Hamburg-Ottensen, Kiez Palermo
(erschienen im Hamburgbuch im Verbrecher Verlag)
Hamburg kenne ich, weil ich Mimi Palermo kenne. Wir lernen uns im Internet kennen - was erst mal blöd klingt, aber eigentlich gar nicht so blöd ist. Eines Tages schreibt sie mir, ich schreibe zurück und bald schreiben wir uns jeden Tag und dann treffen wir uns. Mimi Palermo steht auf dem Bahnhof Altona, unter der Anzeige, dass mein Zug vom anderen Ende Deutschlands hier endet. Wir gehen schnurstracks an die Elbe, öffnen uns jeder ein Astra und sehr schnell noch ein zweites. Wir erzählen uns gegenseitig Unsinn und stecken unsere Füße in den Sand. Ich erzähle ihr, dass ich eine Alkoholvergiftung hatte, als ich mit 17 das erste Mal in Hamburg ankam. Ich hatte auf der Fahrt aus Versehen so viel Rum getrunken, dass ich einfach aus dem Auto kippte. Das 'aus Versehen' glaubt mir Mimi Palermo nicht.
Zwischendurch zwicken wir uns in die Arme und rufen laut "Schön, dass du da bist!" oder "Schön, dass ich da bin!" und "Schön ist es hier." Wir strecken unsere Bäuche in die Sonne. Wir kaufen mehr Astra in der Strandperle. Wir schießen den Jungs ihren Ball zurück. Wir machen Fotos. Bilder von Menschen im Sand. Ein Bild vom betrunkenen Mann auf dem Wasser. Bilder vom Hafen. Ein Bild von den riesigen ovalen Tanks, die Mimi Palermo später auf den Abzügen als Ostereier anmalen wird. Und ein Bild, das wir mit ausgestrecktem Arm von uns machen und deswegen darauf schöne dicke Doppelkinne haben. Die Sonne geht unter, aber erst ein paar Stunden später und dann laufen wir die Övelgönne entlang nach Hause. Mimi Palermo will wegen der Aussicht vielleicht auch in einem Haus an der Övelgönne wohnen. Aber eigentlich will sie das nicht, weil die Besoffenen den Leuten in den Vorgarten pissen.
Am nächsten Morgen gehen wir spazieren, um den Block, kreuz und quer durch Ottensen, wo Mimi Palermo wohnt. Manchmal bleiben wir stehen und gucken in Schaufenster. In Öko-Bäckereien und Läden, in denen man Geschirr selbst bemalen kann. Am Spritzenplatz machen wir im Waschsalon wieder Fotos, es ist der schönste Waschsalon, den ich bis dahin gesehen habe. Deswegen muss Mimi Palermo vor den Kacheln an den Wänden posieren. Und auch das Schild an der Wand "Mach mal Pause!" fotografieren wir und hängen es uns später über die Schreibtische.
In einem Schaufenster liegen Kindersachen, selbst gemacht und hübsch bemalt. Mimi Palermo schüttelt den Kopf und sagt, dass sich solche Läden zurzeit wie eine Seuche in Ottensen, ach was, in ganz Hamburg ausbreiten. Sie sagt: "Das sind übermotivierte Muttis ohne Sozialstress, die dann die Sachen überteuert verkaufen." Wir gehen heim, um dem Kind im Hause Palermo auch Sachen zu besticken und zu bemalen und träumen davon, selbst so einen Laden aufzumachen, um uns am Monatsende über die Muttis kaputt zu lachen, die ihr Geld in unserem Laden lassen, nur damit ihr Kind individuell gekleidet ist.
Mimi Palermo erzählt mir, warum sie nicht stricken kann. Ihre Ur-Ur-Großmutter ist übergeschnappt und bekam eine Psychose, wegen der sie sich in eine Tonne auf den Hof zurück zog, wo sie nur noch strickte. "Strickte!", sagt Mimi Palermo, "deswegen steht in meinen Genen jetzt geschrieben 'Vorsicht, nicht stricken!'"
Beim Spazieren und in-Schaufenster-gucken denken wir uns mehr Läden aus, die wir in Ottensen eröffnen könnten. Einen für Kindersachen, einen für Erwachsene, einen ohne Klamotten aber mit kleinen Täschchen und Krimskram, einen, in dem wir drin sitzen und nur so tun als würden wir arbeiten. Vielleicht in der Klausstraße, dann hätten wir eine ganz schön tolle Adresse. Und wir machen Pläne, was wir in die Stullenpakete tun, die es mittags zu essen gibt. Vielleicht machen wir aber auch gleich einen Stullenladen auf. Keinen Sandwich-Shop, nein: einen Laden, in denen es richtige Stullen mit richtigem Käse und sauren Gürkchen gibt. Wie Stullen von Zuhause oder von Mama. In Ottensen wäre so ein kleiner Laden ein Knaller, glauben wir. Hier wohnen die Menschen, die ihr Geld für Kinderkleider und gutes Essen ausgeben wollen.
Wir auch, wir gehen zu Al Arabi und bestellen uns zwei große Portionen Falaffel und Tabouleh und kaufen für später Kekse. Mimi Palermo und ich kämpfen dafür, dass bei Mädchen dicke Bäuche ein Bikini-Trend werden und um das zu unterstützen, tragen wir T-Shirts, auf denen steht: "Bitte füttern!" und "Addicted to Eclairs". Darauf ist ein so leckerer Eclair abgebildet, dass man sich immer sofort einen kaufen muss, wenn man auf dieses T-Shirt schaut. Wir beschließen, in unserem Laden neben die Stullentheke ein Eclair-Shirts und einen Tisch voll Backwaren zu stellen. Am besten Öko-Backwaren, das kommt hier gut an. Wir werden Millionen verdienen.
Nach einer halben Stunde Bauchreiben gehen wir zur Eisliebe, lassen uns eine große Portion Öko-Eis auftürmen. Ich muss seufzen, so lecker ist das und ich rufe Mimi Palermo zu: "Ich ziehe nach Hamburg! Hier ist es so schön. Ach, wäre es doch nur am anderen Ende Deutschlands nicht auch so schön, dann würde ich morgen Kisten packen." Beim Eisessen reden wir schon wieder Unsinn und glauben, die Landkarte nur sorgfältig genug falzen zu müssen, um mein Haus mitten in Ottensen stehen zu lassen. Und als ich wieder seufze, sagt Mimi Palermo: "Das Leben ist ein Hase, es schlägt immer Haken in eine unerwartete Richtung. Wer weiß, wo es uns mal hin verschlägt." Sie guckt ganz ernst, doch dann müssen wir lachen und auch los.
Mimi Palermo bringt mich zurück zum Bahnhof Altona. Unter der Anzeige, auf der steht, dass mein Zug bald losfährt, sagen wir ein letztes Mal "Schön, dass du da warst!" und "Schön war's bei dir!" und dann fahre ich wieder ans andere Ende Deutschlands und denke darüber nach, ob ich wirklich mal nach Hamburg ziehen sollte, ob ich das immer will: die Elbe, Öko-Eis, den schönsten Waschsalon der Welt und die Muttiläden. Ich entdecke ein dickes Paket Stullen mit Käse und Gürkchen in meiner Tasche. Auf das Stullenpapier hat Mimi Palermo geschrieben: "Das Leben ist ein Hase."
© Susanne Klingner

