:: sprechwerk ::

Sexismus 2.0

(Text erschien in der Rubrik "Meine Meinung" in Neon)

 

 

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit muss niemand mehr die Klappe halten. Jeder, der über Tastatur und Netzzugang verfügt, kann eine Liebeserklärung an Guido Westerwelle veröffentlichen oder Vor- und Nachteile der Finanztransaktionssteuer analysieren. Jeder kann zum Amateuragitator oder Medienmogul mutieren und mit potentiell Milliarden Lesern kommunizieren. Das Internet ist ein freier, egalitärer Raum. Nur leider hat die Egalité des Netzes eines mit der Egalité der Französischen Revolution gemein: Sie gilt nicht für Frauen.

Nehmen wir die Web-Sendung »Ehrensenf«. Jeden Tag erscheint ein Clip über lustige Fundstücke im Netz, schunkelnde Antifa-Aktivisten oder erwachsene Lego-Fans. Immer ist in den Kommentaren das aussehen der Moderatorinnen Jeannine Michaelsen, Christine Henning und Ellen Günyil ein Thema. Und immer schreibt irgendwer: »Ausziehen!«. Klar, auch offline wird die Attraktivität von Frauen bewertet, in der Fußgängerzone, im Großraumbüro oder auf der Couch bei »Verbotene Liebe«. Der Unterschied ist: Ein blöder Spruch in der Sofarunde gelangt nicht in die Öffentlichkeit. Der Sitznachbar nickt, grinst, und kann sich fünf Minuten später an nichts mehr erinnern. Dagegen sind Kommentare im Internet öffentlich – und zwar dauerhaft: Als würde der Typ in der Kantine jahrelang rund um die Uhr in aller Lautstärke »Geile Titten« schreien.

Ich schreibe für das Blog maedchenmannschaft.net über Themen wie Sexismus und Gleichberechtigung. Verständlicherweise ist das eine Provokation für Menschen, die gegen Gleichberechtigung und für Sexismus sind. Ein User droht: »Ihr verdammten Fotzen werdet alle für das ewige Rumgeheule in unserem Internet bezahlen!«, gefolgt von detaillierten Vergewaltigungsfantasien. Entspannte und interessante Diskussionen, zu denen wir vor allem unsere weiblichen Leser animieren wollen, sind dann nicht mehr möglich.

Die »Provokation« der Bloggerin Rose Jakobs besteht dagegen nur darin, dass sie in ihrem Blog »Gesellschaft ist kein Trost« über Themen wie Arbeitsmarktpolitik und ihre eigene Jobsuche schreibt. Männer raten ihr dann: »Du prekäre Schlampe, wieso gehst du nicht anschaffen anstatt so beschissene Blogs zu schreiben!« Natürlich würde man so einen Satz nie in der Realität hören, im anonymen Internet hat Sexismus für Sexisten keine Konsequenzen. Für Frauen aber schon. Die haben keine Lust, dauernd ihr Gästebuch zu kontrollieren oder mitten in der Nacht Kommentare zu löschen. Sie schreiben nur noch anonym, geben das Bloggen ganz auf oder lassen zumindest die Finger von »harten« Themen. Denn wer über über Stillbeschwerden, Kuchenrezepte oder Liebeskummer schreibt, wird nicht angepöbelt.

Untersuchungen zeigen, dass Frauen vor allem Mode-, Tagebuch- und Kochblogs verfassen, während Männer überwiegend Technik-, Medien- und Politikblogs führen. Jan Schmidt vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg hat die 180 meistverlinkten Blogs untersucht und resümiert: »Das Irritierende aus unserer Sicht ist, dass Frauen ›unsichtbarer‹ sind«, weil der Anteil der Männer in den Blogs, die oft zitiert werden und verlinkt werden, sehr viel höher ist.« Die großen Debatten aus Politik und Gesellschaft, die Diskussionen mit vielen Lesern und Kommentaren sind fest in Männerhand. Das Medium des 21. Jahrhunderts reproduziert das Geschlechterverhältnis des 18. Jahrhunderts.

Bloggen und Kommentieren im Web 2.0 sind keine Freizeitbeschäftigungen wie Ultimate Fighting oder Car-Customizing, die Frauen getrost den Männern überlassen können. Das Internet ist der Ort, an dem schon jetzt Informationen gesammelt, Meinungen gebildet und politische Debatten entschieden werden. Klar müssen Frauen mehr Mut zur Meinung entwickeln. Noch wichtiger ist aber, dass endlich auch die Männer die Sexisten zum Schweigen bringen, indem sie Gegenkommentare schreiben, besonders widerliche Kommentare löschen und selbst auf das Thema aufmerksam machen. Bisher wird der Sexismus 2.0 schon deswegen nicht bekämpft, weil die meisten männlichen Blogger und Kommentarspaltenbrüder so tun, als würde das Problem gar nicht existieren.

Bis Frauen in Volksversammlungen, an Stammtischen, in Zeitungen und in Parlamenten zu Wort kamen, hat es ein paar Jahrtausende gedauert. Im Highspeed-Medium Internet muss die Emanzipation schneller ablaufen.

© Susanne Klingner