Was wo hängen bleibt
(erschienen im Fluter)
Die Jacke.
Die da! Die muss es sein. Tolle Jacke. Schönes Rot. Neunundzwanzigneunzig sind okay. Die waren zwar mit fünf Stunden Kellnern nicht allzu schnell verdient, aber diese Trainingsjacke muss es
sein.
„Hallo.“
„Neunundzwanzigneunzig.“
„Bitte.“
Diese Trainingsjacke wird einige Zeit ein hoffentlich guter Freund sein. Und bei
Freunden sollte man wissen, woher sie kommen.Auf dem Schild im Kragen steht „Made in Bangladesh“ und „100 % Cotton“, „Dry flat“.Das sind die einzigen Hinweise auf die Reise, die die Jacke schon
hinter sich hat.
Eine Trainingsjacke wie diese kann bis zu 15 000 Kilometer unterwegs gewesen sein, bevor sie in Deutschland im Laden liegt. Der Weg fängt mit Baumwolle an, aus der Garn gesponnen wird. Aus diesem
Garn wird Stoff gemacht, anschließend wird der Stoff genäht, chemisch behandelt, möglicherweise bedruckt und dann zum Beispiel als Jacke in die Läden gebracht. In dem Land, das auf dem Schild im
Kragen als Herstellerland genannt ist, wird aus den Stoffteilen die Jacke genäht.
Baumwolle wird aus den Fruchtkapseln der Baumwollpflanze gewonnen. Weil diese sehr anfällig für Schädlinge ist, setzen die Baumwollbauern Chemikalien ein, die vor allem von Großkonzernen wie der
amerikanischen Firma Monsanto produziert werden. Umweltorganisationen schätzen, dass zwanzig bis 25 Prozent der weltweiten Produktion an Dünge-, Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln auf
Baumwollfeldern versprüht werden. Und das, obwohl Baumwollfelder nur 2,4 Prozent der Weltackerfläche ausmachen.
Nach der Ernte werden die Baumwollfasern zu riesigen Ballen gepresst und in das Land transportiert, in dem aus der Wolle ein Faden und später ein Stück Stoff gemacht wird. Die wichtigsten dieser
Produktionsländer sind China – besonders die Freihandelszone Hongkong –,Taiwan und Südkorea. Bei der Weiterverarbeitung der Baumwolle kommen erneut Chemikalien zum Einsatz: Die Wolle wird
„merzerisiert“. Das bedeutet, dass sie in konzentrierte Natronlauge getaucht wird, um sie glänzend und reißfest zu machen. Weitere chemische Verfahren schützen sie gegen Verschmutzung, machen die
Baumwolle filz- und knitterfrei, bleichen und färben sie und entfernen den Geruch. Diese Prozedur heißt „veredeln“.
Während des gesamten Verarbeitungsprozesses werden für ein Kilogramm Baumwolle rund hundertfünfzig Liter Wasser verbraucht, vor allem, um die Chemikalien wieder auszuwaschen. Dennoch bleiben immer
Chemierückstände, die am Ende bis zu dreißig Prozent des Gewichts des Kleidungsstücks ausmachen können.
Nach der „Veredelung“ ist das Kleidungsstück alltagstauglich und kann gut Farbe aufnehmen. Diese Farbe kommt vor allem aus Polen oder China – das sind die beiden größten Textilfarbenexporteure.
Nachdem das Kleidungsstück, hier die Jacke, gefärbt wurde, kann es noch bedruckt werden. Zum Beispiel mit dem Schriftzug einer Baseballmannschaft oder dem Markennamen. Dazu wird ein Teil, bei der
Jacke ein Brust- und das Rückenteil, nach Europa geschickt. In Europa wird es „beflockt“. Das heißt, ein Schriftzug aus feinen Textilflocken
wird aufgetragen. Anschließend werden die beflockten Teile zurück nach Asien geschickt – im Fall der Trainingsjacke ginge es jetzt nach Bangladesch.
Der größte Teil der Kleidungsstücke, die in Europa verkauft werden, wird in Asien genäht. Neben Bangladesch geschieht das vor allem in Südkorea, China, Indien und Taiwan. Das Garn, die
Reißverschlüsse und Knöpfe, die dort verarbeitet werden, kommen aus Europa – zumeist aus Deutschland, Großbritannien oder der Schweiz. Die fertig genähte und verarbeitete Kleidung
wird in Containerschiffen nach Europa transportiert. Der dafür größte Warenumschlagplatz in Asien ist Hongkong, in Europa kommen die Schiffe vor allem in Rotterdam, Antwerpen und Hamburg an. Vom
Hafen wird die rote Jacke oder jedes andere Kleidungsstück mit dem Lastwagen in die Warenlager der großen Textilhandelsketten wie H&M oder Zara gebracht.
Nachdem sie dort noch einmal chemisch gereinigt und anschließend gebügelt wurden, werden die Kleidungsstücke auf die letzte Etappe der Reise geschickt, die auf einem Baumwollfeld begann: Mit dem
Lastwagen in die Filiale. Dort wird das Preisschild angebracht, 29,90 Euro für die Jacke. Und dann muss nur noch ein Käufer kommen.
Und die Verkäuferin fragt: „Tüte?“
„Ja, danke.“
„Zehn Cent zurück.
Tschüss, schönen Tag noch.“
„Tschüss.“
Das Geld.
Die da! Die muss es sein. Tolle Jacke. Schönes Rot. Neunundzwanzigneunzig sind okay. Die waren zwar mit fünf Stunden Kellnern nicht allzu schnell verdient, aber diese Trainingsjacke muss es
sein.
„Hallo.“
„Neunundzwanzigneunzig.“
„Bitte.“
29,90 Euro.Wäre es vielleicht doch besser gewesen, dafür zwei neue CDs zu kaufen? Nein, die neue Jacke ist super. Jetzt hat das Geld eben jemand anders. Wer eigentlich? 2002 gaben die Deutschen
dreißig Milliarden Euro für Bekleidung aus, Deutschland ist damit Weltmeister im Kleidungsverbrauch: Im Durchschnitt kauft jeder Deutsche jährlich 26 Kilogramm Kleidung. Der weltweite Durchschnitt
liegt dagegen bei gerade mal acht Kilogramm.
Es geht also um viel Geld. Die großen Textilketten wie H&M oder Zara verraten
allerdings nicht, wie viel genau sie an einem Kleidungsstück verdienen. Verschiedene Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen – zum Beispiel die Kampagne Clean Clothes – haben aber Berechnungen
angestellt, wer wie viel von dem Geld bekommt, das durch ein Kleidungsstück eingenommen wird. Die Jacke hat 29,90 Euro gekostet. Nach den genannten Modellrechnungen bleibt knapp die Hälfte des
Geldes, bei der Jacke also etwa 15 Euro, bei der Filiale. Mit diesen 15 Euro werden die Ladenmiete, die Angestellten und die Mehrwertsteuer bezahlt. Was anschließend noch übrig ist, kann die
Filiale
als Geschäftsgewinn verbuchen.
Der Konzern, zu dem die Filiale gehört, bekommt von den dreißig Euro zwischen 7,50 und zehn Euro – in der Regel nämlich ein Viertel bis ein Drittel des Geldes.Rund drei Euro davon werden für
Forschung und Design ausgegeben. 2,50 Euro sind für das Werbebudget vorgesehen. So bleiben dem Konzern von den 7,50 bis zehn Euro noch zwei bis vier Euro. Damit werden die Angestellten bezahlt.
Was danach übrig ist, das ist der Gewinn, den der Konzern macht.
Auf den fast 15 000 Kilometern, die die rote Trainingsjacke auf ihrer Reise von Osteuropa,dort liegen bedeutende Baumwollanbaugebiete, über Asien nach Westeuropa hinter sich gelassen hat,bleiben fünf
bis elf Prozent der dreißig Euro: für Transport, Steuern und Zölle. Das bedeutet, dass Kartons, Frachter- und Lkw-Miete, Sprit und Zoll für die Reise der Trainingsjacke zwischen 1,50 Euro und 3,30
Euro gekostet haben.
Nur rund ein Achtel des Geldes, im Fall der Trainingsjacke 3,75 Euro, geht zurück in die Herstellerländer. Rund einen Euro bekommt der Fabrikbesitzer, der davon seine Angestellten und Maschinen
bezahlt. Dem Fabrikbesitzer selbst bleiben rund sechzig Cent Gewinn. 2,40 Euro sind die reinen Materialkosten für die rote Trainingsjacke – das sind acht Prozent des Ladenpreises. Zum
Vergleich: Für dieses Geld könnte man sich in Deutschland nicht einmal einen Meter Stoff kaufen, um sich die Jacke selbst zu nähen: In Deutschland kostet ein Meter normaler Baumwollstoff im Laden
zwischen fünf und zehn Euro.
Vier von fünf aller in den Textilfabriken Beschäftigten sind Frauen und Mädchen
im Alter von 14 bis 25 Jahren. Sie nähen zwölf Stunden lang im Durchschnitt hundertsechzig Stücke pro Stunde und bekommen dafür vier bis fünf Euro Tageslohn. Von den dreißig Euro, die über der
Ladentheke den Besitzer wechselten, erhält die junge Frau, die die Jacke genäht hat, nur 0,3 bis ein Prozent. Die Näherin verdient damit zwischen neun und dreißig Cent von den dreißig Euro, die die
rote Trainingsjacke gekostet hat.
Und die Verkäuferin fragt: „Tüte?“
„Ja, danke.“
„Zehn Cent zurück.
Tschüss, schönen Tag noch.“
„Tschüss.“
© Susanne Klingner
