Die Wut der frustrierten Mütter
(erschienen auf Brigitte.de)
Sie erzählen in „Bitterfotze“ von einer frustrierten jungen Mutter. Sie sind selbst Mitte 30 und zweifache Mutter. Wie autobiografisch ist Ihr Buch?
37,2 Prozent. (lacht)
Ah ja.
Es ist einfach ein Roman. Überall steckt ein bisschen was von mir drin, aber es ist Saras Geschichte, nicht meine.
Ich frage nur, weil sich das Buch überaus realistisch liest, stellenweise auch sehr hart.
Als ich anfing zu schreiben, habe ich mir geschworen, so ehrlich und wahrheitsgetreu zu sein wie es nur geht. Daher dieser wütende Ton. Denn ich bin wirklich über viele Dinge in der Welt echt sauer
und frustriert.
Sie schreiben an einer Stelle: "In diesem verfluchten Patriarchat ist es schwer genug, Mutter zu werden. Wenn Du dann noch die Welt mit feministischen Augen siehst, ist es fast nicht
auszuhalten." Das sind Begriffe, die heute von vielen Frauen, zumal Müttern, gar nicht in Betracht gezogen werden. Sie sind Feministin, oder?
Ja, klar! Manchmal ist es zwar wirklich schwer, das alles zu ertragen. Aber ich kann mir eben auch nicht vorstellen, nicht ununterbrochen gegen die ganzen Ungerechtigkeiten zu kämpfen, die privaten
und die in der Politik.
Die frustrierte, wütende Feministin – ein sehr beliebtes Klischee...
Natürlich sind wir wütend! Wir haben auch allen Grund dazu. Schauen Sie sich die Welt doch mal an. Es wäre dumm und ignorant, nicht wütend zu sein.
Was bedeutet es denn für Sie, heute Feministin zu sein?
Feminismus heißt, dass man sich der ungerechten Strukturen zwischen Frau und Mann bewusst ist. Davon gibt es auch heute noch viele. Und natürlich sollte es nicht nur bei dem Bewusstsein bleiben,
sondern man muss auch dagegen kämpfen. Für mich ist Feminismus keine private Meinung, sondern eine politische Haltung. Ich persönlich habe viele Jahre lesen, diskutieren, analysieren und nachdenken
müssen, bis ich diese Haltung auch wirklich begründen konnte und nun weiß, wie uns Machtverhältnisse beeinflussen. Am meisten kämpfe ich gegen die Ignoranz und Leugnung von Diskriminierung - denn sie
sind die ärgsten Feinde des Feminismus.
Aber Sie leben doch in Schweden. Wir in Deutschland denken, bei Ihnen ist, was Sachen wie Gleichberechtigung und Kinderbetreuung alles super.
In Schweden leben Frauen und Männer emanzipierter als woanders, das ist schon richtig. Aber das heißt nicht automatisch, dass wir Schwedinnen schon mit den Schweden gleichgestellt wären. Frauen
verdienen auch hier nur 80 Prozent dessen, was Männer verdienen. Frauen machen den Großteil der unbezahlten, undankbaren Hausarbeit. Sie steigen aus dem Beruf aus oder reduzieren zumindest ihre
Karrieren, wenn ein Kind kommt. Sie sind diejenigen, die zu Hause bleiben, wenn die Kinder krank sind. Und so weiter und so fort.
Da rauben Sie gerade vielen Deutschen eine Illusion.
Das tut mir sehr leid. Aber vielleicht muss es auch mal sein. Denn unser tolles Image wird ganz bewusst gefördert – und hier in Schweden sogar dafür benutzt, kritische Stimmen zu unterdrücken.
Eigentlich absurd, ich weiß. Aber tatsächlich wird uns immer wieder vorgehalten, wir sollten doch zufrieden sein mit den Fortschritten, die in Schweden gemacht wurden, uns ginge es doch viel besser
als anderswo. Aber wieso sollten wir denn bitte still sein, wenn wir immer noch keine totale Gleichheit in allen Bereichen haben?
Immerhin hatten Sie bis 2006 einen Premierminister, der sich selbst „Feminist“ nannte.
Na ja, das war wohl eher Geplänkel, tatsächlich hat Goran Persson sehr wenig für die Gleichberechtigung getan. Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob er das Wort „Feminismus“ überhaupt verstanden hat.
Er wollte sich einfach beliebt machen. Unter unserem neuen Premierminister allerdings würden sich nur noch wenige Politiker feministisch nennen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: nur so zu tun als
ob oder gar nicht erst feministisch sein.
Und wie fortschrittlich ist die schwedische Gesellschaft?
Vor allem wenn es um Elternschaft geht, sind viele Schweden noch sehr konservativ. Von Müttern wird erwartet, dass sie anwesend und aufopfernd sind, Väter dagegen sollen die Familie ernähren,
deswegen ist Abwesenheit für sie okay.
In einer Szene Ihres Romans schreiben Sie über Saras Schuldgefühle ihrem Sohn gegenüber, wenn sie mal ein paar Tage nicht zu Hause ist. Sie erstickt fast an diesen Gefühlen, während ihr Mann
kein schlechtes Gewissen hat, obwohl er manchmal die ganze Woche weg ist.
Gerade weil so viele Männer einfach nicht anwesend sind, fühlen sich viele Frauen doppelt schuldig und denken, sie müssten das Fehlen ihres Partners auch noch kompensieren. Und dann fühlen sie sich
auch noch wegen der Schuldgefühle schuldig! Dabei haben auch Väter ein schlechtes Gewissen, längere Zeit weg zu sein, wenn sie eine enge Bindung zu ihren Kindern haben. Es ist eigentlich also ganz
menschlich. Nur, dass viele Frauen mit diesen Gefühlen allein in ihrer Beziehung sind. Und die Gesellschaft erwartet ja von Frauen auch, dass sie sich schämen, wenn sie trotz Kindern so viel arbeiten
möchten wie die Männer. Sie brechen damit ein gesellschaftliches Tabu.
Sara fühlt sich in dieser Hinsicht regelrecht von der Liebe betrogen. Passen denn Liebe und Emanzipation überhaupt zusammen?
Auf jeden Fall. Aber möglicherweise nicht diese Art von Liebe, die wir heute haben. Für mich ist Liebe undenkbar, die nicht absolut gerecht und fair ist. In der Liebe muss es darum gehen, was jemand
tut und nicht, was er sagt. Ich meine, wir können doch nicht behaupten, dass wir jemanden lieben, wenn wir es nicht auch im alltäglichen Leben zeigen. Deswegen kann es für mich keine Liebe geben, die
nicht gleichberechtigt ist.
Das ist ein hoher Anspruch.
Tatsächlich existieren Beziehungen nicht nur für sich, sondern werden massiv von der Gesellschaft beeinflusst. Und wer sich nicht permanent gegen die unemanzipierten Standards der Gesellschaft wehrt,
wird von ihnen verschluckt.
Wie können wir uns denn wehren?
Erst mal müssen wir uns selbst eingestehen, dass es Ungerechtigkeiten gibt, müssen sie identifizieren und analysieren, wem sie nützen. Eigentlich brauchen wir eine Revolution. Die fängt bei uns an:
Schaut euch eure Beziehungen an und fragt euch „Wie leben wir? Teilen wir uns die Hausarbeit und die Verantwortung für die Kinder gerecht? Bin ich zufrieden mit dem Zustand? Was müssen wir
verändern?“ Und so weiter.
Und dann?
Streiten! Streitet und diskutiert über alles, was euch in euren Beziehungen nicht passt! Und redet mit euren Freunden über die Probleme in euren Beziehungen. Denn die haben die gleichen Probleme.
Freunde können uns gute Ratgeber sein, deswegen ist es schlau, unsere Beziehungen nicht mehr wie ein Staatsgeheimnis zu behandeln.
