MENSCH IN SICHT
Wir möchten Ihnen hier acht Leute vorstellen, die sich aus gutem Grund allein auf der Welt fühlen. Warum wir das tun? Weil wir hoffen, dass es ein paar Leser gibt, die ihnen zu Weihnachten einen Brief schreiben.
SZ-MAGAZIN VOM 12.12.2003
Gülser D., 42 Jahre, arbeitslos
»Ich kam 1996 ganz allein nach Deutschland und bin bis heute allein geblieben. Ich musste aus meiner Heimat, der Osttürkei, fliehen, weil ich als Kurdin verfolgt wurde. Die Flucht war schrecklich.
Es fällt mir immer noch schwer, darüber zu sprechen. Am meisten vermisse ich meine Mutter. Ich bete, dass ich sie noch einmal sehe, solange sie noch lebt. Aber ich kann nicht mehr in die Türkei
einreisen, deswegen kann ich sie nicht besuchen. Hier in Deutschland kenne ich eigentlich niemanden, nur die Menschen, die mir im Haushalt helfen, weil ich behindert bin. Als ich fünf Jahre alt war,
fiel ich vom Balkon meines Elternhauses. Deshalb bin ich nur 1,41 Meter groß geworden, mein Rückenmark wurde verletzt. Aber ich bin dankbar, dass meine Seele gesund blieb. In der Türkei habe ich als
Bibliothekarin gearbeitet, in Deutschland bekomme ich keine Stelle. Trotzdem versuche ich immer etwas zu finden, was mich ablenkt. Ich bin Christin, ich bete viel. Aber allein sein mag etwas für Gott
sein, nicht für den Menschen.«
Jürgen M., 65 Jahre, Rentner
»Manchmal kommt es mir vor, als würde mich die Einsamkeit erwürgen. Früher war ich ein Weltenbummler, segelte als Yachtkapitän im Mittelmeer und lebte lange in Südamerika. In Chile lernte ich
meine Frau kennen. Vor zehn Jahren sind wir mit unserem Sohn nach Deutschland zurückgekehrt. Aber die Ehe ging nicht gut, meine Frau ist dreißig Jahre jünger als ich. Vor vier Jahren haben wir uns
getrennt, sie hat jetzt wieder einen neuen Mann. Ich bin allein in eine Einzimmerwohnung gezogen, eine dreißig Quadratmeter große Schuhschachtel in einem Haus mit 34 Mietparteien. Da sagt man guten
Tag und auf Wiedersehen. Am schlimmsten sind die Wochenenden und das Weihnachtsfest, wenn alle bei ihren Familien sind; dann spüre ich, was Einsamkeit heißt. Ich lebe viel in der Vergangenheit und
erinnere mich an meine früheren Abenteuer das hilft mir ein bisschen. Aber ich hätte so gern jemanden, mit dem ich reden kann.«
Muhammad Zaher M., 24 Jahre, arbeitslos
»Als ich aus Afghanistan nach Deutschland kam, war ich 14 Jahre alt und ganz allein. Ich wusste nicht, was passiert und wo ich hinkomme. Den Schlepper hat meine Mutter bezahlt. Ich gehöre zum
Volksstamm der Paschtunen und lebte damals in Kabul. In meiner Heimat herrschte Krieg. Mein Vater wurde von Mudschaheddin ermordet und als Kind habe ich zusehen müssen, wie Bekannte und Freunde
erschossen oder erhängt wurden. In meiner Kindheit hatte ich immer schreckliche Angst. Diese Angst vergesse ich nie. Hier in Deutschland wurde ich zuerst in Heimen und Wohngruppen untergebracht, seit
1998 lebe ich allein in einer kleinen Wohnung. Ich wünsche mir eine Familie oder Freunde, doch für die meisten Menschen hier bin ich nur einer von vielen Ausländern. Ich würde gern mit jemandem
reden, auch über das, was ich erlebt habe. Wenn man mit keinem reden kann, zieht man sich immer weiter zurück. Früher war ich lebensfroh. Aber wenn man sich lange nicht gefreut hat, vergisst man, was
Freude ist.«
Elisabeth A., 75 Jahre, Rentnerin
»Vor dem Weihnachtsfest habe ich immer große Angst, weil ich mich an diesen Tagen noch einsamer fühle als sonst. Ich bin schon lange geschieden, die alten Freunde sind tot. In den letzten Jahren
habe ich am Heiligen Abend immer besonders lang gearbeitet, als Putzfrau im Bayerischen Nationalmuseum zu Hause wartete ja keiner auf mich. Nach der Arbeit bin ich an das Grab meiner kleinen
Tochter gefahren, die mit zwölf an Leukämie gestorben ist. Das Grab musste ich inzwischen aufgeben, ich kann mich nicht mehr bücken.«
Franziska S., 87 Jahre, Rentnerin
»Seit sechs Jahren habe ich meine Wohnung nicht mehr verlassen: Ich kann nicht mehr gehen und stehen und bin auf dem rechten Auge blind. Mein Lebenspartner hat sich um mich gekümmert, bis er vor
eineinhalb Jahren gestorben ist. Jetzt kauft mir eine nette Nachbarin Fertiggerichte ein und ein Mädchen kommt zum Putzen. Aber zum Reden habe ich nur noch meine Katze. Früher war ich Wirtin und
hatte jeden Tag einen Haufen Leute um mich herum. Abends habe ich manchmal Klavier gespielt und mit den Gästen gesungen. Ich sehne mich nach einem Menschen, zu dem ich wieder Zutrauen fassen kann.
Die Einsamkeit bringt mich fast um. Wenn ich meine Katze nicht hätte, dann wüsst ich nicht, was ich hier noch soll. Wenigstens die braucht mich noch.«
Aji K., 17 Jahre, Asylbewerber
»Ich habe keinen Menschen mehr auf dieser Welt, nirgendwo. Meine ganze Familie ist tot. Ich komme aus Tansania und lebe seit fast einem Jahr im Asylbewerberheim. Mein Vater starb, als ich noch
ganz klein war. Meine Brüder haben in meinem Elternhaus in Pemba politische Versammlungen organisiert. Im Dezember vor zwei Jahren wurden wir von einem benachbarten Clan überfallen, meine Mutter und
meine Brüder wurden vor meinen Augen ermordet; darum bin ich im Dezember immer besonders traurig. Ich selbst wurde am Kopf schwer verletzt und bin seitdem auf dem linken Auge blind. Ein Missionar hat
mir bei meiner Flucht nach Deutschland geholfen. Jetzt lerne ich Deutsch, und wenn ich mich einsam fühle, lese ich. Doch ich bekomme schnell Kopfschmerzen, weil ich eine Brille bräuchte. Solange mein
Asylverfahren noch läuft, bekomme ich aber keine. Hier im Heim kenne ich niemanden, alle sind mit sich selbst beschäftigt. Weihnachten werde ich in die Kirche gehen und zu Gott beten.«
Petra B., 29 Jahre, Zahnarzthelferin
»Ich bin schon fast mein ganzes Leben allein. Als ich acht war, bekam meine Mutter Chorea Huntington, eine unheilbare, tödliche Krankheit, bei der Körper und Geist verfallen. Mit zwölf musste ich
ins Heim; mein Vater hatte uns schon vorher verlassen. Unsere ganze Familie ist daran zerbrochen, sodass ich heute zu meinen acht Geschwistern keinen Kontakt mehr habe. Mir fehlt, was ich einmal
hatte: die Geborgenheit und Wärme einer Familie. Ich hätte gern selbst Kinder, aber Chorea Huntington ist vererbbar; ich habe Angst, dass meine Kinder diese Krankheit bekommen.«
Wolfgang V., 63 Jahre, Rentner
»Mein Leben ist von einem Moment auf den nächsten aus den Fugen geraten: Nach meinem dritten Herzinfarkt wurde mir vor drei Jahren das rechte Bein abgenommen. Seitdem kann ich nicht mehr arbeiten früher war ich Koch. Jetzt bin ich auf Sozialhilfe angewiesen. Zu Kollegen oder Freunden habe ich kaum noch Kontakt, die stehen ja noch mitten im Leben. Ich bin nicht verheiratet und jetzt nimmt mich ja auch keine Frau mehr: Wer will schon einen Einbeinigen? Inzwischen sind sogar Arztbesuche eine Abwechslung für mich. Das einzige Hobby, das ich noch habe, ist Fußball gucken. Ich bin Bayern-München-Fan und würde gern ab und zu ins Stadion gehen. Aber ich bräuchte einen Begleiter, und den habe ich nicht. Auch Skat ist eine Leidenschaft von mir. Aber mit wem soll ich denn spielen? Ich bin ja immer allein.«
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Wollen Sie einem der Menschen, die wir auf diesen Seiten vorgestellt haben, eine Freude bereiten? Dann schicken Sie einem von ihnen doch eine Weihnachtskarte oder einen Brief. Senden Sie Ihre Post
bis zum 18. Dezember an das SZ-Magazin, Hackenstr. 7, 80331 München. Wir leiten die Briefe dann gern weiter. Vergessen Sie nicht, den Namen der Person auf den Umschlag zu schreiben, die Ihre Post
erhalten soll.
Mitarbeit: Kerstin Greiner, Nicole Hille-Priebe, Bastian Obermayer
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