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Des Menschen bester Freund

(erschienen im Taz Mag)

 

 

Ein buntes Jungpionier-Shirt war das erste T-Shirt, an das ich mich wirklich erinnern kann. Als ich es trug, war ich schon fast zehn Jahre alt, es muss so um 1987 gewesen sein, und das Oberteil hieß nicht T-Shirt, sondern Nicki, auch wenn es aus Jersey und nicht aus Nicki war. Ende der Achtziger gab es plötzlich diese Alternative zum Pionierhemd. Es gab sie in mehreren Farben und auf allen war das Pionier-Symbol, das J und das P mit der Flamme über ihren Köpfen, auf der linken Brust abgebildet. Ein paar Jahre später kam die Wende. Die Pionier-Shirts flogen in den Müll oder sonstwohin, ich hab sie nie wieder gesehen. Dabei hätte ich jetzt sehr gern noch eines von ihnen. Als Erinnerung.

Eine Zeit lang spielten dann T-Shirts keine Rolle. Ich besaß vielleicht vier oder fünf, auf zweien stand "Depeche Mode". Sie lagen allerdings im Schrank, ich zog sie nicht an. Blusen, Hemden, alles war cooler und hübscher anzusehen als labberige T-Shirts. Doch Ende der Neunziger wuchsen plötzlich die T-Shirt-Berge im Schrank. T-Shirts waren nicht mehr länger nur das, was man anzog, wenn der Geschmack zu mehr nicht reichte - T-Shirts wurden selbst Mode. Nach 50 Jahren erreichte das T-Shirt den Ort, wo Mode gemacht wird: die Haute Couture. Inzwischen entwarfen sogar die eher konservativen Designer T-Shirts und Slogans für eben diese. Und schneller als Rocksäume kürzer oder länger werden, änderten sich die Aufschriften auf den T-Shirts. Sie scheinen einer Periodik zu folgen, die nicht leicht zu durchschauen ist, denn warum bitte liefen eines schönen Tages plötzlich viele viele Mädchen mit fünf gruseligen Buchstaben, nämlich Z, I, C, K, E, auf dem Dekolltee durch die Stadt? Auf dem allerersten T-Shirt war das vielleicht noch selbstironisch, imagekritisch, lustig oder sonstwas. Aber schon beim zweiten nichts mehr von alledem.

Jahrzehntelang galt der als stilfrei, der das T-Shirt dem Hemd den Vorzug gab. Auf der Straße wurde trotzdem mehr Maschenware als Gewebtes getragen. Der Blick auf die Straßenkleidung ließ die Modedesigner erkennen: Ein Hemd ist etwas Fertiges, es ist an und für sich schon Mode. Ein T-Shirt dagegen ist die große Leinwand, auf der jeder seine Vorlieben und Abneigungen, irgendwelchen Nonsens oder gar persönliche Wesenszüge kundtun kann: "Tussi", "Ansprechpartner", "Stadtkind". Bei den T-Shirt-Trägern lassen sich vier Typen ausmachen:

Der Purist bleibt dabei: Ein T-Shirt ist nicht der Ausdruck von irgendwelchen persönlichen Vorlieben, er will einfach nicht nackt auf die Straße. Das weiße, graue oder schwarze T-Shirt kommt da genau richtig - kein Schwitzen, schön bequem und ohne jeden unnützen Firlefanz. Nur ein sauberes weißes T-Shirt ist Ausdruck von wahrem Geschmack. Immerhin steht der Purist damit in der Tradition von James Dean. Der beförderte in den 50er Jahren das weiße T-Shirt von der Unterwäsche zur Oberbekleidung. Jeans und ein weißes T-Shirt sagten damals den kleingeblümten Müttern und graubeanzugten Vätern: "Schaut her! Ich rebelliere gegen euch." Die Rebellion bestand zum einen darin, Unterwäsche, was das T-Shirt bis dato war, obenauf zu tragen. Zum anderen waren sie sich bewusst, einen Teil der Armee-Uniform zu tragen. Auf hoher See trugen Marines ausschließlich Unterhosen und T-Shirt. Ob der Purist allerdings heute noch diese rebellische Kraft in sich spürt, wenn er sein weißes "Fruit of the Loom"-Shirt anzieht, ist zu bezweifeln.

Der Selbermacher ist derjenige, der den Puristen am meisten verachtet. Für ihn ist ein weißes T-Shirt ungenutzter Platz zur Selbstdarstellung. Und damit Verschwendung. Der Selbermacher kauft T-Shirts nicht, weil ihm der Schnitt oder die Farbe besonders gut gefallen, sondern weil er schon ganz genau vor sich sieht, was er mit dem Shirt anstellen wird. Oder er ist ein Selber-Nachmacher, wie meine Freundin B., die sich eines Tages beschwerte: "Unglaublich! Da gibt es dieses T-Shirt bei Calvin Klein, mit einer aufgestickten Blume, aber 80 Euro dafür! Das geht zu weit!". Ich sollte ihr gefälligst zeigen, wie Sticken funktioniert. Wir gingen in ein Geschäft, sie kaufte für sich, Schwestern und Freundinnen T-Shirts und Stickgarn. Während der Handarbeit blieb es dabei: "Eine Unverschämtheit! 80 Euro!" Und schon hatte das T-Shirt seine eigene Geschichte.

Wer als Modedesigner gute Ideen für T-Shirts hat, kann damit viel Geld verdienen, vielleicht sogar mehr als mit Anzügen, Blusen und Röcken. Die Designer "Mägde und Knechte" aus Hamburg beispielsweise schreiben und malen auf ihre Shirts alle Wörter und Bilder, die ihnen gerade so in den Sinn kommen oder von den Kunden herbei getragen werden. Das Geschäft läuft so gut, dass es bereits einen zweiten Laden in Berlin gibt. Auch Studenten, die sich sonst ihre Klamotten billig bei H&M kaufen, legen 35 bis 45 Euro für ein T-Shirt auf den Ladentisch. "Mägde und Knechte" können so viel Geld verlangen, weil ihre T-Shirts nicht nur auf Wunsch Einzelstücke, sondern auch noch per Hand bzw. Schablone bemalt sind und so den einfachen Einkäufer als Selbermacher dastehen lassen.

Dem Markenfetischisten würde nicht im Traum einfallen, mit einem T-Shirt rumzulaufen, bei dem einer fragen könnte: "Ey, selber gemacht?" Nichts wäre peinlicher als diese Frage. Natürlich nicht! Hat viel Geld gekostet! Sieht man doch. Auch hier an diesem Label! Ein Markenfetischist will nichts auf seiner Brust lesen außer den Schriftzug seiner Identitätsfirma. Wenn er das Image eines Labels - sagen wir jung, dynamisch, erfolgreich, sexy - auf seiner Brust trägt, ist er selbst jung, dynamisch, erfolgreich und sexy. Glaubt er zumindest. Erstaunlicherweise scheint das zu funktionieren, vor allem bei Sportklamotten ist es wahnsinnig wichtig, ob "Stussy", "Adidas" oder "FuBu" auf der Klamotte steht. Auch wenn der Selbermacher auf den ersten Blick selbstdarstellerischer scheinen mag in der Art, wie er ein schlichtes Bekleidungsstück nutzt, der Markenfetischist ist abhängiger vom Image seines Shirts.

Noch lauter als Marken-T-Shirts und solche, die bemalt, bedruckt und bestickt sind, sind nur solche, auf denen Politik gemacht wird. Die T-Shirt-Politiker erlebten während des Irak-Krieges eine unfassbare Wichtigkeit. Sie wurden zu Vorbildern, deren T-Shirt-Slogans und -Aufdrucke massenweise kopiert wurden. Das mit politischen Parolen bedruckte T-Shirt ist heute so etwas wie ein Symbol für Demonstrationskultur. Aber es hat seine Wurzeln auf der anderen Seite, in der Politik. Es war der republikanische Präsidentschaftskandidat Thomas E. Dewey, der 1948 als erster einen Wahlkampfslogan auf T-Shirts drucken ließ: "Dew it with Dewey". Die Demokraten zogen bei den nächsten Wahlen nach und das T-Shirt genoss in der Wahlkampfzeit höchste Wichtigkeit. Denn seine Botschaft wurde per Fernsehkamera direkt in die Wohnzimmer der Menschen verbreitet. Bis die Anstecknadel aufkam, war das T-Shirt das beliebteste Wahlkampfutensil.

Und auch während der Demonstrationen gegen den Irak-Krieg wurde mit Baumwolle gekämpft. Und viel Geld verdient: Friedenstauben, "Fuck Bush"-Parolen und Peace-Zeichen wurden auf den ersten T-Shirts, als noch keiner wirklich mit einem Krieg rechnete, vielleicht noch per Hand auf weiße Baumwolle aufgemalt. Aber innerhalb erstaunlich weniger Wochen, ja teilweise Tagen, waren Online-Anbieter startklar und boten entsprechende T-Shirts für gutes Geld an. Sie waren schneller verkauft als nachproduziert werden konnte. Ein merkwürdiger Zustand war das: Menschen, die gegen den Kulturimperialismus der USA auf die Straße gingen, gaben sich dem Konsum hin, als dessen Ursprungsland gern die USA herhalten müssen. Wäre es nicht einfacher, schneller und billiger gewesen, in den nächsten Wertheim zu eilen, ein billiges T-Shirt zu kaufen und gemeinsam zu bemalen? Das wäre gegangen - aber das gekaufte T-Shirt ist normiert und normiert damit auch die Werte, für die die Demonstranten eintreten. Sie werden so zu einer Gruppe und sind nicht länger Einzelne, die für den Frieden auf die Straße gehen. Und das T-Shirt soll für die Ewigkeit sein. Es soll nicht, mit Plaka-Farben bemalt, nach dem Krieg verschmiert und verwaschen, in den Müll fliegen, sondern auch noch Jahre später an das gemeinsam Erlebte erinnern.

Als wir noch Kinder waren und aus unseren T-Shirts herauswuchsen, fanden wir ab und zu eines von ihnen als Putzlappen im Badezimmer wieder. Dann konnten wir uns nur noch bei Mama beschweren. Brandlöcher, zerrissene Nähte oder Flecken stören uns nicht. Sie sind kein Grund für den Frevel, ein T-Shirt wegzuschmeißen. Im Gegenteil: Sie verstärken die Erinnerung an die Zeit, die uns das T-Shirt begleitete und macht es so nur noch wertvoller. Es wandert erst in den Restmüll, wenn wir uns nicht mehr mit der Aussage des T-Shirt-Aufdruckes identifizieren können oder vielleicht der Witzigkeit seines Schriftzuges überdrüssig sind. Vorher bleibt es die kleine private Bühne.

© Susanne Klingner