In bester Stellung
(Essay erschienen im Freitag)
Es gab eine Revolution. Sie ist allerdings schon an uns vorbeigezogen und auch ohne Tote und Verletzte vonstatten gegangen: Nach neuesten Zahlen sind heute in den Industrieländern die Hälfte
aller berufstätigen Menschen Frauen, und das, schreibt das brititische Wochenmagazin Economist, sei die größte gesellschaftliche Umwälzung, die wir in den letzten fünfzig Jahren erlebt haben.
Denn „Millionen von Menschen, die vormals abhängig von einem Mann waren, haben ihre wirtschaftlichen Geschicke selbst in die Hand genommen“. Die Euphorie der Economist-Redaktion wurde durch eine
Zahl aus dem US-Arbeitsmarkt ausgelöst: Erstmals sind dort 49,9 Prozent aller Erwerbstätigen weiblich, die 50 soll dieses Jahr fallen. Auch in Deutschland ist ein Fortschritt zu sehen, wenn auch
ein weniger großer: 1957, als zum ersten Mal in der Bundesrepublik ein Mikrozensus erhoben wurde, lag der Frauenanteil an den Berufstätigen bei 37,3 Prozent, 2008 waren es 45,3 Prozent. Das ist
der höchste Wert, den es hierzulande je gab, in der DDR lag der Frauenanteil in den 80er Jahren bei über 49 Prozent – arbeiten zu gehen war hier für Frauen genauso Pflicht wie für Männer.
Die weibliche Revolution auf dem Arbeitsmarkt fällt in Deutschland also ein bisschen bescheidener aus als in den USA, und trotzdem stimmt es auch hierzulande: Frauen haben in den letzten
Jahrzehnten alle wirtschaftlichen Bereiche betreten und teilweise erobert. Vor fünfzig Jahren wäre nicht vorstellbar gewesen, dass die Präsenz von Frauen im Berufsleben so normal werden könnte
wie es heute der Fall ist: Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen, Ärztinnen, Anwältinnen, Frauen in Hosenanzügen, Frauen mit Aktenkoffern, Frauen, die Teamkonferenzen leiten, Frauen, die
Expertinneninterviews geben. Wer sich heute noch über diese Damen wundert, ist ein Narr.
Dort hinzukommen, wo wir heute sind, war ein langer Weg. Frauenrechtlerinnen kämpften schon immer für die finanzielle Selbstständigkeit und Selbstbestimmung von Frauen. Als sich in Deutschland
1865 die Frauenbewegung im Allgemeinen Deutschen Frauenverein erstmals organisierte, war dessen ausdrückliche Aufgabe „die erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung der
weiblichen Arbeit von allen ihrer Entfaltung entgegenstehenden Hindernissen“. 1958 wurden aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch der Bundesrepublik die letzten Passagen gestrichen, in denen Frauen und
Männer juristisch ungleich behandelt wurden: das „Letztentscheidungsrecht“ des Mannes, seiner Ehefrau ihren Job zu verbieten genauso wie sein Recht, über das von ihr in die Ehe eingebrachte
Vermögen zu entscheiden. Frauen wussten bis dahin und auch noch lange Zeit danach oft gar nicht, wie viel Geld die Familie oder ihr Mann eigentlich auf dem Konto hatte. Doch erst ab 1977 konnten
die deutschen Frauen ganz allein über ihren Beruf entscheiden. Mit der Eherechtsreform wurde dem Mann die Möglichkeit genommen, den Job seiner Frau zu kündigen, wenn er das Gefühl hatte, sie
vernachlässige Haushalt, Ehe oder Kinder.
Heute wächst fast jedes Mädchen mit der Ermahnung ihrer Mutter auf, eigenes Geld zu verdienen, um unabhängig zu sein. Die meisten Frauen sind heute ganz selbstverständlich berufstätig. Sei es,
weil es die ökonomischen Umstände erfordern, oder – wenn die eigene Herkunft und der Bildungsabschluss es erlauben – weil sie von so etwas wie beruflicher Selbstverwirklichung träumen.
Weiblicher Lebensinhalt wird nicht mehr nur auf das Gebären und Umsorgen von Kindern beschränkt, wie es mit aufkommendem Wohlstand das bürgerliche Ideal vorsah. Nun wird auch heute noch Frauen
bei der Geburt eines Kindes vom einen oder anderen Verfechter „alter Werte“ nahegelegt, sie solle sich doch ganz dem Kind widmen, da die weibliche Berufstätigkeit ihm schade – man erinnere sich
nur an die Debatte, wie sie von Eva Herman und Bischof Walter Mixa geführt wurde. In nicht wenigen durchschnittsdeutschen Köpfen steckt immer noch ganz fest das „Man sollte keine Kinder kriegen,
wenn man sie anschließend wegorganisiert, um arbeiten zu gehen.“
Die Freiheit, sowohl einen Beruf auszuüben als auch Kinder haben zu können – eine Freiheit, die für Männer auf der ganzen Welt selbstverständlich ist, ohne dass ihnen daraus ein
Rabenvater-Vorwurf gestrickt oder sie deswegen im Beruf als weniger leistungsfähig gelten würden – diese Freiheit wird Frauen in den Industriestaaten auch heute noch nicht uneingeschränkt
zugestanden. Sie ist etwas, das Millionen Mütter jeden Tag aufs Neue erkämpfen, wenn sie versuchen, ihren Vorgesetzten klarzumachen, dass sie sich auch als Mutter auf anspruchsvolle Aufgaben
konzentrieren können oder wenn sie – viel zu oft auch immer noch ohne die Unterstützung ihrer Partner – versuchen, die Kinderbetreuung zu organisieren. So weit es die Frauen in unserem Land
gebracht haben in ihrem Recht auf einen Beruf und ein eigenes Einkommen: Ihr Pech ist, dass sie ihrer Umwelt Jahrzehnte voraus sind. Die Revolution, die die Frauen da auf dem Arbeitsmarkt
losgetreten haben, die haben die Politik, die Unternehmen und nicht zuletzt die Kultur zu großen Teilen verschlafen. Sie haben die Vorhänge zugezogen, die fein bestickten Kissen aufgeschüttelt
und so getan, als würde da draußen nichts passieren.
Die Frauen- und Familienpolitik setzt noch immer voraus, dass Frauen die Hauptlast der Familienarbeit schultern. Deswegen gibt es noch immer zu wenige Betreuungsplätze für den Nachwuchs, deswegen
gibt es „Vätermonate“ und deswegen gilt es als selbstverständlich, dass ein ganzes Jahr Elternzeit von der Mutter genommen wird. Darunter leidet zwangsläufig die Karriere der Frauen: ihre Chancen
auf einen guten Job und auf Beförderungen, ihr Gehalt, ihre Möglichkeiten, auch in Teilzeit Verantwortung zu übernehmen.
Nun könnte etwas Erleichterung von Seiten der Unternehmen kommen, die gerade jetzt, da ihnen die Fachkräfte ausgehen, nicht müde werden zu betonen, dass sie händeringend nach Frauen suchen. Doch
die meisten Firmen belassen es bei Parolen und hoffen, an ihrer Unternehmenskultur nicht allzuviel ändern zu müssen – an den Arbeitszeiten, an einer überholten Anwesenheitskultur, an den von
männlichen Machtspielchen und Netzwerken dominierten Unternehmensstrukturen. Der Anteil der deutschen Firmen, die sich mit konkreten Maßnahmen für die Gleichstellung ihrer Mitarbeiterinnen
einsetzen, liegt seit zehn Jahren konstant bei 13 Prozent, so eine aktuelle Zahl des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).
Nicht umsonst bleiben Frauen oft in den unteren Hierarchieebenen hängen, nicht umsonst bleiben sie auf schlecht bezahlten und noch schlechter angesehenen Teilzeitstellen hängen. Frauen besetzen
in Deutschland 31 Prozent der Führungspositionen, in denen sie dann laut IAB-Studie 33 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen. Je höher die Entscheidungsebene, desto seltener
trifft man auf Frauen. Im Top-Management sind es keine zehn Prozent mehr. Und je größer die Firma, desto öfter bleiben die Männer unter sich. In den Vorständen der 200 größten deutschen
Unternehmen sitzen insgesamt 21 Frauen. In den dreißig DAX-Unternehmen ist es nur noch eine. Wenn es heute eine Frau im Berufsleben weit bringt, dann hat sie das in den meisten Fällen nicht wegen
der Strukturen in der Arbeitswelt geschafft, sondern sie schafft es trotz dieser.
Es wird Zeit für Politik und Unternehmen, dem Vormarsch der Frauen in großen Schritten zu folgen. Zum Beispiel auch durch gesetzlich verankerte Quoten in den Führungsetagen. Klar wird dann gern
auf eben jene erfolgreichen Frauen verwiesen: „Es geht doch! Quoten wären doch eine Beleidigung für die Damen!“ Falsch, sie wären eine Anerkennung ihrer Pionierarbeit. Sie wären der Beweis dafür,
dass die männlich besetzten Vorstände und Manageretagen erkannt haben, wie wichtig diese Frauen für ihr Unternehmen sind. Dass sie es sich im Grunde gar nicht leisten könnten, auch nur ein
weiteres Jahrzehnt auf diese ambitionierten, klugen, gut ausgebildeten Frauen zu verzichten. Denn: Lassen wir alles wie bisher weiterlaufen, wird es noch weitere fünfzig Jahre brauchen, schätzt
der Economist, bis die Umstände endlich so fortschrittlich sein werden wie die Frauen.
© Susanne Klingner
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