UND TSCHÜSS
Zwanzig Sachen, von denen wir uns für immer verabschieden müssen. Nicht weinen, bitte.
SZ-Magazin vom 2.1.2004
Von Bastian Obermayer
1. Vielleicht fand sie ihn nicht elektrisierend genug
Der Spix-Ara war ein blaugrau gefiederter Papagei im Nordosten Brasiliens, entdeckt 1819 vom bayerischen Zoologen Johann Baptist von Spix. Seit 13 Jahren gab es in freier Wildbahn nur noch einen einzigen Cyanopsitta spixii. Um die Art zu erhalten, wurde dem einsamen Papageien-Männchen vor einigen Jahren sogar ein in Gefangenschaft geborenes Weibchen zur Seite gegeben die Dame flog allerdings gegen eine Stromleitung, bevor sie Eier legen konnte. So blieb der letzte freie Spix-Ara ohne Nachkommen; er starb friedlich an Altersschwäche.
2. Seitdem wird der Ort aus der Luft versorgt
Durchschnittlich sechs Fahrgäste saßen im vergangenen Jahr im Zug von Querfurt nach Röblingen am See, der immerhin zehnmal täglich fuhr. Die Bahnstrecke in Sachsen-Anhalt war damit wohl die am schlechtesten genutzte Verbindung in Deutschland. Der Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt, kurz: NASA, schritt ein und so erhielt der Express aus Querfurt am 14. Dezember zum letzten Mal Einfahrt in Röblingen Hauptbahnhof.
3. Solange er nicht die Aufführung seiner Stücke verbietet, ist wenig gewonnen
Der österreichische Dichter Peter Handke will nie mehr öffentlich auftreten. Im vergangenen Sommer wurde er von der Universität Salzburg zum Ehrendoktor ernannt und sagte in seiner Dankesrede: »Das ist das letzte Mal, dass ich mein Idiotentum öffentlich zeige. In der Antike haben die Idioten noch abseits der Stadt gelebt, heute stehen zu viele davon in der Öffentlichkeit.«
4. Da sehen's mal, so liberal sind wir hier unten
Immer noch unvergessen: Am 22. Mai 1986 blendete sich das Bayerische Fernsehen wegen »nicht gemeinschaftsverträglicher Elemente« für die Dauer des Scheibenwischers aus der ARD aus, um nicht Dieter Hildebrandts »Unbotmäßigkeiten« verbreiten zu müssen. In dieser Sendung beleidigte der Kabarettist laut Bild »Bundeswehr, Bundesrepublik und den Papst«, tatsächlich ging es um das Reaktorunglück von Tschernobyl. Am 2. Oktober wurde nun der letzte Scheibenwischer von und mit Dieter Hildebrandt ausgestrahlt diesmal auch in Bayern.
5. In unserer Teeküche haben sich auch Objekte in Nebel und Gas verwandelt, ohne dass es bemerkt wurde
Von den Supernovae SN 2003 jh, jf und iz ist nichts mehr übrig als Nebel und Gas, wie im vergangenen Jahr bemerkt wurde. Ganz neu ist dieser Sachverhalt allerdings nicht: Die drei Sterne sind schon vor mehr als 500 Millionen Jahren explodiert. Wegen des langen Wegs, den das Licht zurücklegen muss, haben wir das erst jetzt mitbekommen.
6. Folge: Bild verkauft WENIGER Exemplare in Florida
Florida-Rolf und seine Kollegen müssen ihren Platz an der Sonne in Zukunft anders finanzieren: Sozialhilfe wird ab dem 1.1.2004 nur noch auf deutschem Boden ausgezahlt. Nach einer Kampagne der Bild hatte die Bundesregierung Mitte vergangenen Jahres die entsprechenden Gesetze verschärft, in Rekordtempo. Die neue Regelung betrifft 959 Leute.
7. Immer noch billiger als die Nase von Michael Jackson
Wer mittags in London speist, kann nun nicht mehr rechtzeitig zum zweiten Frühstück in New York sein. Am 24. Oktober fand der letzte Linienflug der Concorde statt; die beiden letzten Tickets waren für 60300 Dollar verkauft worden. Inzwischen sind mehrere Maschinen in Einzelteile zerlegt und versteigert worden. Die Nase brachte 460000 Euro.
8. ZUM GLÜCK GIBT'S KERNER. DIRTY JOHANNES B., WIE SIE IHN NENNEN
Die Harald Schmidt Show wird eingestellt. Sat1 teilte mit, Schmidt wolle eine Kreativpause von unbestimmter Länge einlegen. Anscheinend ist der Late-Night-Talker sauer, dass sein Kumpel und Sat1-Geschäftsführer Martin Hoffmann gefeuert wurde. Also geht er auch, mehr als acht Jahre nach der allerersten Harald Schmidt Show vom 5. Dezember 1995.
9. Dann kÖnnen sich die Grünen jetzt auflösen, oder?
Um 8.32 Uhr am 14. November war es so weit: Das Kernkraftwerk Stade, seit Januar 1972 in Betrieb, wurde abgeschaltet. Bundesumweltminister Jürgen Trittin und die Grünen feierten den Tag mit Atom-Torte und Manfred-Krug-Konzert, der Betreiber E.on ließ nüchtern verlauten, Stade sei einfach nicht mehr rentabel gewesen.
10. Keine Angst, der will nur spielen
Als der weiße Tiger Montecore Roy Horn am 3. Oktober in den Nacken biss und über die Bühne schleifte, war die erfolgreichste Show in der Geschichte von Las Vegas beendet: Nach fast vierzig Jahren mussten Siegfried und Roy aufgeben.
11. Meine Damen und Herren, liebe Mücken!
Vorsicht! Auch zu diesem Jahr sind wieder die Zulassungen für einige Insektizide ausgelaufen. Fastac SC, Baythroid 50, Sumicidin Alpha EC und Metasystox R dürfen seit 1. Januar 2004 nicht mehr im Handel verkauft werden. Sollten Sie noch Restmengen davon im Schrank liegen haben, keine Bange: Sie dürfen die Gifte noch zwei Jahre lang aufbrauchen.
12. DAS BESTE AN DEM AUTO: NIEMAND HAT EIN BUCH NAMENS »GENERATION KÄFER« GESCHRIEBEN
Die Geschichte des Käfers begann mit einem Auftrag Adolf Hitlers und endete am Mittwoch, dem 30. Juli, im mexikanischen Puebla: In der dortigen VW-Fabrik rollte um 9.05 Uhr der letzte Käfer vom Band. Mehr als 21,5 Millionen Stück wurden seit 1945 gebaut, etwa 80000 sind weiterhin auf deutschen Straßen unterwegs. Bestimmt noch lange, denn: Er läuft...und läuft...und läuft.
13. Gut, dass Papi ein eigenes Land hat
Al-Saadi Gaddafi ist kein italienischer Fußballprofi mehr. Der 30-jährige Sohn des libyschen Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi wurde des Dopings überführt und musste den Zweitligisten AC Perugia verlassen, ohne ein einziges Spiel gemacht zu haben. In der Heimat braucht der mäßig begabte Kapitän der libyschen Nationalmannschaft keine Bestrafung zu fürchten, schließlich ist er auch Präsident des libyschen Fußballverbandes.
14. Dabei ist Sterben viel leichter! Das kann nun wirklich jeder
Die Regierung spart an allen Enden, sogar an unseren: Sterbe- und Entbindungsgeld wurden ersatzlos gestrichen. Wer die Beerdigung eines gesetzlich Versicherten bezahlte, bekam bis 31. Dezember noch 525 Euro von der Krankenkasse des Verstorbenen. Nur 77 Euro standen hingegen nicht erwerbstätigen Frauen bisher pro Geburt zu. Kein Wunder also, dass hierzulande mehr Menschen die Welt verlassen als betreten.
15. UND KICKEN KANN MAN MIT DER PULLE AUCH NICHT
Das Dosenpfand hat Punker, Penner und Studenten hart getroffen: Es gibt kein Billigbier in Dosen mehr. Bei den einschlägigen Discountern wie Penny-Markt, Aldi und Lidl wird Bier jetzt nur noch in PET-Flaschen aus Plastik verkauft und die haben einen deutlich geringeren Trinkkomfort als die gute, alte Gerstenkonserve. So lassen sich die PET-Flaschen weder in der Faust zerknüllen noch zu Türmen stapeln.
16. Schade, dass Papi kein eigenes Land mehr hat
Max Strauß wird nie mehr als Anwalt tätig sein, im Herbst gab er seine Zulassung zurück. Dafür muss der Sohn von Franz Josef Strauß als Angeklagter vor Gericht erscheinen, er ist des Betrugs und der Steuerhinterziehung beschuldigt.
17. Komm, Howie, das glaubt Dir sowieso keiner
Er ist nicht mal 58 und geht doch in Rente: Howard Carpendale stand am 13. Dezember zum letzten Mal auf der Bühne; so sagt er wenigstens. Während einige diese Ankündigung begrüßen, hofft das Gros der Musikfans, dass Carpendale die Rufe nach einem zügigen Comeback nicht überhört. Sein größter Hit könnte auch gleich als Motto seiner Comebacktournee durchgehen: Hello Again.
18. Völlig egal, der Quatsch, da wir sowieso alle Spiele regulär gewinnen
Wenn es bei der diesjährigen Europameisterschaft in die Verlängerung geht, wird nicht mehr das »Golden Goal«, sondern das »Silver Goal« entscheiden. Das Spiel ist demnach nicht sofort aus, wenn ein Tor fällt, sondern die laufende Halbzeit der Verlängerung wird noch zu Ende gespielt. Liegt dann eine Mannschaft in Führung, hat sie gewonnen.
19. Das SZ-Magazin heisst viele neue Leser willkommen!
Mehr als sechzig Frauenzeitschriften gibt es in Deutschland. Seit September 2003 ist es eine weniger: Der Verlag Gruner + Jahr stellte die Zeitschrift Marie Claire ein. Ebenfalls nicht mehr am Kiosk: das »junge Wirtschaftsmagazin« Bizz, die Teenie-Postille Sixteen und die Kino-Zeitschrift Planet Movie.
20. ENDLICH Rache fÜr die Titanic
Der größte Eisberg der Welt ist kaputt. Der B-15 genannte Koloss war mit 11000 Quadratkilometern so groß wie Jamaika und trieb im antarktischen Meer. In einem heftigen Sturm, so berichtete die Zeitung Antarctic Sun, sei B-15 geborsten. Der größere Überrest B-15-A ist zwar immer noch ziemlich groß, aber nicht groß genug. Als neue Nummer eins gilt nun C-19-A.
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