AUF HOCHTOUREN
Trotz mörderischem Aufstieg und ungesicherter Abfahrt kehren immer mehr Wintersportler planierten Pisten mit Schlepplift den Rücken. Oder gerade deshalb?
NEON Ausgabe Januar 2007
Von Bastian Obermayer
Zwanzig Höhenmeter unter dem Gipfel des Roccabella lasse ich mich in den Schnee fallen. Mir ist schwindlig. Meine Oberschenkel zittern. Meine Schienbeine bluten. Über mir zieht die Karawane weiter.
Christian, Andi, Barbara, Frank und Andreas drücken ihre breiten Tourenski in den hartgefrorenen Untergrund. Belasten die inneren Kanten, um nicht abzurutschen, auf diesem letzten Stück unter dem
Gipfel. So schieben sie sich Schritt für Schritt der Schneekrone entgegen. Ich kann nicht mehr, der Berg hat mich geschafft. »Geht’s?«, ruft Andreas besorgt herunter, mein Bergführer, genauer gesagt:
Bergführer-Anwärter. Ich schüttle den Kopf. Es geht nicht.
Vor ungefähr drei Stunden haben wir uns an einem Liftparkplatz bei Bivio getroffen, im Engadin, eine Passstraße von St. Moritz entfernt. Ein gutes Dutzend Berge lässt hier in ihrer Mitte Platz für
ein schmales Tal, das Cavrecciatal. Rund herum steigen Felswände empor, kahl und vereist. Über einer dieser Wände thront der 2730 Meter hohe Roccabella, unser Ziel für meine erste Skitour. Ski fahren
kann ich ganz ordentlich, es wird Zeit, endlich auszuprobieren, wovon mir immer mehr Freunde vorschwärmen: Skibergsteigen, so der Fachausdruck. Das Aufsteigen sei fast Meditation, sagen sie, die
weiße, unberührte Natur wie ein Tempel. Und die Abfahrt im Tiefschnee lasse alle Anstrengungen vergessen. Auch der Deutsche Alpenverein (DAV) stellt fest, dass die Zahl der Tourengeher größer wird,
rund 300 000 sollen es schon sein, die von Anfang Dezember bis Ende Mai mit Rucksack und Kunstfellen unter den Skiern in Richtung Gipfel stapfen. Besonderen Zuwachs verzeichnet der DAV in der Gruppe
von 25 bis 40 Jahren. »Das sind diejenigen, die im Sommer gerne wandern gehen und auch im Winter ins Gebirge wollen. Und zum anderen Skifahrer, die eine Alternative zu überfüllten Pisten suchen und
denen Liftfahren zu teuer wird«, sagt Andrea Händel vom DAV. Viele Skibergsteiger gehen sogar entlang der Lifte auf den Berg und fahren dann über normale Pisten ab. In den letzten Jahren waren es so
viele, dass der DAV ein Faltblatt mit Verhaltensregeln herausgab: nur am Pistenrand aufsteigen, hinter- und nicht nebeneinander gehen, auf den Skibetrieb achten und so weiter. Uns ist das heute egal,
wir laufen durch menschenleeres Gebiet. Außer Christian, Jurist und Ab-und-zu-Mountainbiker, und mir sind alle erfahrene Tourengänger, uns beiden zuliebe werden sie heute nicht an ihre Grenzen gehen.
»Das wird keine wilde Sache, nur tausend Höhenmeter«, sagt Andreas. Er grinst dabei ein bisschen.
Sorgen machen mir erst mal nur die Lawinen: Im vergangenen Winter starben allein in den Schweizer Alpen fünf Tourenskifahrer den »weißen Tod«. Oft sind es Leute, die zu viel riskieren oder zu wenig
wissen. »Wer sich nicht mit Schnee, Wetter und Temperatur auskennt, sollte in den Lift steigen und über gewalzte Pisten abfahren«, sagt Andreas. Oder jemanden wie ihn dabeihaben. Andreas hängt mir
einen Lawinenpiepser um, schaltet für den Funktionstest meinen Apparat auf Senden und seinen auf Empfang. Er geht ein paar Schritte weg und ortet mich: Je näher er mir kommt, desto lauter piepst es
aus seinem Gerät. Gefunden. Andreas hatte mir gemailt, was in den Rucksack gehört, eine sehr lange Liste. Aber: Er ist der Bergführer und wird schon wissen, was man braucht. Also lief ich wochenlang
damit durch München und kaufte Funktionsunterhemden, Blasenpflaster, Müsliriegel, eine Thermoskanne, einen Hüttenschlafsack aus Seide, Handschuhe zum Hochgehen, welche zum Runterfahren.
Tourenskistiefel lieh ich aus einem Sportgeschäft, Skistöcke, Harscheisen, Lawinenschaufel, Lawinensonde, Skier und die Kunstfelle, die darunter geklebt werden, damit man nicht abrutscht, brachte
Andreas mit. Es ist ein erheblicher Aufwand, mit Skiern auf einen Berg zu steigen.
Den schweren Rucksack auf die Schultern gehievt, und los: Andreas geht voran, und wir hinterher. Geradewegs den Berg hinauf, über unberührte Hänge, die kitschig in der Sonne glitzern. Nach zwei
Hängen spielt sich die Bewegung ein: Fuß heben, den daran hängenden Ski nach oben schieben, belasten und den anderen nachziehen. Ein bisschen wie Langlaufen, nur viel langsamer. Und viel
anstrengender: Ich fange an zu schwitzen. Frank stapft vorbei. Er hat sich für die Tour ein Snowboard geliehen, das man für den Aufstieg in der Mitte auseinanderbauen kann: Dann sind es zwei kürzere,
breitere Skier. Die meisten Snowboarder, die Touren gehen, schnallen sich das Brett auf den Rücken und laufen mit Schneeschuhen den Berg hinauf. Schweißtropfen rinnen an meiner Gletscherbrille
entlang. Ich quetsche erst meinen Anorak, eine halbe Stunde später auch die Fleecejacke in den Rucksack, dann Mütze und Handschuhe. Wir durchqueren ein Hochplateau, steigen dann über ein paar sanfte
Hügel. Immer im selben Tempo, es ist ein leises, gleichmäßiges Schlurfen im Schnee.
Vor dem ersten schwierigen Stück versammelt Andreas uns um sich. Ein bisschen schaut er aus wie ein echter Skilehrer, mit Dreitagebart, langen Haaren und Dauergrinsen. »Jetzt wird es steiler, da
müssen wir zickzack gehen und dafür immer wieder die Richtung wechseln«, sagt Andreas. Deswegen bringt er uns die Spitzkehre bei, eine Art Wendemanöver: am Hang mit Schwung und Skiern an den Füßen
einmal um die eigene Achse. Nicht ganz einfach. Die anderen frieren schon, als ich meine erste Spitzkehre zusammenbringe. Jetzt beginnt die Tour erst richtig. Immer wieder fällt einer von uns zurück.
Erst Frank, dann Christian. »Die kommen schon wieder«, sagt Andi, während er mit seinem Stock im Schnee herumstochert, um zu prüfen, ob die Konsistenz sich durch die Sonne verändert hat. Andi und
Andreas sind im Winter fast jedes Wochenende auf dem Berg. Im Sommer eigentlich auch, dann gehen sie bergsteigen. Gemeinsam besprechen die beiden Sportstudenten die beste Aufstiegsroute und gehen
voran. Unterwegs erklären sie, wann und wie Lawinen entstehen – »besonders gefährlich sind Temperaturwechsel und steile Nordhänge mit viel Neuschnee.« Irgendwann höre ich nur noch meinen laut
rasselnden Atem. Die anderen gehen scheinbar unermüdlich. Auch Frank und Christian haben mich längst überholt. Mich umschließt ein Tunnel, in dem nur der nächste Schritt zählt.
Immer im selben Tempo, es ist ein leises, gleichmäßiges
Schlurfen im Schnee
Eine halbe Stunde später liege ich im Schnee unterm Gipfel und kann nicht mehr. Beide Schienbeine tun nach fast drei Stunden Aufstieg höllisch weh. Andreas redet mir gut zu – »oben machen wir
Brotzeit!« – und bringt mich irgendwie dazu aufzustehen. Wie in Trance bewege ich meine Beine. »Weiter geht’s, wir haben nicht mehr viel!« Ein Schritt. Noch einer. Wieder ein Schritt. Plötzlich
schreien die anderen, die schon fast am Gipfel sind, begeistert auf und zeigen mit den Stöcken auf eine Mulde weiter unten. Dort stehen kerzengerade vier Murmeltiere und glotzen zu uns hoch. Eine
Stimme in meinem Tunnel kräht: »Du willst dich doch nicht von Murmeltieren auslachen lassen!« Ich werde wütend. Spitzkehre. Schritt. Noch ein Schritt. Es kotzt mich an, dass jeder Schritt wehtut,
dass ich am Ende bin, dass die anderen mehr Kraft haben als ich, dass ich hinterherkrieche. Schritt. Der Gipfel kommt näher. Noch ein Schritt. Eine letzte Spitzkehre, jetzt kann ich den Gipfel schon
sehen. Christian packt schon die Brote aus. Barbara verteilt Tee. Frank und Andi schütteln sich die Hand, der Gipfelgruß. In meinem Tunnel breitet sich eine dumpfe Euphorie aus.
Im nächsten Moment stecke ich die Ski in den Schnee und staune. Über den Ausblick. Die buckligen Berge. Über den blauen Himmel. Die gleißende Sonne. Über die Schneemassen. Über mich. Unsere Spur
zieht sich vom Taleingang über ein paar Hügel, schmiegt sich an steilere Hänge, am Schluss bleibt ein Zickzack von Skiabdrücken. Jetzt sitze ich ganz oben. Wie geil. Dass es neben mir hunderte Meter
in die Tiefe geht, lässt mich kalt. Ich bin zu erschöpft, um Angst zu haben.
Neuschnee und Hormone
Am Gipfel wird es schnell kalt. Vor allem, weil ich alles nassgeschwitzt habe, was ich am Körper getragen habe. Also bis auf die Haut ausziehen und mit tro ckenen Schichten einpacken. Nach der Brot
zeit verstauen wir die Felle in den Rucksäcken und machen uns bereit für den Weg nach unten, der viel schneller und unproblematischer sein wird. Als ich gerade meinen Lawinenpiepser zu rechtrücke,
setzt Andreas einen Helm auf, hebt das Kinn und bindet ihn gewissenhaft fest. Ich verstehe nicht: Ich habe keinen Helm, ein Helm stand nicht auf der Liste. »Den hab ich nur aus Gewohnheit an«,
behauptet Andreas. Andi und Barbara schnallen sich etwas Schlauchartiges um die Brust, dessen oberes Ende aussieht wie das Mundstück eines Schnorchels.
Eine Art künst liche Lunge: Sollte uns bei der Abfahrt eine Lawine erwischen, werden die beiden eine Zeitlang durch den Schnee atmen können. Ich nicht. Weil dieses Ding auch nicht auf meiner Liste
stand. »Das habe ich halt immer dabei, heute bräuchte ich es gar nicht«, sagt Barbara. Jetzt bereue ich auch, dass ich im Bergfachgeschäft nicht diesen Rucksack gekauft habe, der ein Luftkissen
ausspuckt, das einen in einer La wine an der Oberfläche hält. Andreas klopft mir beruhigend auf den Rücken: »Mach dir keine Sorgen, es ist heute nicht gefährlich.«
Nach drei Schwüngen vergesse ich das mulmige Gefühl, weil lauter begeisterte Hormone in mir herumschießen. Der Neuschnee staubt da von, die älteren Schneeschichten geben dem Druck der Ski nach, wir
ziehen unsere Spuren in einen Hang nach dem anderen. Keine Angst vor Betrunkenen oder rasenden Holländern, kein Umsehen nach quer fahrenden Anfängergruppen, keine gewalzten Skiautobahnen. Am
Parkplatz klopfen wir den Schnee von den Skiern, legen die Felle schön zusammen und breiten unsere Anziehsachen zum Trocknen in der Sonne auf dem Boden aus. Christian zieht Ski stie fel und Socken
aus und beklebt acht Blasen mit Bla senpflastern. Andi hat seinen Campingbus hier stehen und packt Stühle, Wurst, Brot und Bier aus. Frank dreht die erste Zigarette, Andreas kocht Kaffee, Barbara
legt sich in die Sonne. Ich bin unendlich müde und ein bisschen stolz. Als ich mich in einen Campingstuhl fallen las se, will ich nie wie der aufstehen. Ich denke an all die Pistenskifahrer, die
genau jetzt zwischen 300 an deren Men schen in einem stickigen Selbstbedienungsrestaurant an der Mittelstation sitzen und DJ Ötzi hören. »Morgen«, sagt Andreas, »gehen wir auf einen 3000er.« Ab dann
erinnere ich mich an nichts mehr.
Skitouren-Tipps
Wichtigste Regel: Als Neueinsteiger nie ohne Führer oder erfahrenen Begleiter auf Tour gehen. Wann? Es kann losgehen, sobald ein fester Schneeuntergrund vorhanden ist, meistens ab Anfang
Dezember. Die Saison dauert dann mindestens bis April, in höheren Lagen sogar bis weit in den Mai hinein.
Was mitnehmen? Alles, was ein Pistenskifahrer auch braucht, plus Tourenski und Felle und einen Rucksack voller Kleinkram wie Wechselwäsche, Brotzeit und Sonnencremes. Anfänger brauchen meist
Blasenpflaster, wenn sie am nächsten Tag weitergehen wollen. Normale Skischuhe und - stöcke können auch zum Skibergsteigen verwendet werden.
Sicherheitsausrüstung: Lawinenpiepser, Lawinenschaufel und Lawinensonde sind Standard. Alles weitere – Helm, AvaLung (künstliche Lunge) oder Lawinenrucksack – ist Geschmackssache und muss
den Berg hochgeschleppt werden.
Zum Ausprobieren: Viele Bergschulen in Wintersportorten bieten Schnupperkurse an, bei denen auch die notwendige Ausrüstung geliehen werden kann.
Für später: Jeder, der wirklich einsteigen will, sollte unbedingt ein bis zwei Lawinenkurse besuchen. Viele Ortsgruppen des DAV bieten solche Kurse an, mehr auf www.alpenverein.de, im
Bereich »Sektionen«. Bei vielen Sektionen kann man sich auch Ausrüstung wie Ski oder Verschüttetensuchgeräte, Schaufel und Sonde ausleihen.
Für gleich: Wer auf der Stelle eine Skitour gehen will, aber keine Ahnung von Lawinen hat, kann sich einen Bergführer mieten oder bei einer geführten Tour mitgehen. Möglich zum Beispiel bei
AlpIN & OUTdoor, Markus Stehböck, www. alpinundoutdoor.de, Tel. (0 80 28) 90 51 58, EMail: info@alpinundoutdoor.de.
Übernachten: Im Prinzip natürlich überall, aber am lustigsten ist es auf einer Hütte, von dort kann man am nächsten Tag gleich weitergehen. Der DAV betreibt in Österreich und Bayern 78 Hütten auch im
Winter, eine Übernachtung kostet zwischen zehn und zwanzig Euro.
Umweltschutz: Nicht durch Wälder fahren oder laufen, kleine Bäume und Sträucher brauchen Erholung. Auf Wildtiere Rücksicht nehmen: Nicht in der Dämmerung gehen und keine Hunde mitnehmen. Vor allem Schneehühner reagieren sehr aufgeregt auf Störungen und verbrauchen dabei so viel Energie, dass sie später erfrieren.
