Und morgen ist euer Leben wie immer
(erschienen im Fluter)
Das Letzte, was Zdeněk Adamec am Morgen des 6. März 2003 sah, war der Wenzelsplatz in Prag. Dort stehen große prächtige Hotels aneinander gereiht, Bäume säumen den Platz, über den das
Reiterstandbild des Heiligen Wenzel wacht. Vielleicht setzte sich Zdeněk Adamec auf die Stufen des Nationalmuseums, bevor die Sonne aufging. Vielleicht weinte er oder sprach sich Mut zu.Vielleicht
rauchte er eine Zigarette oder blinzelte in die Sonne. Sicher ist: Eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang, um halb acht, ging er auf eine der beiden kleinen Terrassen am Nationalmuseum, übergoss sich
mit Benzin und zündete ein Streichholz an.
Im Polizeibericht steht: Zdeněk Adamec sprang brennend von der Terrasse und blieb auf der Treppe darunter liegen. Zwei Passanten versuchten, die Flammen mit ihren Jacken zu ersticken, ein Polizist
versuchte es mit einem Feuerlöscher. Eine Frau gab zu Protokoll: „Als ich das sah, dachte ich, jemand würde einen Film drehen. Aber da waren keine Kameras, erst dann verstand ich den Horror.“ Adamec
wurde in ein Krankenhaus auf die Intensivstation gebracht. Im Obduktionsbericht steht: kein Alkohol, keine Drogen. Vierzig Minuten, nachdem er das Streichholz entzündet hatte, war er tot.
Zdeněk Adamec war 18 Jahre alt. Es war kein Zufall, dass er sich auf dem Wenzelsplatz vor dem Nationalmuseum anzündete. Am 16. Januar 1969 hatte sich genau dort der Student Jan Palach angezündet, um
gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die damalige Tschechoslowakei zu demonstrieren. Der 20-jährige Palach wurde zum stillen Nationalhelden, seine Beerdigung zu einer
Massendemonstration für Freiheit und Demokratie. In den dreieinhalb Monaten nach Palachs Tod verbrannten sich weitere 28 Tschechoslowaken. Seitdem zündeten sich immer wieder junge Menschen an, ein
oder zwei im Jahr. Doch im Frühling dieses Jahres waren es sechs. Zdeněk Adamec war der erste von ihnen.
Der Schüler hinterließ zwei Abschiedsbriefe. Einen an seine Eltern, den anderen machte er im Internet öffentlich und überschrieb ihn mit „The Action Called Torch 2003“, Fackel 2003. Jan Palach nannte
sich 1969 „Torch N° 1“. Zdeněk Adamec schreibt in seinem Abschiedsbrief: „Seit November 1989 hat sich für uns nicht sehr viel verändert. Sicher, wir können jetzt sagen, ob wir einen Politiker mögen
oder nicht, ohne dafür mit Arbeit in Uranminen bestraft zu werden. [...] Aber die so genannte Demokratie, für die wir gekämpft haben, ist nicht die wirkliche Demokratie. Sie ist lediglich eine
Regierung, die Herrschaft von Angestellten, Geld und Machtmenschen. Die Welt ist korrumpiert von Geld.“ Er schreibt über die Ungerechtigkeiten zwischen reichen und armen Menschen, über
Umweltverschmutzung und die Medien. Und an einer Stelle schreibt er: „Diese Tat wird für euch auch nur eine weitere Information sein. Und morgen ist euer Leben wie immer.“
Jaroslava Moserová ist 73 Jahre alt, Senatorin, und sitzt in einem kleinen Büro im Prager Senatsgebäude. Sie sagt: „Natürlich hat es Adamec dem Palach nachgemacht. Er wollte, dass sich die Menschen
an ihn erinnern.“ Moserová war die Ärztin, die Palach an den drei Tagen behandelte, an denen er noch lebte, nachdem er sich angezündet hatte. Dreißig Jahre lang hat sie als Spezialistin für
Brandverletzungen gearbeitet, am liebsten will sie nicht über diese Zeit sprechen. Als sie es doch tut, ringt sie mit ihrer Fassung. Ihre Augen werden traurig, die Frau wirkt kleiner als sie ohnehin
schon ist. Adamecs Tod holt alte Bilder zurück, die sie eigentlich verdrängen wollte. „Ich habe zu viel gesehen,” sagt sie „diese Art des Sterbens ist so schrecklich.“
Nachdem Jan Palach zu ihr in die Klinik eingeliefert wurde, bekam er sehr viele Briefe. „Jeder hatte damals Verständnis dafür, was Palach getan hatte“, sagt die Senatorin. „Es gab einfach keine
andere Möglichkeit zu protestieren. Palach wollte etwas tun, das jeder im Land und auf der ganzen Welt erfahren würde.“ Also hat er sich angezündet. Sie glaubt nicht, dass sich nach Zdeněk Adamecs
Tod etwas ändern wird. Als Palach den Tod als Protestform wählte, wurden die Menschen mutiger. „Aber die Zeit war eine andere“, sagt Jaroslava Moserová. Heute könne jeder – zumindest theoretisch – in
die Politik gehen und sich engagieren.Trotzdem hat Jaroslava Moserová Mitgefühl mit Zdeněk: „Er hat es wirklich ernst gemeint. Er war ein sehr sensibler Mensch.“
Der Direktor der technischen Oberschule in Pelhřimov, Josef Koch, erfuhr am 6. März gegen Mittag vom Tod seines Schülers. Pelhřimov ist eine kleine Stadt in Südböhmen, rund 150 Kilometer südöstlich
von Prag gelegen. Eingesunken sitzt der 48- jährige Schulleiter in einem Sessel im Direktorenzimmer. Auch noch Wochen nach Zdeněks Tod ist er betroffen. „Es macht mich traurig, weil ein junges Leben
so schrecklich zu Ende ging.“ Nachdem die Polizei in seinem Büro war, redete er mit den Schülern.„Wir sagten ihnen einfach die Wahrheit. Was passiert war und wie.“ Der Direktor gab den Schülern den
Abschiedsbrief zum Lesen. „Dann war es ganz still.“ Die Schüler wollten nicht diskutieren. Bis zu dem Zeitpunkt, als Adamec sich mit Benzin übergoss, hatten sie das relativ sorgenfreie Leben, das man
führt, wenn man in einer Kleinstadt auf eine höhere Schule geht.
Er war im zweiten Jahrgang der technischen Oberschule und im Schülerrat. Josef Koch erzählt, dass Zdeněk Adamec immer gute Noten gehabt habe, dass er völlig unauffällig gewesen sei. Erst als es zu
spät war, ist ihm aufgefallen, dass sich der Junge mehr für das Geschehen an der Schule interessierte als andere: „Wenn Lehrer beeinander standen, ist er hingegangen und hat gefragt, worum es geht.“
Details wie dieses bekamen erst nach dem 6. März eine Bedeutung. „Viele kleine Steinchen, die für sich allein unbedeutend waren, haben sich wie ein Mosaik zusammengefügt“, sagt Koch.
Wenn in Pelhřimov die Schule aus ist, treffen sich einige Schüler jeden Tag in einer Kneipe. Sie unterhalten sich dann über die Schule, lästern über andere oder rauchen einfach nur.
Teenagernachmittage. Zdeněk Adamec kam nie hierher. Er hatte keine Freunde. Nach dem Unterricht fuhr er mit dem Bus zurück nach Humpolec, wo er mit seinen Eltern wohnte, und setzte sich dort an
seinen Computer.
Auch wenn keiner der Schüler mit Zdeněk Adamec befreundet war, bekannt war er ihnen doch. „Er sah aus wie ein Wissenschaftler, und man konnte sich einfach nicht mit ihm unterhalten“, sagt Milan, der
mit ihm auf dieselbe Schule ging. Sie nannten ihn einen Streber, nahmen ihn nicht ernst, sprachen nicht mit ihm. Er sei ab und zu sogar mit dem Lehrer in die Klasse gekommen.
Zdeněk verbrachte die Nachmittage zu Hause. Er betreute die Internetseite der „Darkers“, einer Gruppe, die sich in die Programme zur Stromversorgung der Stadt hackte und ganze Anlagen lahm legte.
Angeblich hat er außerdem im Internet eine Anleitung veröffentlicht, wie man eine Bombe baut. Das sagen die Schüler in Pelhřimov. Am Morgen des 6. März erzählten sie sich, dass irgendetwas passiert
sei. Das Gerücht geht um, dass am Tag zuvor die Polizei wegen der Sache mit den „Darkers“ bei der Familie Adamec war und Zdeněk mit einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren drohte.
Zdeněks Vater, Zdeněk Adamec Senior, von Beruf Grabsteingraveur, wohnt mit seiner Frau in einer Wohnung im Neubauviertel vom Humpolec, 15 Kilometer von Pelhřimov entfernt, eine gute Stunde mit dem
Bus von Prag. Neun Etagen ist jede der rot-weißen Plattenbauten hoch. Die Wohnung der Adamecs liegt im Erdgeschoss, an den Fenstern sind die Jalousien heruntergelassen.
Herr und Frau Adamec reden nicht mehr mit den Menschen von der Presse. Doch als sie sich noch äußerten, da machte Zdeněk Adamec Senior der Polizei schwere Vorwürfe: „Sie haben ihn unter Druck
gesetzt, damit er ihnen Informationen über die „Darkers“ gibt“, erklärte er der tschechischen Zeitung Vysočina. „Sie drohten ihm mit zwei Jahren Gefängnis, dabei sagte mir ein Anwalt, er müsse nur
mit einem halben Jahr rechnen.“ Seine Frau sagte: „Zdeněk dachte, wenn er im Gefängnis sei, würde er keine Bücher, keine Schule, kein Internet haben – und damit kein Leben.“
Es gibt viele Erklärungen für den Selbstmord. Für die Senatorin Jaroslava Moserová waren es „globale Probleme“. Für den Schulleiter Josef Koch „politische, ökologische und persönliche Probleme“.
Karel Humhal sagt: „Man kann es nicht sagen.“ Der Psychologe hat eine Praxis in Prag. Er kann nicht fassen, dass sich jemand für die schlimmste Art zu sterben entscheidet. Trotzdem versucht er, diese
Art von Selbstmord, der nicht im Geheimen passiert, sondern für die Öffentlichkeit bestimmt ist, zu verstehen. „Ich glaube, für junge Menschen ist es derzeit schwierig, sich an die Gesellschaft
anzupassen, weil es gerade so viele Umbrüche gibt.“ Die Systeme hätten sich geändert, auch die Werte, die Menschen in Tschechien seien enttäuscht. Nach der Wende 1989 blieben die Kader in den
entscheidenden Positionen die gleichen. „Für junge Menschen heißt das: Es wird sich nichts ändern.“ Am Ende aber findet auch der Psychologe Karel Humhal keine Antwort auf die Frage: Warum tut jemand
so etwas? „Sich heute selbst zu verbrennen, passt nicht in den historischen Kontext. Die Umstände sind zurzeit nicht so außergewöhnlich.“ Nicht so wie 1969, wie bei Palach. Doch die Probleme seien
viel weniger fassbar geworden.
Am 5. März 2003 verließ Zdeněk Adamec wie jeden Morgen sein Elternhaus. Ob er mit dem Bus fuhr oder mit einem Mitglied der „Darkers“, weiß niemand genau, es gibt beide Versionen. Aber statt in die
Schule nach Pelhřimov fuhr er nach Prag, lief dort durch die Stadt, einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang. Dass nach ihm gesucht wurde, weil man ihm sagen wollte, er würde wegen der
„Darkers“-Webseiten nicht belangt werden, erfuhr er nicht mehr. Am frühen Morgen des 6. März ging Zdeněk Adamec zum Wenzelsplatz.
© Susanne Klingner
