Vom Sitzen
(erschienen im Frankfurtmainbuch im Verbrecher Verlag)
I
Dann saß ich auf diesem orangefarbenen Sofa und wollte nie wieder aufstehen. Hier gefiel es mir. Nicht nur auf diesem Sofa, sondern auch sonst im Museum für Moderne Kunst, in dem das Sofa steht.
Sicherlich wurde es ganz langweilig bei der Eröffnung des Museums Anfang der Neunziger in diese Ecke in einem schmalen Gang gebaut. Aber es sah mehr nach 1970 und nach James Bond aus. Deshalb wollte
ich für immer hier bleiben.
Doch weil meine Zukunftspläne nicht vorsahen, dass ich in einem Museum leben würde, fasste ich den Entschluss, mir irgendwann mal genau so ein Sofa in eine Ecke meiner Wohnung zu bauen, sollte ich
mal so eine Ecke in einer Wohnung haben. Mit so einem Fenster davor. Ein Fenster bis zum Fußboden, eben wie im Museum für Moderne Kunst. Und dann auf dem Sofa liegen und aus dem Fenster auf die
Straße schauen. Zusehen, wie Menschen zur Arbeit hasten, sich begegnen und die Hände schütteln, in ihre Handtelefone sprechen oder auf der Bordsteinkante sitzen und Döner essen. Das alles sah man von
diesem Sofa im Museum aus. So konnte ich mir meine Zukunft sehr gut vorstellen.
Dabei ist das Sofa noch nicht mal ein richtiges Sofa, sondern nur eine mit Leder bezogene Bank in U-Form, und vielleicht ist das auch nur Kunstleder und die ganze Bank gar nicht viel wert. Aber
Frankfurt ist für mich wie dieses Sofa: Ganz hübsch anzusehen, ein bisschen ungemütlich, ansatzweise prätentiös und doch ... gut. Mag sein, dass Frankfurt nur so lange gut für das eigene Leben ist,
wie man sitzen bleibt und anderen Menschen dabei zuschaut, wie sie sich bewegen. Solange man nicht selber in den Strudel gerät und mit den Armen flattern muss, um Business zu machen und Dinge zu
erreichen, für die einen andere Menschen dann auf die Schultern klopfen. Frankfurt ist am besten, wenn man sitzt, und so führe ich dieses Sofa in jedem Gespräch an, in dem einer behauptet, Frankfurt
sei öde und nur was für Snobs. Ich sage: Nein. Mach Frankfurt nicht schlecht. In Frankfurt steht mein Lieblingssofa.
II
Wenigstens ein Mensch teilt offensichtlich meine These vom Sitzen in Frankfurt: der Buddha am Flughafen. Ich war wieder in Frankfurt, diesmal mit einem Freund, und weil dieser Freund Flugzeuge mochte
und gern Super-8-Filme drehte, fuhren wir an den Frankfurter Flughafen, um einen Super-8-Flugzeug-Film zu drehen. Eine Rolle Super-8 ist bekanntlich nur drei Minuten lang, aber der Freund wollte
Regisseur spielen und den ganzen Tag drehen, in Einzelbildern. Ich fand es zu langweilig, ihm dabei zuzusehen, wie er alle paar Minuten mit dem Auslöser ein einziges Bild machte, zwischendurch das
Licht maß und Regieeinfälle vor sich hin murmelte. Ich ging auf der Besucherplattform spazieren. Und dort saß er: der Buddha vom Frankfurter Flughafen. Auf einem Campingstuhl auf einem Steintisch.
Der Buddha hatte kurze Bermudashorts an und ein buntes Hemd, Sandalen und Socken, die hochgezogen in seine Waden schnitten. Vor seinen Füßen, auf dem Steintisch, stand eine Kühltasche. Am rechten
Auge des Buddhas hatte sich eine Videokamera festgesaugt. Ich setzte mich an das Geländer der Aussichtsplattform, von wo ich sowohl den Buddha als auch den Regisseur beobachten konnte. Der Buddha
filmte, unbewegt. Der Regisseur drückte auf seinen Fadenauslöser, lief vor dem Kamerastativ auf und ab und schüttelte den Kopf. So ging das zwei Stunden, vielleicht auch drei. Zwischendurch starteten
und landeten Flugzeuge. Dem allem in der Sonne sitzend zuzusehen machte den Tag zu einem guten. Der Buddha beendete unser stilles Übereinkommen, nach dem er filmen, der Regisseur aufgeregt sein und
ich den beiden und den Flugzeugen zusehen sollte. Er setzte seine Videokamera vom Auge ab und packte sie in die Videokameratasche um seinen Hals. Er holte ein Taschentuch aus seiner Hosentasche,
wischte über Stirn und Nacken, kletterte von seinem Klappstuhl, und umständlich und behände auch vom Steintisch. In der einen Hand die Kühltasche, in der anderen den Klappstuhl, ging der Buddha weg.
Einfach so. Also ging ich zurück zum Regisseur. Als der 3-Minuten-Flugzeugfilm endlich voll war, gingen wir weg und setzten uns in ein Café.
Frankfurt ist schön.
© Susanne Klingner
