Zu viel auf einmal
(erschienen in Emotion)
Telefonieren, gleichzeitig eine E-Mail schreiben und sich nebenbei noch mit einem Blick auf den Kalender informieren, wann der nächste Termin ansteht: Menschen, die Multitasking betreiben, gelten
als überdurchschnittlich leistungsfähig. Als Schnelldenker, die alles im Griff haben, voller Tatkraft und Energie sind. In Wahrheit aber sind sie Junkies – immer auf der Suche nach dem nächsten Reiz.
Sagt jedenfalls John Ratey, Psychologe an der Harvard University New York, der das Phänomen in Studien untersucht hat. Demnach unterscheiden sich dessen Folgen kaum von den Symptomen einer
Drogensucht: Menschen, die sich fortwährend durch immer neue Informationen stimulieren lassen, sind fahrig, nervös, zappelig und unkonzentriert. Sie verkürzen ihre Aufmerksamkeitsspanne und haben
sehr schnell Verlangen nach neuem Input. Zeiten der Ruhe und Stille können sie kaum ertragen.
Manche Wissenschaftler glauben, dass uns der Wunsch, mehrere Leben gleichzeitig zu führen, dazu verleitet, vieles auf einmal tun zu wollen. Unser Gehirn unterstützt uns dabei: Es mag das Hin- und
Herspringen zwischen einzelnen Informationen, Aufgaben, Themen. Gleichzeitig bearbeiten kann es diese Flut an Eindrücken entgegen aller Behauptungen von Zeitmanagementtrainern oder angeblich
erfolgreichen Multitaskern aber nicht. Auch wenn wir so tun, als würden wir gleichzeitig eine E-Mail schreiben und einem Anrufer zuhören – es klappt nicht. Mehr als 100 Prozent Aufmerksamkeit stehen
niemandem zur Verfügung. Entweder hören wir dem Gesprächspartner am Telefon nicht richtig zu oder es schleichen sich Fehler in die E-Mail ein. „Was unsere Aufmerksamkeit betrifft, sind wir reine
Monotasker“, sagt auch Michael Frese, Professor für Organisationspsychologie an der Universität Gießen.
Wer sich also für ein Multitaskingtalent hält, springt in Wahrheit nur in sehr kurzen Abständen zwischen den Aufgaben hin und her. „Natürlich können wir Auto fahren und gleichzeitig ein Hörspiel im
Hintergrund verfolgen“, sagt der Psychologe und Hirnforscher Ernst Pöppel. Das sei aber kein Multitasking, auch wenn wir es so nennen. Vollautomatisierte Vorgänge wie eben das Autofahren oder der
Konsum von Medien benötigen nicht unsere ganze Konzentration und können aus diesem Grund gut „nebenher“ laufen. Allerdings sollten wir nie einen Fahranfänger während eines Überholmanövers im dichten
Berufsverkehr ausrechnen lassen, wie groß der prozentuale Preisunterschied zwischen den letzten beiden Tankstellen war, an denen er vorbeigekommen ist. Denn sowohl das Rechnen als auch das Autofahren
benötigen seine gesamte Aufmerksamkeit.
Auch die Annahme, Frauen könnten besser multitasken als Männer, ist ein Mythos – selbst wenn das fortwährend behauptet wird. So 2003 in einer Studie des Computerchipherstellers Intel: 80 Prozent der
Befragten sagten, dass Frauen besser damit zurechtkämen, zwei oder mehr Dinge gleichzeitig zu tun – und führten diesen Eindruck auf die Struktur des weiblichen Gehirns zurück. Neurobiologen und
Hirnforscher meinen aber, dass die Fähigkeit, vieles parallel erledigen zu können, nicht am Gehirn, sondern an der Sozialisation vieler Frauen liege. Sie seien häufiger dazu gezwungen, mehrere Dinge
auf einmal im Blick zu haben: Eine Hausfrau kann beispielsweise die Küche aufräumen und dabei noch die Suppe und die Kinder beaufsichtigen – Übung macht die Meisterin, jedoch ausschließlich in
Routinearbeiten und automatisierten Abläufen. Denn eine Frau kann genauso wenig wie ein Mann gleichzeitig an einer komplexen Aufgabe arbeiten und den Kollegen an den Schreibtischen nebenan aufmerksam
beim Plausch zuhören.
Wer ständig zwischen verschiedenen Tätigkeiten wechselt, wird keine davon wirklich gründlich und fehlerfrei erledigen. Klingelt immer wieder das Telefon, während wir arbeiten, meldet das Mailprogramm
außerdem neue Nachrichten und steht der Kollege mit einer Frage vor unserem Schreibtisch, sinkt unsere Effektivität rapide: Die Forscher David Meyer und Jeffrey Evans von der University of Michigan
fanden heraus, dass Angestellte, die sich nicht einmal zehn Minuten konzentriert und ohne Unterbrechung einer Sache widmen können, 40 Prozent mehr Zeit für ihre Arbeit benötigen. Allein den Schaden,
der in den USA dadurch entsteht, dass Angestellte durch Mails und Telefon abgelenkt werden, schätzt die New Yorker Consulting-Firma Basex auf 588 Milliarden Dollar – verursacht durch 2,1 Stunden
tägliche Ablenkung, also 28 Prozent eines ganzen Arbeitstags. Ein weiteres erstaunliches Ergebnis: Die Angestellten einer von dem Unternehmen begutachteten Hightech-Firma konnten sich gerade mal elf
Minuten auf eine Aufgabe konzentrieren, bevor sie gestört wurden. Erst nach durchschnittlich 25 Minuten und mindestens zwei weiteren Aufgaben, die es zu erledigen galt, konnten sie die ursprüngliche
Arbeit fortsetzen.
So steigt der Frust: Vieles wird angefangen, nichts ordentlich zu Ende gebracht. Die To-do-Listen werden nicht kürzer. Am Abend bleibt das Gefühl, den ganzen Tag gehetzt gewesen zu sein, aber nichts
geschafft zu haben. Daran, dass wir uns so gern ablenken lassen, ist unser Gehirn schuld, sagt Stefan Klein, Autor des Buchs „Zeit – Der Stoff, aus dem das Leben ist“: „Wir müssen fortwährend darum
kämpfen, bei einer Sache zu bleiben. Denn worauf sich die Aufmerksamkeit richtet, wird in jedem Augenblick von unserem Gehirn neu ausgehandelt. Gegen einen plötzlichen Einfall oder eine verlockende
Tätigkeit hat der ursprüngliche Plan einen schweren Stand.“ Dabei haben Untersuchungen von Arbeitswissenschaftlern ergeben, dass sich die meisten Menschen frühestens nach 15 Minuten so konzentrieren
können, wie es viele Aufgaben verlangen. Diese Viertelstunde braucht das Gehirn, um alle Informationen zu ordnen. Mit jeder neuen Unterbrechung gehen alle Daten wieder verloren.
Je mehr wir unsere Konzentration sabotieren, desto weniger können wir auf sie zählen. Wir sind erschöpft, eilen aber weiter hyperaktiv durch den Tag. Neurobiologen haben das „Attention Deficit Trait“
als Bürokrankheit erkannt. Kommt es dazu auch außerhalb des Arbeitsplatzes, heißt das Phänomen schlicht „Hurry Sickness“ („Hetz-Krankheit“). Die damit einhergehenden Konzentrationsstörungen
klassifiziert der Psychologe John Ratey als „Pseudo-ADS“. Erhöhter Blutdruck, Herz-Rhythmus-Störungen, Magengeschwüre, Nackenschmerzen, Schlaflosigkeit und Selbstüberschätzung können die Folgen sein.
Aber auch unsere Analysefähigkeit und unsere Wahrnehmung der Realität leiden.
Durch den Stress, den der ständige Wechsel zwischen mehreren Aufgaben auslöst, werden unsere höheren Denkfunktionen abgeschaltet: Anstatt zu überlegen und bewusst zu agieren, reagieren wir nur noch
impulsiv und aktionistisch; wir entwickeln einen Tunnelblick, machen Fehler, treffen falsche Entscheidungen. Der Stress beeinträchtigt im Gehirn die Areale, die zwischen Wichtigem und Unwichtigem
unterscheiden und unsere Leistungen auf die einzelnen Aufgaben sinnvoll verteilen können.
Da hilft nur eins: innehalten. Eine Pause machen. Und uns dazu zwingen, wieder eins nach dem anderen zu erledigen. Einfach? So einfach ist das tatsächlich nicht. Verena Steiner, Beraterin für Lern-
und Arbeitsstrategien, weiß, dass gerade Multitasker die Konzentration auf nur eine Sache als langweilig und frustrierend empfinden, weil sie ständig neue Reize gewohnt sind. Sie zitiert ein
buddhistisches Bild, wonach der Geist mit einem aufgeregten Affen vergleichbar sei, der schreiend von Ast zu Ast springt – das gilt besonders für Informationsjunkies.
Der Affe muss gebändigt werden, Regeln lernen, Ruhe aushalten. Verena Steiner empfiehlt Büro-Multitaskern vor allem, Störungen von außen zu vermeiden: „Man sollte sich fragen, ob es einem wichtiger
ist, sich auf die eigene Sache zu konzentrieren oder jederzeit und überall für andere zur Verfügung zu stehen.“ Das bedeutet: Während schwieriger Arbeiten den Anrufbeantworter einschalten und sich
EMails nicht mehr ankündigen lassen. Weltweit sind täglich schätzungsweise 60 Milliarden elektronische Botschaften unterwegs. Doch die meisten können gut auch mal eine Stunde warten. Das Gegenteil
ist der Trend, sagt Steiner: „Für eine Untersuchung wurden in den USA den Probanden Blackberry-Minicomputer ausgehändigt, mit denen sie auch unterwegs ihre E-Mails abrufen konnten. Das Ergebnis: 90
Prozent der Teilnehmer bezeichneten sich nach Ende des Versuchs als abhängig von diesem kleinen Gerät. Solche Mechanismen müssen wir hinterfragen.“
Tief durchatmen kann manchmal schon reichen, um die höheren Denkfunktionen wieder einzuschalten und den Überblick darüber zurückzugewinnen, was gerade wirklich Priorität hat – und die Gier nach neuem
Input zu unterdrücken. „Nehmen Sie sich eine Uhr“, empfiehlt Verena Steiner, „und zwingen Sie sich, zehn Minuten nur bei dieser einen Sache zu bleiben.“ Die ersten Minuten sind die schwersten, aber
je mehr wir üben, desto seltener kann uns etwas ablenken. Erwachsene können sich circa 20 bis 45 Minuten lang konzentrieren. Was dann folgen sollte, ist nicht eine andere Aufgabe, sondern eine Pause:
aus dem Fenster schauen, vielleicht ein paar Schritte gehen. Um dann mit klarem Kopf und sortierten Gedanken weiterzuarbeiten.
© Susanne Klingner
