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DIE ACHSE DES BÖSEN

Wenn es den Lkw-Fahrer Frank Thäder überkam, musste eine Frau sterben. Hier im Gebüsch lag Anna. Sie war die Erste.

Die Geschichte eines Serienmörders.

 

SZ-Magazin vom 23.9.2005

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Von Bastian Obermayer

 

Die Dienstfahrt, an deren Ende Anna tot sein wird, beginnt für Frank Thäder am Donnerstag, dem 29. April 1999, gegen Mittag. Der Lkw-Fahrer, 39, verheiratet, eine Stieftochter, ist seit vier Tagen unterwegs. Um 15.02 Uhr verlässt er an der Anschlussstelle Modena Nord die Autobahn A1, ab hier sind es noch 17 Kilometer bis Sassuolo. Dort soll Thäder bei zwei Firmen Fliesen aufladen.

Seit er 1997 von Sachsen-Anhalt nach Österreich gezogen ist, fährt er Lastwagen, Woche für Woche, tausende Kilometer im Jahr: durch Österreich, Deutschland, Spanien und Italien. Er ist selten zu Hause bei seiner Frau Karin. Wenn doch, redet er kaum und will seine Ruhe haben. Sie versteht das und denkt, es sei »besser, wenn er viel arbeitet, als wenn er viel redet«. Außerdem sind sich beide einig, dass Reden nicht weiterhilft, erst recht nicht über Gefühle. Deswegen fragt Karin Thäder auch nicht nach, wenn ihr Mann manchmal scheinbar völlig ohne Grund anfängt zu weinen. Karin Thäder ist stolz auf ihren tüchtigen Mann. Wenn sie hört, Fernfahrer würden oft fremdgehen, sagt sie sich, das könne in jedem Büro genauso passieren. Außerdem ist sie ja ab und zu bei seinen Fahrten dabei. Aus Spaß deutet sie dann auf andere Frauen, die am Straßenrand stehen, und sagt: »Du, Frank, wie wär's denn mit der?« Er antwortet immer: »Spinnst du? Ich will mir ja nichts holen.«

Kurz nach 15.30 Uhr kommt Frank Thäder bei seiner ersten Station in Sassuolo an. Die Lagerarbeiter warten schon, alles geht fix, und eine Stunde später steht sein Lkw schon bei der zweiten Firma im Hof. Hier muss Thäder warten, es zieht sich. Um die Langeweile zu vertreiben, raucht er und liest Micky Maus-Hefte. Im Kassettendeck läuft ein Band von Roger Whitaker. Um 20.30 Uhr kommt er endlich los, ein paar Minuten später ist er auf der SP486 unterwegs zur Autobahn. Er muss mit den Fliesen am nächsten Tag noch fast bis Coburg, dann über Nürnberg zurück nach Mittersill, ein Dorf im österreichischen Pinzgau, hinter Kufstein ­ das sind insgesamt mehr als tausend Kilometer. In Mittersill wohnt Frank Thäder. Um 21.05 Uhr fährt Thäder bei Modena Nord wieder auf die A1 in Richtung Norden, Brenner. Sein Beifahrersitz ist leer.

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Als Werner Vormann, 41, Kriminalhauptkommissar in Rosenheim, im Februar 2003 wieder anfängt, im Fall »Anna Kolarova« zu ermitteln, hat er zwar im Hinterkopf, dass es sich um die Tat eines Serienmörders handeln könnte. Aber vor allem geht es ihm darum, diesen einen Mord aufzuklären. Vormann kam 1992 zur Kriminalpolizei, der Fall »Anna Kolarova« wäre sein erster Mordfall, der ungelöst bliebe. Außerdem schläft er schlecht bei dem Gedanken, dass ein Mörder frei herumläuft. Fast vier Jahre sind vergangen, seit Anna Kolarova, 32, aus Pilsen in Tschechien, am 1. Mai 1999 kurz nach 15.30 Uhr von einem Motorradfahrer entdeckt wurde: erwürgt, missbraucht und weggeworfen. Hinter einer Böschung auf dem Autobahnparkplatz »Gletschergarten«, an der A93 in Fahrtrichtung Kufstein, im Gemeindebereich Flintsbach, Oberbayern. Mehr als ein Dutzend Beamter verfolgten damals hunderte von Spuren, ohne Erfolg. Im Frühjahr 2000 wurde die Sonderkommission »Gletschergarten« aufgelöst. Aber Mord verjährt nicht und im Februar 2003 jagt Werner Vormann, eine kantige Erscheinung, Schnauzer, wortkarg, Annas Mörder noch einmal. Er hat so ein Gefühl: »Da geht noch was.«

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Die Statistiken sagen über Serienmörder: Sie sind fast immer männlich und zwischen 25 bis 45 Jahre alt, ihre Opfer sind meist weiblich, die Taten zum Großteil sexuell motiviert. Durchschnittlich dauert es dreieinhalb Jahre, bis sie gefasst werden. In Deutschland, schätzt man, waren in den vergangenen 50 Jahren etwa 200 Serienmörder aktiv, wobei mehr als 20 Mordserien ungeklärt blieben. Aber die Zahlen sind umstritten, denn jeder, der auf dem Gebiet Serienmord forscht, rechnet anders, das beginnt schon bei der Frage: Wer gilt überhaupt als Serienmörder? Die gängigste Definition ist die des amerikanischen FBI, sie lautet: Wer mindestens drei Taten bei voneinander unabhängigen Gelegenheiten begeht, ist ein Serienmörder.

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Werner Vormann weiß seit den Ermittlungen im Sommer 1999, dass Anna Kolarova die letzten Tage ihres Lebens in Italien verbrachte. Ihre Spur verliert sich am Bahnhof von Verona, von dort rief sie am 29. April 1999 um 21.26 Uhr einen Bekannten in Mantua an: Federico P. Wenige Stunden später war sie tot und weiter kam die Soko »Gletschergarten« nie. Im Februar 2003 kommt wieder Bewegung in die Ermittlungen. Annas Handtasche ist der Schlüssel ­ sie wurde am 1. Mai 1999 durchnässt neben den Gleisen der Bahnstrecke Brenner­Inns-bruck gefunden, in der Nähe der Europabrücke, bei Matrei. Jetzt hält Vormann ein neues, genaueres Wettergutachten in der Hand, das er vor einigen Tagen angefordert hat. Es belegt eindeutig, dass es an der Bahnstrecke in den Tagen vor dem Mord nur am 30. April 1999 zwischen Mitternacht und 21 Uhr geregnet haben kann. Anna muss also in diesen 21 Stunden mit einem Zug über den Brenner gekommen sein. Eine Zugfahrkarte haben die Ermittler bei Anna aber nicht gefunden. Vormann weiß von Freunden der Tschechin, dass sie öfter per Anhalter unterwegs war, das bringt ihn auf eine Idee: die »Rollende Landstraße«, ein Zug, mit dem Lkw samt Fahrer über den Brenner transportiert werden. Die Plätze müssen bei Ökombi, einer Firma mit Sitz in Wien, gebucht werden, das heißt: Der Fahrer, der Anna mitnahm, wäre zu finden.

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Serienmörder suchen sich häufig Berufe, in denen sie viel unterwegs sind. Ein Lkw-Fahrer sieht ständig potenzielle Opfer, entdeckt vielleicht den idealen Ort, um eine Leiche zu deponieren. So gesehen ist Fernfahrer ein guter Beruf für einen Serienmörder.

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Es ist kurz nach 23.30 Uhr am 29. April 1999, als Frank Thäder auf der Brennerautobahn einige hundert Meter nach der Autobahnraststelle Nogaredo in eine Notfallbucht fährt und anhält: Eine Frau steht am Straßenrand, sie winkt, will mitfahren. Thäder beugt sich herüber und öffnet die Beifahrertür. »Wohin fährst du?«, fragt sie, ihr Akzent klingt osteuropäisch. »Nach Deutschland«, sagt er, »willst' mit?« Sie nickt. Die Frau ist sehr klein, 1,48 Meter nur, und zierlich. Die hellblond gefärbten langen Haare gefallen Frank Thäder, er lässt sie einsteigen. Thäder weiß nicht so recht, worüber er sich mit ihr unterhalten soll, lockerer Umgang mit Frauen ist nicht seine Stärke. Obwohl er öfter Anhalterinnen mitnimmt. Sie macht den Anfang. »Ich heiße Anna«, sagt sie.

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Der überwiegende Teil der Serienmörder kannte die Opfer vor der Tat nicht. Bewusst oder unbewusst treffen die Täter jedoch eine Auswahl, sehr häufig werden Anhalterinnen und Prostituierte Opfer von Serienmördern. Beide begeben sich freiwillig in die Kontrolle anderer Personen, beide werden nicht so schnell vermisst, wenn sie verschwinden. Im Polizeijargon heißen sie Hochrisikogruppen.

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Für Werner Vormann beginnt Ende Februar 2003 die Kleinarbeit: Von der Firma Ökombi kamen die Listen der Züge, die am 30. April 1999 bis 21 Uhr den Brenner überquert haben: 13 Züge mit den Zugnummern 42132 bis 42154, darauf standen 226 Lkws von Speditionen aus Griechenland, der Ukraine, Finnland, Litauen, Polen, Lettland, Norwegen, Deutschland, Italien und Österreich. Jede Spedition muss kontaktiert, jeder Fahrer ermittelt und befragt werden: Alle könnten Anna mitgenommen haben. Vormann gründet die Arbeitsgruppe »Anna«, zu viert wollen sie die Liste in acht Wochen abgearbeitet haben.

Im März 2003 kommen die Ermittlungen rund um die Rollende Landstraße ins Stocken: Für jeden einzelnen Schritt im Ausland sind Rechtshilfeersuchen nötig. Deswegen haben Vormann und seine Rosenheimer Gruppe sich vorgenommen, wenigstens all die Lkw-Fahrer, die öfter durch das Inntal fahren, selbst zu treffen. Einer von ihnen wohnt im österreichischen Mittersill. Das ist nur eine Stunde Fahrzeit vom Parkplatz »Gletschergarten« entfernt.

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Um 1.19 Uhr am 30. April 1999 fährt Frank Thäder seinen Lkw durch die Mautstelle Sterzing am Fuße des Brenners. Es hat angefangen zu regnen. Thäder ist müde, es war ein langer Tag. Aber er hofft auf ein sexuelles Abenteuer mit der Anhalterin, das hält ihn wach. Wenn er unterwegs ist, stört er sich nicht daran, dass er verheiratet ist. Seine Frau wird das nicht mitbekommen. Thäder ist angespannt, Anna soll jetzt sagen, was Sache ist. Um 1.38 Uhr lenkt er den Lkw auf der Zufahrt zur Rollenden Landstraße durch die Abrechnungsstelle für Ökopunkte. Anna sitzt neben ihm.

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Serienmörder sind fast immer egozentrische, auf sich selbst fixierte Persönlichkeiten, leicht zu kränken und labil. Mitleid mit anderen Menschen ist ihnen fremd.

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Der Zug mit den 18 Lastwagen setzt sich am 30. April 1999 um 2.56 Uhr am Brenner in Bewegung. Eigentlich müssten alle Lkw-Fahrer in einen Wagon hinter der Lokomotive. Frank Thäder und die Anhalterin sind im Führerhaus geblieben, sie haben sich in der Koje versteckt. Thäder wird später sagen, Anna habe das vorgeschlagen. Er ist zufrieden, »es geht was«, denkt er sich.

Eine halbe Stunde später sitzt Thäder auf dem Fahrersitz, raucht und denkt nach. Noch immer regnet es, trotzdem hat er das Fenster geöffnet, er braucht Luft. Hinten, in der Koje, liegt Anna. Sie ist bewusstlos. Das hat sie nun von ihren halben Sachen, sagt sich Thäder. Mit der Hand wollte sie es ihm machen, hat ihn scharf gemacht und wollte ihn dann doch nicht ranlassen. Aber nicht mit ihm. Er hat sie geschüttelt und gewürgt, sich genommen, was er wollte, nach ein paar Minuten war es vorbei. Sie hat geschrien und ihm mit Freunden gedroht, die ihn fertig machen würden. Aus Wut hat er ihre Handtasche aus dem Fenster geworfen. Dann hat er sie wieder gewürgt und ihren Kopf gegen die Wand geschlagen. Jetzt liegt sie da.

Thäder drückt seine Zigarette aus und geht noch einmal nach hinten. Dort nimmt er Annas Gürtel und legt ihn ihr um den Hals. Dann zieht er zu. Als Frank Thäder ein paar Minuten später wieder nach vorn ins Führerhaus steigt, ist Anna Kolarova tot.

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Serienmörder töten, entweder um ein direkt vorangegangenes Verbrechen, wie eine Vergewaltigung, zu verdecken oder weil die Tötung selbst ihnen Befriedigung verschafft. Sie suchen die Macht über andere Menschen, um Ohnmachtsgefühle aus ihrem normalen Leben zu kompensieren. Solchen Tätern geht es nach einem Mord besser. So wird aus der Tat ein Ausweg aus eigenen Problemen und das Töten zu einer Art Sucht. Deswegen werden die Abstände zwischen den Taten von Serienmördern in der Regel immer kürzer.

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Am Morgen des 4. April 2003, fast vier Jahre nach Annas Ermordung, ruft Werner Vormann den in Mittersill wohnenden Lkw-Fahrer an und sagt, er würde ihn gern treffen. Frank Thäder klingt freundlich am Telefon. Sie vereinbaren einen Rastplatz an der deutsch-österreichischen Grenze als Treffpunkt.

Werner Vormann und sein Kollege Fritz Maier sind ein paar Minuten zu früh dran. Als Thäder kommt, erklärt Maier ihm den Grund für das Gespräch und zeigt das Foto von Anna Kolarova, mit dem 1999 in Italien und Deutschland nach Zeugen gesucht wurde.

»Kennen Sie die Frau?«, fragt Vormann. Thäder schüttelt den Kopf, lächelt. »Nie gesehen«, sagt er.

»Haben Sie was dagegen, wenn wir einen DNA-Test vornehmen?«, fragt Maier dann.

»Nein, natürlich nicht. Jetzt?« Thäder lächelt wieder.

»Ja, am besten gleich«, meint Maier, Thäder nickt. Werner Vormann holt aus dem Wagen einen kleinen Plastikbeutel mit zwei Stäbchen, an deren Ende sich jeweils ein hart gepresster Wattekamm befindet. Thäder öffnet den Mund, Vormann streicht die Mundschleimhaut ab und gibt die Stäbchen in ein Plastikgefäß, das mit dem Code DADA-03106 beschriftet ist, für die Untersuchung im rechtsmedizinischen Labor. Später wird Vormann sich erinnern, dass Thäder ausgesprochen locker und ruhig gewirkt hat. Unverdächtig.

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Vier Jahre zuvor, am 30. April 1999 um 8.40 Uhr, kommt der Zug mit den 18 Lkws in Manching bei Ingolstadt an. Die Rollende Landstraße ist hier zu Ende. Frank Thäder fährt seinen Sattelschlepper vom Zug, vorsichtig, es ist nicht viel Platz zum Rangieren. Einen Unfall kann er jetzt nicht gebrauchen: Hinter ihm liegt Anna tot auf der oberen Liege, zugedeckt mit ihrer Jacke und einer Decke. Thäder hat die Vorhänge der Koje vorgezogen, so kann man von außen nicht hineinsehen. Er fährt auf die A9 in Richtung Norden. Von 8.55 Uhr bis 9.00 Uhr macht er Halt an der Rastanlage »Köschinger Forst« und kauft eine Vignette. Dann steuert er seinem nächsten Ziel entgegen: Redwitz im Raum Coburg. Anna fährt mit ihm.

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Am Vormittag des 9. April 2003 bekommt die Münchner Rechtsmedizinerin Katja Anslinger ein Päckchen mit sieben DNA-Proben. Am nächsten Tag untersucht sie die Proben und erstellt DNA-Identifizierungsmuster. Sie holt sich die gespeicherte DNA des bei Anna Kolarova gefundenen Spermas auf den Bildschirm und vergleicht die Ergebnisse. Die DNA-Probe mit der Nummer DADA-03106 stimmt überein. Um 15.22 Uhr schickt Katja Anslinger die Datei an ihren Drucker. Um sicherzugehen, muss sie aber erst noch das zweite Stäbchen dieser Probe untersuchen, die »Doppelbestimmung« ist gesetzlich vorgeschrieben. Am Freitagnachmittag gegen 15 Uhr, kurz vor Werner Vormanns Dienstschluss, klingelt das Telefon auf seinem Schreibtisch. »Übereinstimmung«, meldet Anslinger, »ganz sicher.« Sie gibt den Code durch und Vormann vergleicht mit seinen Unterlagen: Frank Thäder. In ihrem Gutachten wird Anslinger später schreiben, die Wahrscheinlichkeit, dass noch jemand außer Thäder diese DNA-Merkmale aufweise, stehe bei eins zu 161 Milliarden.

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Für die Fahndung nach Serienmördern ist das DNA-Verfahren ein enorm wichtiger Schritt. Allerdings sind andere europäische Länder in der Erfassung und Katalogisierung der DNA-Spuren, die an Tatorten gefunden wurden, längst nicht so weit wie Deutschland.

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Um 12.23 Uhr des 30. April 1999 verlässt Frank Thäder Redwitz und fährt weiter nach Nürnberg. Dort kommt er um 14.17 Uhr an und der Rest der Fliesen wird entladen. Später werden sich weder Lademeister noch Arbeiter oder Handlanger daran erinnern können, dass der Lkw-Fahrer irgendwie nervös gewirkt hätte. Um 18.08 Uhr lenkt Frank Thäder seinen Lkw aus dem Hof der Firma und fährt wieder Richtung Süden, Österreich. Noch immer liegt Anna in der Koje. Ihr Körper ist inzwischen kalt.

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Nach dem positiven Ergebnis der DNA-Probe bespricht Werner Vormann sich mit Staatsanwalt Gerhard Bauer. Noch haben sie den Mörder nicht gefunden, das wissen beide. Für einen Haftbefehl braucht Bauer mehr. Ein Täterprofil: Alter, Herkunft, Vorleben, Hobbys, feste Gewohnheiten, Freunde, Bekannte, vielleicht Verhaltensauffälligkeiten oder Vorstrafen.

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Der Prozentsatz der Serienmörder, die schon vor ihrem ersten Mord strafrechtlich auffällig waren, liegt bei fast 80 Prozent. In Morddezernaten findet man deswegen sehr viele Menschen, die sich für eine generelle Katalogisierung der DNA aller Straftäter einsetzen, auch wenn es sich nur um Diebstahl oder sexuelle Belästigung handelt. Natürlich werden nicht alle, die Dessous von fremden Wäscheleinen nehmen oder einer Frau im Zug an die Brust fassen, zu Sexualmördern. Aber manche eben schon.

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Die Rosenheimer Arbeitsgruppe »Anna« macht im April 2003 schnell Fortschritte. Die Gerichtsakten aus DDR-Zeiten sind umfangreich: Thäder, Frank, geboren 1959 in der Kleinstadt Rosslau in Sachsen-Anhalt, viertes von fünf Kindern der Schneiderin Waltraud Thäder, der einzige Junge. 1962 findet er seinen Vater erhängt auf dem Dachboden, da ist er drei Jahre alt. Mit 14 Jahren bedrängt er zum ersten Mal eine Frau sexuell, auf einer Zugtoilette. Dann, im Juni 1975, belästigt Thäder, jetzt 15, ein Mädchen in einem Freibad. Schließlich, in den achtziger Jahren, drei versuchte Vergewaltigungen mit brutaler Gewalt: ein gebrochenes Nasenbein, Würgemale am Hals, abgesplitterte und ausgeschlagene Zähne. Eines der Opfer, das Vormann besucht, ist heute noch gezeichnet: Die von Thäders Schlägen aufgeplatzte Haut an ihren Wangen hat Narben gebildet. Zwei Haft-strafen musste Thäder absitzen, insgesamt fast fünf Jahre. Vor allem eines fällt Werner Vormann auf: Bei allen drei versuchten Vergewaltigungen setzte Frank Thäder danach seinen geplanten Tagesablauf fort, als sei nichts gewesen. Zum Beispiel ging er anstreichen, damals verdiente Thäder sich als Maler etwas Geld dazu.

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Es ist schon dunkel, als Frank Thäder am 30. April 1999 um 21.23 Uhr in den Autobahnparkplatz »Gletschergarten« einbiegt. Jetzt muss es schnell gehen. Thäder klettert nach hinten, zieht Anna Schuhe und Jacke an und hebt sie von der Liege auf die Vordersitze. Dann steigt er über sie hinweg, öffnet auf der Beifahrerseite die Tür und springt hinaus. Draußen nimmt Frank Thäder die tschechische Anhalterin auf die Schulter, klettert eine kleine Böschung hinauf und legt sie dort hin. Mit ein paar morschen Zweigen deckt er die Leiche ab, läuft dann zurück zum Lkw.

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Auch Serienmörder lernen am Erfolg: Was sich bewährt hat, wird beim nächsten Mal oft wiederholt. So werden sie routinierter, verhaltenssicherer, »besser«. Andererseits entsteht so auch ein Tatmuster, das indirekt dann auch wieder der Polizei nützlich sein kann.

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Um 21.30 Uhr des 30. April fährt Frank Thäder wieder auf die A 93 in Richtung Kufstein, um 21.46 Uhr überquert er die Grenze nach Österreich und um 23.30 Uhr stellt er den Lkw auf dem Firmenparkplatz in Mittersill ab. Wenig später ist er zu Hause, bei seiner Frau. Er hat sie nach seiner zweiten Haftstrafe kennen gelernt, 1991. Sie weiß, dass ihr Mann im Gefängnis war. Aber sie hat ihn nie danach gefragt. Einer österreichischen Reporterin wird Karin Thäder später sagen, die Mutter ihres Mannes habe ihr erzählt, er habe zwei Ärzte geohrfeigt und sei deswegen im Knast gesessen. In einem Interview mit einem italienischen Reporter wird sie die Vorstrafen verharmlosen: Die Frauen hätten ja auch gewollt. Der Polizei wird Karin Thäder sagen, sie hätten eine glückliche Ehe geführt. Am 1. Mai 1999 hat Frank Thäder frei. Er füttert seine Kaninchen, gießt die Zimmerpflanzen und reinigt das Aquarium.

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»Die Grausamkeit der Taten wird nur noch von der Banalität der Biografien der Täter übertroffen« ­ ein Satz von J. Reid Meloy, amerikanischer Wissenschaftler und Kriminalpsychologe. Tatsächlich gibt es den hoch intelligenten Serienmörder fast nur in Hollywoodfilmen.

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Werner Vormann wartet schon, als Frank Thäder am 22. Mai 2003 um 7.40 Uhr mit seinem Lkw in die Raststelle »Samerberg Süd« einbiegt. Die Festnahme verläuft glatt, Thäder wehrt sich nicht, er ist vollkommen überrascht. »Ich war das nicht«, sagt er. Bei der zeitgleichen Durchsuchung seines Hauses findet die österreichische Polizei ein Holzfällerhemd, dessen Fasern identisch sind mit Fasern, die von der Spurensicherung an einem Gebüsch auf dem Parkplatz »Gletschergarten« sichergestellt wurden. Dort, wo es zur Böschung hinaufgeht, hinter der Anna lag. Den ganzen Tag über wird Thäder von Werner Vormann und seinem Kollegen Fritz Maier verhört. Am Abend gesteht Frank Thäder, dass er der Mann ist, den Werner Vormann mehr als vier Jahre lang gesucht hat: Annas Mörder. Gegen Mitternacht unterschreibt Vormann das Verhörprotokoll, es sind insgesamt 161 Seiten.

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Nachtrag: Am 13. Juli 2004 wird Frank Thäder wegen Mordes an den Anhalterinnen Anna Kolarova und Carmen Wieser zu lebenslanger Haft verurteilt, außerdem stellt der Richter die besondere Schwere der Schuld fest. Das heißt: Thäder kann nicht vorzeitig entlassen werden. Die Österreicherin Carmen Wieser hatte Frank Thäder im November 2000 im Südtiroler Innichen mitgenommen, ermordet und bei Venedig in einen Straßengraben geworfen. Als Frank Thäder diesen Mord im September 2003 Werner Vormann gesteht, bedeutet das die Freiheit für einen Südtiroler, der zwei Jahre lang unschuldig in Venedig in Untersuchungshaft gesessen hat. Ein dritter Mord mit ähnlichem Tatmuster wird seit drei Tagen vor dem Landgericht Traunstein verhandelt: Die Albanerin Albana Celmeta wurde im Mai 2001 in der Nähe von Treviso aufgelesen, erstickt und schließlich in einem Industriegebiet bei Padua abgelegt. Die Polizei fand ihre DNA in einem Lkw, den Thäder zur Tatzeit fuhr.

Die Südtiroler Polizei wird der Traunsteiner Staatsanwaltschaft in Kürze die Akten eines vierten Falles übergeben: Im Juli 1997 wurde die Leiche der albanischen Prostituierten Irena Quose gefunden, ebenfalls in einem Industriegebiet bei Padua. Weitere mögliche Opfer: die 19-jährige Albanerin Ermonela Hameti und die 27-jährige Ungarin Ference Bernath. Ihre Leichen wurden im August 1997 in Maisfeldern bei Venedig entdeckt. In Italien, zum Beispiel im Piemont und in der Lombardei, aber auch in Deutschland werden derzeit noch andere Fälle überprüft, in denen Thäder als Täter gilt.

Frank Thäder hat seine Geständnisse mittlerweile widerrufen. Er habe nichts getan, sagt er. Gar nichts.