Letzte Dinge
(erschienen im Leipzigbuch im Verbrecher Verlag)
Montag
Ich ziehe weg. Nach sechseinhalb Jahren. 1998 waren wir alle noch ganz klein. Wir kamen gerade von der Schule und fingen in Leipzig an zu studieren. Jetzt fangen wir an zu arbeiten. Und weil es in Leipzig nur wenig Arbeit gibt, ziehen wir wieder weg. Wir passen gut in die Statistik: Leipzig ist die einzige ostdeutsche Stadt, deren Bevölkerungszahl seit der Wende wieder steigt – das liegt ausschließlich an den vielen Studenten.
Ich packe die letzten sechseinhalb Jahre in Bananenkisten. Als ich die letzten zwei Kartons vom Supermarkt holte, riefen mir zwei Männer im breiten Sächsisch hinterher: "Na, gannsde nisch genoug Bonon' krieschn?" Und damit das Packen nicht so langweilig ist, sortiere ich meine Sachen in die Kartons nach Themen: "sinnlose Erfahrungen", "hässlich, aber nützlich", "rote Dinge", "erst nach meinem Tod öffnen", "Kinderkram". Ein Karton ist der "Sommer": Bikini, Decke, das große gelbe Handtuch, Röcke, Schwimmbrille, Fotos vom Cospudener See. Ich lernte erst im vorletzten Winter richtig schwimmen und dann im Sommer den See zu schätzen. Die Jahre davor hatte ich es dort nie lange ausgehalten, in der Sonne, ohne Bäume. Nur manchmal war ich abends da. Oder ich radelte durch den Clara-Zetkin-Park, sprang vom Rad direkt in den See, blieb dort zehn Minuten und fuhr dann über die Hitze jammernd wieder heim.
Im letzten Sommer fuhr ich mit B. fast jeden Tag an den See. Wir fingen mit unseren Ausflügen schon an, als die kleinen Wildschweinchen im Wildgehege noch Streifen hatten. Eine von uns sagte jedes Mal: "Ach, die sind so niedlich mit ihren Streifen." Beim ersten Ausflug zum See erschien uns der Weg endlos. Wir waren noch in Winter- also gar nicht in Form und schlichen mit unseren Rädern vom Dittrichring durch den Kreisverkehr, am Park mit den Blumenbeeten entlang, mit den alten Leuten auf den Bänken drum herum, ein Stück an der Rennbahn entlang und dann in den Wald. Wenn draußen schon über 30 Grad und wir nur mit Rock und Trägerhemdchen bekleidet waren, mussten wir im Wald Strickjacken anziehen. Wenn es geregnet hatte, spritzte der Schlamm bis an die Knie. Bei jedem Ausflug wurden wir schneller. Bald rasten wir die Wege entlang. Hinschauen mussten wir schon lange nicht mehr, wir kannten die Kurven und Fallen im Wald. Bald waren wir auch nicht mehr außer Atem und schrieen uns durch den Fahrtwind hindurch die Ereignisse der letzten Stunden, die wir nicht am See verbracht hatten, zu. Lagen wir dann endlich im Sand, schwiegen wir die meiste Zeit und blinzelten in die Sonne. Als wir das letzte Mal an den See fuhren, war der Sommer vorbei und die Streifen an den Wildschweinkindern weg.
Dienstag
Wir gehen in die Ilse. Dienstagabend ist Show- oder Spieleabend. Leute machen sich für andere Leute zum Horst – das gefällt mir gut. Ilses Erika gefällt mir auch sehr gut. Nicht nur, weil dort Möbel stehen wie früher bei meiner Oma. Auch, weil auf den Toiletten Sexualerziehungs-Kassetten aus den 70er Jahren laufen.
Dann wird also zum Beispiel "Wer wird Bieronär?" gespielt und die Gäste müssen zu Tim Jauch auf die Bühne, der Frage und Antworten per Beamer von einem Blatt Papier an die Wand wirft. Das sieht beinahe aus wie auf RTL. Wenn er eine Antwort "einloggt", nimmt er einen roten Stift und macht ein Kringel um A, B, C, oder D. Einmal wurde ich ausgelost und musste auch auf die Bühne. Ich starb fast vor Aufregung und verballerte meine drei Joker innerhalb der ersten drei Runden. Mit meiner umkringelten Antwort, das Fahrrad-Team von Jan Ulrich hieße "Team Telekom", ging es in die "Werbepause". Die anderen Gäste zeigten mit den Fingern auf mich und riefen: "Ätsch! Deine Antwort ist falsch." Dann ging es weiter und die Antwort war wirklich falsch, Jan Ulrichs Chefs hatten das Team in "T-Mobile" umbenannt. Das fanden sie wohl cooler. Aber ich hatte fünf Flaschen Bier gewonnen, ging mir eins holen und trank, bis mir nichts mehr peinlich war.
Mittwoch
Ich gehe ein letztes Mal mit B., E. und A. in die Mensa der Universität. Ich mag die Mensa, die Köche sind lustig. Vielleicht ist es unbeabsichtigt, aber das Mensaessen ist Kunst. Es gibt alle paar Tage beiges Essen – alle Zutaten sind farblich aufeinander abgestimmt. Irgendwann fing ich mit B. an, das Essen zu fotografieren. Unsere Sammlung ist beachtlich gewachsen in den letzten Monaten: gefüllte Blätterteigtaschen mit Pilzsoße, Kartoffeln und Aprikosenkompott; Pilzpfanne mit Kartoffelklößen; gekochtes Rindfleisch mit undefinierter beiger Soße, Bayrischkraut und Klößen; Gemüseschnitzel mit Sahnesoße, Kartoffeln und Joghurt; Kohlrabi-Kartoffelauflauf mit Dillsoße und einer Banane; ein mit Käse gefülltes Omelett mit Kräutersoße, Kartoffeln und Vanillequark; Kartoffelpuffer mit Apfelmus; Hähnchenfilet mit Kartoffelbällchen und Sahnechampignons; Kartoffel-Grünkern-Auflauf mit Kräutersoße und Spargelsuppe. Und nun: Kochfisch in Senfsoße mit Kartoffelbrei.
Wenn wir zu viert in der Mensa sind, spielen wir "Sex and the City" für Arme. Statt Cocktails gibt es Apfelschorle oder Kakao und wir reden eigentlich auch nie über Männer, sondern über die Arbeit und übers Fernsehen. Und eigentlich finden wir "Sex and the City" auch blöd. Aber wir schauen grundsätzlich nur die blöden Sachen im Fernsehen; und beim Essen lachen wir uns über "Big Brother" und "Die Burg" und schlimmere Sachen kaputt oder diskutieren, wer was gewinnen sollte. MDR schaut keiner von uns. Da heißen die Sendungen "Dabei ab zwei" und "Hier ab vier". Das werden wir erst schauen, wenn wir dreißig Jahre älter sind.
Wenn gutes Wetter ist, schauen wir sehnsüchtig auf die Terrasse der Mensa. Noch nie hat ein Mensch diese Terrasse je betreten, abgesehen von den Bauarbeitern in den 70er Jahren. Als Die Hauptuni fertig gebaut war, sperrte man sofort die Terrasse, wegen Einsturzgefahr.
Donnerstag
C. kommt zu Besuch. Bevor ich in ihre Stadt ziehe, will ich ihr noch meine Wahlheimat zeigen. Wir machen das Touristen-Komplett-Programm. Wir schlendern durch den größten Kopfbahnhof Europas und gehen ins Pongoland, das größte Affenfreigehege Europas. Sie muss lachen über Leipzig Superlative.
Wir fahren in der Dämmerung zum Völkerschlachtdenkmal, uns rutscht schon am Eingang das Herz in die Hose. Dieser Ort ist der schaurigste in der ganzen Stadt. Noch gruseliger als in der Dämmerung war es hier nur am 1. Mai 1998, als hunderte NPD-Anhänger mit rot-weiß-schwarzen Fahnen um das Becken herum aufgereiht standen. Nur einmal im Jahr ist das Völkerschlachtdenkmal ein richtig lustiger Ort: Wenn bei Sonnenschein Verrückte mit ihren selbstgebastelten Wannen am großen Badewannenrennen teilnehmen. Den Zugang zum Denkmal versperrt ein Schild, auf dem steht, bis 2013 werde hier gebaut. C. ist glücklich darüber, ich allerdings hätte ihr gern die riesigen Krieger im Inneren gezeigt.
Ich erzähle ihr, dass das Völkerschlachtdenkmal eines der drei Symbole ist, die vielleicht erklären können, warum Leipziger so sind wie sie sind. Sie sind optimistisch, immerhin haben sie Napoleon geschlagen. Die Leipziger glauben vielleicht nicht immer an sich selbst, aber immer an ihre Stadt. Das kenne ich so nicht aus Berlin, meiner eigentlichen Heimat. Hier betonen die Leute zwar fortwährend, sie wohnten am coolsten Ort der Welt, aber dort geht der Individualismus definitiv vor. In Leipzig dagegen glauben die Menschen an ihre Stadt, an die Gemeinschaft. 1989 haben sie das dann der ganzen Welt ein zweites Mal bewiesen, mit den Montagsdemos, mit der Wiedervereinigung, die in ihrer Stadt begonnen hat. Wegen dieses Selbstverständnisses kam es mir auch keinen Moment merkwürdig oder lächerlich vor, dass die Leipziger 2004 daran glaubten, Olympia 2012 könnte wirklich in ihrer Stadt stattfinden. Das versuche ich C. zu erklären, aber sie muss lachen, weil ich anfange zu schwafeln. In einem letzten Versuch führe ich als Beweisstück D – neben Völkerschlacht, Montagsdemos und Olympiabewerbung – die Tatsache an, dass der Leipziger Bürgermeister anhaltend die Unterstützung von rund 70 Prozent der Leipziger erhält. C. schüttelt bei all dem nur ungläubig den Kopf und lacht, dass ich selber schon ein richtiger Leipziger sei. Und: Sie hat Recht – ich glaube das auch. Dass Leipzig alles schaffen kann.
Freitag
Ich hole den 3,5-Tonner am Dittrichring ab. Eine Stunde später haben wir mein Leben in ihm verstaut. Ich schließe mein Gartenhaus ab, flüstere ihm eine Tschüssi mit stimmhaftem S zu, weil das die Leute hier so sagen, und muss wie jedes Mal darüber lachen. Und dann fahre ich weg.
© Susanne Klingner

