Feminismus macht glücklich
(erschienen in Emotion)
Alles fängt im Herbst 1968 mit einem Tomatenweitwurf an. Die Frauen der linken studentischen Bewegung wollen sich nicht länger mit ihrer Rolle abfinden, in der Politik fürs Flugblattdrucken und
ansonsten fürs Bett der Genossen
gut zu sein. „Warum sprecht ihr denn hier vom Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten?“, fragt eine junge Frau die Teilnehmer einer Konferenz des Sozialistischen Deutschen
Studentenbunds (SDS) in Frankfurt. Es ist Helke Sander, eine Filmemacherin und Aktivistin im „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“, die sich unangemeldet zu Wort meldet. Doch die arroganten Herren
Revolutionäre des SDS wollen keine Diskussion über Gleichberechtigung führen. Da kommt es zum Eklat, als die Studentin Sigrid Rüger wütend zum Gemüse greift und es in Richtung Podium schmeißt: mitten
ins Gesicht des SDS-Chefideologen Hans-Jürgen Krahl. Dieser „Wurf ins Schwarze“, wie Alice Schwarzer später sagen wird, gilt als Beginn der neuen Frauenbewegung. Es folgten Demos, Aktionen,
politische Arbeit – eben das ganze Programm, das als Marsch durch die Institutionen bekannt ist. Dem Feminismus der 1970er-Jahre verdanken wir viel, was uns selbstverständlich scheint: freie
Berufswahl, ein Frauenreferat im Familienministerium,
ein Gleichstellungsgesetz, Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe – nicht zuletzt die öffentliche Entdeckung der Klitoris.
Gerade weil schon so viel erreicht ist, gilt der Feminismus als tot. Peinlich berührt eröffnen Frauen heute ein Gespräch mit „Ich bin ja keine Feministin, aber …“. Natürlich wollen sie mit den
Klischees, die Feministinnen vorauseilen, nichts zu tun haben: dass diese spaß-, sex- und männerfeindlich seien. Doch das sollte uns nicht daran hindern, für mehr Gleichberechtigung einzustehen. Denn
am Ziel sind wir Frauen noch lange nicht! Und ich wette: Unser Engagement macht das Zusammenleben sehr viel besser und uns selbst glücklicher.
Wer die feministische Brille aufsetzt, erkennt plötzlich, wie Frauen immer noch in eine Rolle gepresst werden. Was eine „richtige“ Frau ist, scheint eindeutig
festzustehen: Sie soll schön und sanft sein, Rosa mögen, Kinder und Tiere lieben, sich an Blumen und einer schmucken Wohnungseinrichtung erfreuen können. All das wird gern als „feminin“ bezeichnet.
Wenn eine keine Kinder und keinen Kitsch will, dann heißt es schnell, sie sei gar keine richtige Frau.
Da waren wir schon mal weiter. Nach 1968 waren Geschlechterrollen freier denkbar. Heute soll eine Frau wieder eine „echte“ Frau und ein Mann ein „echter“ Mann sein – damit wir wenigstens in dieser Hinsicht ganz genau wissen, woran wir sind. Auch ist inzwischen wieder eine öffentliche Debatte möglich, was das richtige oder falsche Frauenleben sein soll; eine Diskussion, in der wir von Klischees bedrängt werden, die wir schon überwunden hatten. Zum Beispiel, dass Frauen „an den Herd“ oder zeitgenössisch ausgedrückt „zu den Kindern“ gehörten. Dass sie gefälligst der Kitt unserer auseinanderdriftenden Gesellschaft zu sein hätten – und außerdem die Schuld trügen, wenn die Deutschen aussterben.
In den letzten Jahren erteilten zahlreiche Bücher und noch mehr Zeitungsartikel ungebeten derartige Ratschläge an junge Frauen von heute. Das nervt. Jede sollte ihr Leben so leben können, wie sie es
für richtig hält. Deshalb sollte jede Frau mit großen Plänen, die ihr die Gesellschaft aber nicht zugestehen will, ihre feministischen Boxhandschuhe anziehen. Und zurückschlagen. Leute wie der
„FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher oder die Ex-„Tagesschau“-Sprecherin
Eva Herman dürfen ihre immergleichen Forderungen (Frauen sollten ihren gesellschaftlichen Dienst im Haus und an den Kindern verrichten) nicht unwidersprochen in die Welt hinausblasen! Wir müssen laut
werden und ihnen sagen, dass sie uns in Ruhe lassen sollen mit ihren altbackenen Vorstellungen. Dass wir von der Zukunft und nicht von der Vergangenheit träumen. Sonst wird sich diese Gesellschaft
nicht verändern und wir können die Idee vergessen, ein mit den Männern gleichberechtigtes Leben zu führen, mit Familie und Beruf zur gleichen Zeit.
Was den Feminismus von heute liebenswert macht: Er liebt die Männer. Das war nicht immer so. In den 1970ern galt der Mann noch oft als der Feind – damals sicher auch in vielen Fällen zu Recht. Heute
funktioniert ein Feminismus ohne Männer nicht mehr. Wir haben uns zwar persönliche Freiheiten geschaffen, arbeiten uns aber trotzdem an Barrieren und Mechanismen ab, die von Männern gemacht wurden
und bewacht werden. Deswegen kommen wir nicht um die Erkenntnis herum: Unser Familienleben können wir nur dann gleichberechtigt organisieren, wenn die Männer mitmachen. Die „gläserne Decke“, die uns
Frauen den Eintritt in die Chefetagen verwehrt, ist nur gemeinsam mit den Kollegen zu knacken. Und Männer müssen Macht abgeben, wenn wir Frauen mehr Macht haben wollen.
Freiwillig werden die Jungs alte Privilegien nicht aufgeben, das ist schon klar. Aber das Experiment Gleichberechtigung hat auch für sie viel zu bieten, zum Beispiel: bessere Beziehungen. Das zeigte
jüngst eine Studie der Psychologinnen Laurie Rudman und Julie Phelan von der Rutgers-Universität in New Jersey. Paare, bei denen sich die Frau als Feministin bezeichnet, stuften die Forscherinnen als
weitaus glücklicher und stabiler ein als diejenigen, bei denen die Frauenbewegung keinen Einfluss hatte. Und das nicht nur, weil die Frau ihrem Mann niemals die knifflige Frage stellen wird: „Sag
mal, findest du mich eigentlich zu dick?“
Doch im Ernst: Wer feministisch denkt, sucht nach Alternativen jenseits des Frau-Mann-Klischees aus den Comedysendungen. Und diese gemeinsame Suche schweißt zusammen. Wenn die Partner einen ähnlichen
Lebensstil pflegen, also nicht sie mit den Kindern zu Hause bleibt und er seine glücklichsten Stunden des Tages mit dem Job verbringt, ist vieles leichter. Dann wird es auch eher nicht zum
klassischen Bruch in der Midlife-Crisis kommen, wenn sich Hausfrau und Karrieremann einfach nichts mehr zu erzählen haben. Feministische Frauen sind mitreißend, sie erleben Abenteuer, sind für die
Männer Sparringpartner auf Augenhöhe.
Und was für einen modernen Mann vielleicht noch spannender ist: Wenn seine Partnerin mit alten Rollenklischees nichts anfangen kann, muss auch er sich nicht an einer künstlichen Männlichkeit
abarbeiten, sondern darf neue Rollen ausprobieren. Wenn er etwa für zwei Monate mit dem neu geborenen Kind zu Hause bleibt. Und später dann den neidischen Kollegen im Büro von seinen Erfahrungen als
Vater vorschwärmt. Ganz en passant widerlegt er das Vorurteil vom rülpsenden, sexgierigen Halbaffen – und definiert das Mannsein neu. Das klingt ganz schön nach Freiheit, oder?
Doch noch mal zurück zu uns Frauen, genauer: zu unseren Körpern. Etwas mehr Feminismus in unseren Leben kann bewirken, dass wir uns endlich selbst lieben
und aufhören, den Versprechen von Werbung, Kosmetikindustrie und Medien zu glauben. Mit den Selbstzweifeln von Frauen und Männern, sie seien nicht schön genug für diese Welt, werden nämlich jedes
Jahr Milliardenumsätze gemacht. Uns wird vorgegaukelt, dass wir nicht so straff, dünn, jugendlich seien, wie wir sein könnten. Und wir glauben das. Weil wir denken, unser Leben würde besser, wären
wir nur endlich schön. Schlank. Faltenfrei.
Nicht nur das. Schönheit ist in unserer Gesellschaft ein Machtinstrument, das Frauen einschränkt: Frauen müssen (im Gegensatz zu Männern) damit rechnen, angegriffen zu werden, wenn ihr Äußeres nicht
den gängigen Schönheitsnormen entspricht. Dann wird ihnen schnell jegliche Kompetenz abgesprochen,
mit den Worten „Wie die schon aussieht“. Uns wird so eine ganz bestimmte Aufgabe zugewiesen: die Schönheitsarbeit. Die hält uns allerdings von den wirklich wichtigen Dingen ab.
Dagegen hilft eine gute Portion feministisches Selbstbewusstsein und Bewusstsein. Was nicht heißt, dass wir uns nicht mehr hübsch machen können oder dürfen. Zwar wird Feministinnen oft unterstellt,
sie lehnten jegliches Herausputzen kategorisch ab – aber wieso sollten wir? Solch eine Radikalität gegenüber vorhandenen Normen war vielleicht noch in den 1970er-Jahren notwendig. Doch uns neuen
Feministinnen geht es erst einmal nur darum, dass Frauen sich nicht durch die Erwartungen von Männern oder der Gesellschaft vom Mitgestalten eben dieser abhalten lassen. Ob Frauen, die für eine
gleichberechtigte Zukunft kämpfen, Lippenstift oder Hotpants tragen, ist uns ziemlich schnuppe.
Wir Menschen sind soziale Wesen und haben eine Vorstellung davon, in welcher Welt wir leben wollen. Doch der Wille reicht nicht, wir müssen etwas dafür tun, damit die Welt wird, wie wir sie haben
wollen. Wer sich einen Wald wünscht, muss den ersten Baum pflanzen. Wer Gleichberechtigung will, muss dafür kämpfen. Wir müssen die Mitbestimmung der öffentlichen Meinung wieder als wichtigen Teil
des Lebens entdecken – erst das macht uns Menschen zu Bürgern.
Leider ziehen sich viele Frauen heute wieder kampflos ins Private zurück. Unsere Leben wirken so individualisiert, dass wir vieles nicht infrage stellen; etwa ob es ein gesellschaftlicher
Mechanismus sein könnte, dass die Frau zu Hause bleibt, sobald das erste Kind geboren wurde. Wir denken uns: Nein, das ist eine rein private Entscheidung, mit dem Partner ausgehandelt. Dabei werden
wir durch Strukturen und Normen beeinflusst – ungleiche Bezahlung, Erwartungen, erlernte Rollen. Doch wir suchen die Schuld bei uns und denken: Wenn ich Job und Kind nicht unter einen Hut kriege,
mache ich was falsch.
Wie viel besser wäre es, wenn wir uns in guter feministischer Tradition zusammentun, uns austauschen und so unterscheiden lernen, was individuelles Scheitern und was gesellschaftlicher Missstand ist.
Natürlich kann und muss nicht jede Frau eine Aktivistin sein. Aber eine Haltung zur Geschlechterungerechtigkeit haben, den Mund aufmachen, wenn es etwas zu beanstanden gibt und hier und da für mehr
Solidarität sorgen – das dürfte keiner Frau schwerfallen. Und mal ehrlich: Ist es nicht etwas wenig, nur für private Dinge empfänglich zu sein? Wir sollten uns befreien aus dem abgesteckten Terrain
„Liebe, Kinder, Haushalt“ und über mehr miteinander reden als Erziehungstipps, Regelbeschwerden und Männergeschichten. Auch wenn uns manch Konservativer einreden will, es sei das Glück jeder Frau,
ein heimeliges Zuhause zu schaffen – wie sollen blitzblanke Bäder oder perfekt aufgeschüttelte Sofakissen die Welt verbessern?
Wir alle wollen Spuren auf dieser Erde hinterlassen. Bloß sollten wir uns nicht darauf beschränken, unseren Nachlass ausschließlich in Kindern zu sehen. Warum versuchen wir nicht auch, mit unseren
Gedanken und Meinungen die Welt lebenswerter zu machen – und stellen uns das mal als unseren Nachlass vor? Ehrlich gesagt: eine grandiose Vorstellung!
© Susanne Klingner
