Cole scheint über zwei Briefkastenfirmen eine Immobilie in seiner Heimatstadt Newcastle und ein großes Grundstück auf der Karibikinsel Barbados besessen zu haben. Auf Anfrage der britischen Zeitung Guardian und der SZ nahm Cole nicht Stellung.

 

 

Im September 2013 wurde auch für Chelseas Mittelfeldspieler Willian eine Offshore-Firma auf den britischen Jungferninseln eingerichtet - inklusive Konto bei der UBS. In einem internen Dokument von Mossack Fonseca wird Willian nicht nur als Anteilseigner genannt, sondern auch seine Adresse in Cobham im Südwesten Londons angegeben - es ist die Adresse des Trainingszentrums des FC Chelsea.

 

 

Ein Sprecher des Spielers behauptet hingegen: Die Firma sei vor Willians Wechsel zu Chelsea im Sommer 2013 eingerichtet worden, sei nie aktiv gewesen und habe keine Zahlungen erhalten. Laut den Panama Papers war sie aber noch bis mindestens Ende 2015 aktiv.

 

Auch der Uruguayer Diego Forlán ging offshore. Der blonde Stürmer, der bei der WM 2010 zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde, war seit 2006 Direktor einer Briefkastenfirma. Heute lässt Uruguays Rekordnationalspieler (112 Länderspiele) seine Karriere in der Heimat ausklingen. Und die Offshore-Geschäfte endeten am 4. März 2016 mit der Auflösung der Firma. Genau einen Monat später beginnen die Enthüllungen durch die Panama Papers.